Opfer von 'Schweden-Fritzl': So erlebte Isabel Eriksson den Entführungs-Horrortrip

18. Januar 2017 - 18:49 Uhr

Wenn sie ihn töten würde, bliebe sie mit einer "stinkenden Leiche" zurück

Isabel Eriksson tritt unter falschem Namen auf, als sie erstmals über den Albtraum spricht, den sie erlebte. Eine Woche lang wurde die junge Frau von dem schwedischen Horror-Arzt Martin Trenneborg in einem Bunker festgehalten. Was dort im September 2015 geschah, hat die Eriksson jetzt im Fernsehen erzählt.

Es ist beeindruckend, wie gefasst und ruhig die Frau, die Mitte 30 ist, zum ersten Mal von ihrer Entführung berichtet. Eriksson war ihrem Entführer als Escortddame begegnet und zunächst begeistert gewesen. Nach dem ersten Date war es zu einer weiteren Verabredung gekommen, zu der ihr Kidnapper Sekt und Obst mitbrachte. "Ich erinnere mich, dass er mich mit Erdbeeren fütterte", erzählt sie in der Talkshow 'Skavlan'. Danach wurde sie bewusstlos, weil Trenneborg die die Früchte in KO-Tropfen getränkt hatte. Er verschleppte sie in ein abgelegenes Gehöft in Südschweden, mehrere Autostunden von Erikssons Wohnung in Stockholm entfernt.

Sie erinnert sich genau an den Moment, als sie neben ihrem Peiniger aufwachte. Zuerst habe sie auf ein Blechdach geschaut, dann einen Mann erblickt, der neben ihr auf einem Stuhl saß und sie beobachtete. "In meinem Arm steckte eine Kanüle, die ich mir schnell rauszog. Dann sagte er, dass er mich gekidnappt hat und plant, mich einige Jahre festzuhalten." Die junge Frau geriet in Panik: "Zuerst habe ich versucht ihn zu attackieren und zu fliehen. Ich habe ihn mit zwei Nägeln angegriffen. Aber ich war noch immer leicht betäubt."

Eriksson war ihrem Peiniger ausgeliefert. "Er sagte: Wenn ich es noch mal versuche, würde er mich ans Bett fesseln und es gäbe nur noch Knäckebrot zu essen." Selbst wenn sie ihn töten würde, käme sie nicht heraus und bliebe mit einer "stinkenden Leiche" zurück. Trenneborg erklärte ihr detailreich und voller Stolz, dass er alles selbst gebaut habe. Sie selbst hatte keine Ahnung, ob sie in einem unterirdischen Verlies oder über der Erde war. "Es war kalt und dreckig. Der Boden war aus Steinen, überall standen Zementsäcke."

"Ich will mein Leben wiederhaben"

epa05176532 (FILE) An undated file photograph showing the bunker, seen at the left at the farm of doctor Martin Trenneborg. Martin Trenneborg on trial facing charges of alleged kidnapping and raping a woman whom prosecutors said he planned to hold pr
Der Schuppen, in dem Martin Trenneborg Isabel Eriksson gefangen hielt (unten links), liegt abgelegen im Wald.
© picture alliance / dpa, Johan Nilsson, jmn pt

Ihr Entführer machte sich offenbar einen Spaß daraus, sie zu quälen und setzte gruselige Masken auf. "Ich dachte erst, es wäre jemand anderes. Ich sagte zu ihm, dass ich entführt worden bin und dass er mir helfen soll. Dann bemerkte ich, dass es der Entführer war. Er fand das lustig." Ständig suchte der 39-Jährige ihre Nähe. "Er wollte, dass wir zusammen einschlafen. Das war fürchterlich neben jemandem zu schlafen, der einen entführt hat. Er wollte die ganze Zeit Körperkontakt. Wir hatten aber nie Sex."

Obwohl Trenneborg beim Prozess ein hoher IQ bescheinigt wird, unterschätzte er offenbar das Ausmaß des öffentlichen Interesses an dem Fall. Erikssons Entführung schockierte das ganze Land, überall hingen Plakate der Vermissten. Schließlich verlor ihr Peiniger die Nerven und brachte sie zur Polizei. Sie sollte behaupten, sie sei freiwillig bei ihm. "Der Polizist hat mich in einen Raum geführt. Ich konnte mich nicht zusammenreißen und bin zusammengebrochen. Ich sagte dann, dass ich von dem Mann, der da draußen sitzt, entführt wurde."

Trenneborg wurde zu zehn Jahren Haft verurteilt. Sein Opfer verarbeitet die Folgen des Höllentrips noch. Sie habe Angst vor dem Tag, an dem er wieder freikommt und werde sehr lange an einer geheimen Adresse leben müssen. Doch Eriksson schaut nach vorne und will studieren und ins Ausland gehen. "Ich will mein Leben wiederhaben", sagt sie. Durch die Entführung habe sie begriffen, was im Leben eigentlich wichtig sei. "Vorher dachte ich an das viele, schnell verdiente Geld und an die Reisen. Das fand ich gut. Aber heute habe ich ganz andere Vorstellungen."

Der Fall erinnert an die Schreckenstaten von Joseph Fritzl, der seine eigene Tochter Jahrzehnte gefangen hielt und auch an den Fall Natascha Kampusch, die mehrere Jahre eingesperrt war.