Das gefährliche Phänomen "Toxic Positivity"

"Good vibes only": Kann uns eine positive Lebenseinstellung schaden?

Eine positive Lebenseinstellung um jeden Preis ist oft nicht nur wenig hilfreich, sondern sogar schädlich. Das behauptet eine Autorin.
Eine positive Lebenseinstellung um jeden Preis ist oft nicht nur wenig hilfreich, sondern sogar schädlich. Das behauptet eine Autorin.
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06. Mai 2021 - 9:27 Uhr

Der Druck des positiven Denkens

Wir streben doch alle nach dem gleichen: Glücklichsein! Aber eine positive Lebenseinstellung um jeden Preis ist oft nicht nur wenig hilfreich, sondern sogar schädlich. Denn: Positives Denken kann wahnsinnig viel Druck in uns erzeugen. Das sagt zumindest die Journalistin Anna Maas aus der Nähe von Hamburg.

„Die Happiness-Lüge: Wenn positives Denken toxisch wird“

Sie hat sich genau mit diesem Thema beschäftigt und bringt am 07. Mai ihr erstes Buch mit dem Titel "Die Happiness-Lüge: Wenn positives Denken toxisch wird" raus. Die Idee für ihr Buch ist während des Lockdowns entstanden, als sie diverse Nachrichten bekam, wie: "Mach da das Beste daraus, das ist doch eine super Chance, um den Keller auszumisten oder ein Bananenbrot zu backen".

Aber als Freiberuflerin ging es ihr nicht gut. Aufträge wurden abgesagt, die Kita fiel aus, sie und ihr Mann wussten einfach nicht, wie es weitergeht und haben sich große Gedanken um ihre Zukunft gemacht. Und ab diesem Zeitpunkt beschäftigte sich die zweifache Mutter mit der allgegenwärtige Glückssuche und dem Phänomen "Toxic Positivity".

Der Zwang zum Glücklichsein

In ihrem Buch untersucht die Journalistin, was wirklich dran ist an dem Zwang zum Glücklichsein. "Es geht darum, dass uns positives Denken als der einzig wahre Weg zum Glück 'verkauft' wird. Das kann wahnsinnig viel Druck aufbauen, weil vermittelt wird: Du bist deines Glückes Schmied, du bist dafür verantwortlich, dass du glücklich bist, du musst positiv denken, du musst ein Dankbarkeitstagebuch führen, du musst an deinem Mindset arbeiten. Im Umkehrschluss bedeutet das eben auch: Du bist schuld, wenn du schlecht drauf bist, du bist schuld, wenn es dir gerade nicht gut geht. Und du bist allein dafür verantwortlich. Das ist toxisch, denn so gerätst du in einen Teufelskreis: Es geht dir nicht nur schlecht, sondern du hast auch noch ein schlechtes Gewissen, weil es dir schlecht geht."

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Toxic Positivity: Was bedeutet das?

Wortwörtlich übersetzt bedeutet "Toxic Positivity" "Toxische Positivität", also eine giftige beziehungsweise ungesunde positive Einstellung. Die Buchautorin definiert es so: "Toxic Positivity beschreibt das Phänomen, zu glauben, dass eine positive Lebenseinstellung der einzige richtige Weg ist, sein Leben zu leben. Negative Emotionen haben keinen Platz in diesem Konzept."

"Toxisch positive Dinge sind nie böse gemeint"

Auch die Autorin Anna Maas hat solche "toxischen" Erfahrungen während der Pandemie erlebt: "Wann immer ich Instagram öffnete, leuchteten mir bunte Bilder mit Motivationssprüchen wie 'Lasst euch nicht die Frühlingsgefühle nehmen!' oder 'Don't forget to smile!' entgegen. Bananenbrot, Fitnessprogramme, Basteltipps. Das alles kam mir so banal vor. Ich weiß, dass das von niemandem böse gemeint ist – im Gegenteil. Und das ist auch das Schwierige daran: Toxisch positive Aussagen sind fast nie böse gemeint, sondern sollen Trost oder Aufheiterung sein. Doch in der Phase des ersten Lockdowns merkte ich: Nee, das tut mir nicht gut. Ich habe gerade eine doofe Woche und das ist auch okay. Ich will mir nichts 'Positives' aus den Fingern saugen müssen, sondern einfach mal jammern und schlecht drauf sein dürfen."

"Toxic Positivity" fließt in alle Lebensbereiche ein

Auch abseits von persönlichen Umständen begegnet einem das Thema "Toxic Positivity" immer wieder, unter anderem bei gesellschaftlichen und strukturellen Problemen. Beispiel Rassismus: "Immer wieder müssen sich Betroffene Sätze anhören wie 'Mach dich doch mal locker, beschäftige dich halt nicht so viel mit dem Thema und steh drüber, wenn andere Menschen rassistische Sprüche machen.' Aber würden alle Betroffenen so handeln, dann würde sich nichts ändern. Wir brauchen Wut und Ärger und vor allem den Mut, diese Emotionen zu zeigen, damit wir solche Probleme angehen können", erklärt die Autorin Anna Maas.

Der Schlüssel: Emotionale Akzeptanz

Eigentlich wollen wir der anderen Person ein gutes Gefühl vermitteln und dafür sorgen, dass es demjenigen oder derjenigen wieder besser geht. Die Autorin rät dazu, die eigenen Emotionen sowie die Emotionen anderer ernst zu nehmen und nicht klein zu reden. Wir sollten vom Denken, dass jeder ständig glücklich sein und am positiven Mindset arbeiten muss, wegkommen: "Wenn jemand unangenehme Gefühle teilt, nicht direkt sagen: 'Ach komm, dafür sind andere Dinge toll in deinem Leben' oder 'Mach dich einfach locker, da stehst du doch drüber'. Stattdessen sollten wir einfach mal zuhören und mitfühlen."

Mitgefühl zeigen

Zuhören, Mitgefühl zeigen, zu echten Gefühlen stehen – das ist laut der 33-jährigen Autorin der Schlüssel. "Es darf mir auch mal schlecht gehen – das gehört zum Leben dazu. Allein dieser Satz sorgt für große Erleichterung. Unangenehme Gefühle sind zudem Warnhinweise des Körpers. Wenn ich wegen jeder Kleinigkeit ausraste, dann stimmt etwas nicht. Wenn ich das nicht ernst nehme und meine Gefühle verdränge, indem ich mich 'auf das Positive fokussiere', dann kann ich mich nicht damit auseinandersetzen, welches Bedürfnis eigentlich hinter meinen Emotionen steckt. So wird das Gefühl immer schlimmer. Deshalb: Emotionale Akzeptanz statt toxischer Positivität – bei sich selbst und bei anderen."

„Good Vibes Only“ vs. „All Vibes Welcome”

Wie es besser geht, zeigt Anna Maas in ihrem Buch. "Good Vibes Only" lieber "All Vibes Welcome" – diese Beispiele zeigen, wie es geht.

Toxic Positivity:
Du musst positiv bleiben!
vs.
Empathie:
Ich verstehe, dass das gerade hart ist.

Toxic Positivity:
Alles passiert aus einem bestimmten Grund.
vs.
Empathie:
Das ist wirklich unfair! Was passiert ist, ist richtig scheiße, und es ist okay, dass du dich gerade mies fühlst.

Toxic Positivity:
Schau nach vorn und mach weiter, das wird schon wieder! vs.
Empathie:
Nimm dir so viel Zeit, wie du brauchst. Ich bin für dich da!

Toxic Positivity:
Das haben schon viele andere geschafft, das schaffst du auch. Locker!
vs.
Empathie:
Jeder hat andere Voraussetzungen, Grenzen und Fähigkeiten. Und das ist okay.

Toxic Positivity:
Jetzt zieh durch, egal, wie scheiße es dir dabei geht! Am Ende wirst du stolz sein, dass du durchgehalten hast!
vs.
Empathie:
Bertolt Brecht hat mal gesagt: "Wer A sagt, der muss nicht B sagen. Er kann auch erkennen, dass A falsch war."