Forscher rätseln über Gründe

Spanien: Was steckt hinter den mysteriösen Orca-Angriffen auf Boote?

Mysteriöse «Killerwal»-Attacken in Spanien
Mysteriöse «Killerwal»-Attacken in Spanien
© dpa, ---, vco fgj

07. Oktober 2020 - 10:34 Uhr

Immer wieder greifen die Wale Boote an

Das hat es noch nie gegeben: Vor den Küsten Portugals und Spaniens greifen Orcas seit Wochen immer wieder Boote an. Spanien verhängt ein Segelverbot, um Menschen und Tiere zu schützen. Was ist da los? Ein Experte vermutet Vergeltung, andere machen Stress verantwortlich.

Angriffe auf Menschen durch Orcas bislang kaum bekannt

Die Überraschung auf der "Mirfak" war groß, als Ende August plötzlich die Orcas engriffen – denn die erfahrene Crew wusste: Die bis zu zehn Meter langen und bis zu sechs Tonnen schweren Orcas attackieren eigentlich zwar andere Meeresgiganten und verspeisen neben Thunfischen, Heringen, Robben, Pinguinen und Seevögeln auch Delfine, andere Wale und sogar Haie. Sie gehen dabei teils ziemlich brutal vor - und wurden deshalb von Fischern "Killerwale" getauft. Auf Menschen oder Schiffe hatten es die Orcas - die der breiten Öffentlichkeit unter anderem von den "Free Willy"-Filmen bekannt sind - bisher aber nicht abgesehen. Bisher.

Dutzende Zwischenfälle mit Orcas

Denn vor dem Angriff auf die "Mirfak" hatte es im Juli und August bereits sechs Attacken an der Straße von Gibraltar, vier vor der Küste Portugals und dann auch eine vor der Küste Galiciens gegeben. Dann kam es im September vor der Nordwestküste Spaniens nach Berichten gleich zu mindestens 15 weiteren Zwischenfällen. Die Sequenz macht Sinn: Schwertwale ziehen im Sommer von der Küste Andalusiens durch portugiesische Gewässer hinauf zum Biskaya-Golf - den Thunfischen hinterher.

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Spanien verhängt Segelverbot

Die Forscher rätseln. Fischer und Segler zittern. Und die Behörden handeln bereits. Denn die Lage ist ernst. Das Verkehrsministerium in Madrid verhängte schon vor einigen Tagen in den betroffenen Gewässern ein Segelverbot für Boote und Schiffe mit einer Länge von weniger als 15 Metern. Nach neuen Attacken wurde die Verbotszone ausgeweitet. Diese Maßnahme diene "dem Schutz der Menschen und auch der Orcas", hieß es dazu am Donnerstag. Tierschützer und Behörden befürchten nämlich, dass es zu Gegenangriffen von Bootscrews kommt.

Warum greifen die Orcas an?

Das untypische Verhalten gibt Wissenschaftlern derweil Rätsel auf. Sie alle betonen, dass die Orcas gesellige Tiere seien, die wahrscheinlich "nur spielen" wollten. Wieso es aber plötzlich zu so vielen Zwischenfällen kommt, bei denen Schiffe und Boote so hart gerammt werden, bis sie oft das Ruder verlieren und nicht mehr manövrierfähig sind - dafür haben die Experten keine Erklärung.

Forscher sind ratlos

"Die einzige klare Antwort, die wir geben können, ist, dass wir keinen blassen Schimmer haben, was da gerade vor sich geht", räumte Juan Antonio Romero von der Stiftung Fundación Oceanográfic im Interview des Online-Wissenschaftsmagazins "Hipertextual" unumwunden ein. Der Meeresbiologe, der Orcas studiert und mit diesen mehrfach unbehelligt getaucht ist, meint, es habe praktisch nie Angriffe von Orcas auf Menschen gegeben. "Weder im noch außerhalb des Wassers".

Theorie 1: Die Orcas üben Rache

Inmitten der Sorgen und des Rätselratens meldete sich der Fachmann Víctor Hernández mit einer ungewöhnlichen Theorie zu Wort. Er sagte, die Orcas seien auf einer Art "Rachefeldzug". Eine von Orcabulle "Pingu" angeführte Gruppe von bis zu dreizehn Tieren attackiere Schiffe, weil sie Vergeltung für einen Angriff im Juli an der Straße von Gibraltar übe, bei dem zwei Weibchen unter anderem durch Harpunenschüsse verletzt worden seien. "Fischer und die Besatzung von Walbeobachtungsschiffen, die die Tiere sehr gut kennen, haben die verletzten Orcas gesehen und mir davon erzählt", sagte der Forscher, Umweltschützer und mehrfach ausgezeichnete Buchautor der Deutschen Presse-Agentur.

Theorie 2: Corona ist schuld

Die auf Meeressäuger spezialisierte Biologin María del Carmen Rodríguez hat eine andere Vermutung. Ihrer Ansicht nach könnte das ungewöhnliche Verhalten der Tiere eine Folge der Corona-Pandemie sein. Dem spanischen Radiosender Cope sagte sie: "Die Tiere hatten sich vielleicht an die Ruhe gewöhnt, die der monatelange Lockdown bei uns auch den Meeren gebracht hatte. Als es im Sommer dann plötzlich wegen des wieder zunehmenden Schiffsverkehrs wieder deutlicher lauter wurde, hat der Lärm die Tiere vielleicht gestresst und aufgebracht. Das könnte die Erklärung für diese ungewöhnliche Aggressivität sein, denn das Verhalten der vergangenen Wochen ist sehr rätselhaft."

Quelle: dpa/RTL.de