Doping-Experte mit erschreckender Entdeckung

Kontamination von Athlet über Hautkontakt "problemlos möglich"

Hajo Seppelt beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema Doping und thematisiert dieses Problem unter anderem in renommierten Dokumentationen.
Hajo Seppelt beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema Doping und thematisiert dieses Problem unter anderem in renommierten Dokumentationen.
© dpa, Jens Wolf, jew wok

23. Juli 2021 - 9:12 Uhr

Seppelt erklärt Verdacht im Interview

In der Dokumentation "Geheimsache Doping - Wie Sportler ungewollt zu Dopern werden" stellt ARD-Dopingexperte Hajo Seppelt das weltweite Doping-Kontrollsystem infrage. Im Interview mit ntv zu seinem vierjährigen Experiment erklärt der Investigativjournalist, wie flüchtiger Hautkontakt zu positiven Dopingtests führen kann, was mögliche Dopinganschläge für Sportler bereits in Tokio bedeuten - und warum das gesamte Anti-Doping-System zusammenbrechen könnte.

"Ganz einfach über Hautkontakt"

Herr Seppelt, in Ihrer neuen ARD-Dokumentation unternehmen Sie ein weltweit einmaliges Doping-Experiment. Können Sportler ungewollt zu Dopern werden?

Hajo Seppelt: Wir haben in der ARD-Dopingredaktion vor viereinhalb Jahren einen Hinweis bekommen, dass eine Kontamination eines Athleten - ganz einfach über Hautkontakt, um ihn Doping-positiv zu machen - problemlos möglich sei. Um das zu überprüfen, haben wir ein Experiment gestartet mit Rechtsmedizinern der Uniklinik Köln. Weil alles von der Ethikkommission abgesegnet werden musste, hat das lange gedauert.

Welche Erkenntnisse haben Sie erlangt?

Es kam heraus, dass alle Testpersonen, denen man mittels einer Trägersubstanz Anabolika verabreicht hat, positiv getestet wurden. Und das oft über einen längeren Zeitraum von bis zu 15 Tagen. Das sind unglaubliche Ergebnisse.

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Auskunft über Wirkungsweise bleibt geheim

Ein einfacher Handschlag reichte aus, um das Dopingmittel zu übertragen?

Die Testpersonen wurden nur am Arm, an der Handinnen- oder Außenseite oder am Nacken berührt. Wenn das Sportler gewesen wären, wären sie bei Dopingkontrollen durchgefallen und vier Jahre oder länger gesperrt worden, obwohl sie überhaupt nicht gedopt haben.

Was ist das für eine Trägersubstanz, mit der Anabolika auf andere Personen übertragen werden kann?

Wir sagen nicht, welche Substanz das ist, weil wir keine Bedienungsanleitung für Doping veröffentlichen wollen. Aber sie wird tonnenweise in der chemischen Industrie hergestellt. Ein Allerweltszeug, das ganz häufig eingesetzt wird. Da heranzukommen, ist verhältnismäßig einfach. Die Uniklinik Köln wird das Experiment als wissenschaftliche Studie veröffentlichen, dann wird die Trägersubstanz sicherlich auch herauskommen.

"Corona-Spiele" mit neuem Problem

Was bedeuten mögliche Doping-Anschlagszenarien für Sportler?

Sportler haben nun möglicherweise noch mehr Angst als vorher. Bislang war es beispielsweise die Furcht, dass man irgendwas in ein Getränk gemischt bekommt oder jemand einem Dopingmittel in die Tasche schiebt. Jetzt ist es viel krasser: Es gibt das Szenario, dass man in die U-Bahn steigt, jemand sagt "Hallo" und beim nächsten Test ist man positiv. Und kein Mensch weiß, wo es herkam.

Könnte sowas auch bei den Spielen in Tokio eine Rolle spielen?

Ob es solche Anschläge schon geben wird, weiß ich nicht. Aber ich glaube schon, dass die Athleten Angst bekommen und noch vorsichtiger sein werden. Die Corona-Abstandsregeln spielen ihnen hier in die Karten. Die "Corona-Spiele" werden womöglich auch aus anderer Perspektive Spiele, die von großer Unsicherheit geprägt sind.

Rekorde hegen Verdacht

Sie sagten jüngst, dass die Olympischen Spiele in Tokio "auch Doping-Spiele" werden.

Doping hat auch Langzeiteffekte. In den letzten anderthalb bis zwei Jahren gab es phasenweise wenig oder gar keine Dopingkontrollen in manchen Gegenden der Welt. Das waren ideale Schlupflöcher, um zu manipulieren. Es ist schon auffällig, dass im letzten Jahr in einigen Sportarten, in der Leichtathletik oder im Radsport zum Beispiel, Rekorde gepurzelt sind. Das ist schon sehr auffällig und passt zu dem Muster, dass die Dopingkontrollen in einem geringeren Maße stattgefunden haben.

Erleben wir die Spiele mit der größten Chancenungleichheit?

Wir wissen nicht, wer und wie viele gedopt auflaufen in Tokio. Aber für diese Spiele wurde im Vorfeld gewiss nicht besonders für Chancengleichheit gesorgt. Die Lage ist unübersichtlich.

Unschuld schwer zu beweisen

Dopinganschläge, Übertragungen mittels Trägersubstanz über die Haut, Konkurrenten per Handschlag aus dem Verkehr ziehen: Das klingt wie aus einem James-Bond-Film.

Als ich gehört habe, dass sowas möglich ist, habe ich auch damit gerechnet, dass es passiert ist oder passieren wird. Einer der weltberühmtesten Doping-Insider hat mir bestätigt, dass er diesbezüglich immer wieder Gerüchte gehört hat und kann sich daher gut vorstellen, dass es auch schon Fälle gab. Beweise gibt es dafür noch nicht - wie soll man das auch herausfinden, wenn es unbemerkt passiert? Aber offensichtlich ist es kinderleicht und nicht detektierbar. Es ist völlig unmöglich herauszufinden, wer einen irgendwann mal kurz angefasst hat. Es gab natürlich zahlreiche andere Dopinganschläge im Sport, dabei fand aber wohl keine Übertragung über die Haut statt.

Welche Fragen muss das Anti-Doping-System nun beantworten, da die Betrugsmöglichkeiten schier grenzenlos wirken und man den Schuldigen praktisch nicht mehr ausfindig machen kann?

Mit unserem Experiment steht womöglich das Prinzip der Umkehr der Beweislast im Sport vor einer großen Belastungsprobe. Schuldig gilt man bisher mit einem positiven Dopingtest, bei Anabolika gibt es keine Grenzwerte. Das Prinzip, das ein Sportler bei einer positiven Dopingprobe beweisen muss, dass die Substanz unverschuldet in den Körper gelangt ist, wird nun ad absurdum geführt. Das war ja vorher schon schwer zu beweisen. Der Vorsatz müsste nun noch stärker als vorher nachgewiesen werden und das ist fast unmöglich im Sport. Es stellt sich die Frage, ob der Sport sein derzeitiges Anti-Doping-Kontrollwerk noch so strikt aufrechterhalten kann.

Neue Methode darf nicht zur Ausrede werden

Was müsste passieren, um es aufrechtzuerhalten?

Natürlich stellt sich jetzt die Frage, wie es im Anti-Doping-Kampf weitergehen kann, wenn das gesamte System in sich zusammenbrechen könnte. Jeder kann künftig behaupten, er sei Opfer eines Anschlags gewesen. Es gibt natürlich Möglichkeiten, neue Methoden und Strategien im Labor zu entwickeln. Etwa um zu schauen, ob es Langzeitanwendungen von Substanzen gab. Oder indem man neue Analysemethoden entwickelt, um zu schauen, über welche Weg eine Substanz in den Körper gelangt ist. Aber selbst wenn man das herausfindet, wer sagt dann, ob das jemand absichtlich oder unabsichtlich gemacht hat oder ob man Opfer eines Anschlags ist? Ich bin gespannt, was passiert, wenn jemand vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zieht. Denn eine Verfassungsrechtlerin hat uns gesagt, dass das System des Sports unter diesen Umständen so nicht mehr haltbar ist.

Mit Hajo Seppelt sprach David Bedürftig