Radsportdirektor ist nicht tragbar

"Kameltreiber"-Coach nutzt Trumps Sklaven-Ausrede

29. Juli 2021 - 7:15 Uhr

Ein Kommentar von David Bedürftig

Patrick Moster macht's wie Donald Trump: Erst teilt der Rad-Sportdirektor rassistisch aus, dann liefert er eine "Entschuldigung", die sich eines Trugschlusses bedient. Der DOSB lässt Moster im Amt - und wieder zeigt Deutschland einen mangelhaften Umgang mit Rassismus-Debatten.

Ausrufe müssen Konsequenzen haben

"Hol' die Kameltreiber", ruft Patrick Moster seinem Schützling, Rad-Profi Nikias Arndt, während des olympischen Einzelzeitfahrens in Tokio hinterher. Und dann gleich noch mal: "Hol' die Kameltreiber, komm". Gemeint sind die vor Arndt liegenden Azzedine Lagab aus Algerien und Amanuel Ghebreigzabhier aus Eritrea. Diese rassistischen und widerwärtigen Ausrufe des Sportdirektors des Bundes Deutscher Radfahrer müssen Konsequenzen nach sich ziehen. Denn Moster bedient altbekannte rassistische Muster, reißt Wunden auf und beleidigt gleich mehrere Bevölkerungsgruppen.

Kameltreiber ist eine stark abwertende Bezeichnung für Menschen mit mutmaßlich nordafrikanischem, arabischem oder türkischem Migrationshintergrund. Moster, Geburtsjahr 1967, greift damit einen Begriff auf, der besonders in den 1980er Jahren neben Schmähungen wie "Kümmeltürken" oder "Scheinasylanten" von Rechtsradikalen in Deutschland verwendet wurde, um eine Unterteilung von "wir" gegen "die" oder "Deutsche" gegen "Ausländer" herbeizuführen. Letztere wurden durch die Verwendung des Begriffs als gefährlich, kriminell und unerwünscht in Deutschland tituliert. Heute dominieren im rechten Spektrum ähnlich rassistische Ausdrücke für People of Color wie "Kopftuchmädchen" und "Messermigranten". Oder es ist von "Döner-Morden" die Rede, so wurde rechtsterroristische Mordserie des NSU vor dessen Enttarnung bezeichnet.

Zeichen gegen Rassismus bleibt aus

Wie kommt Moster in einer solchen Situation überhaupt auf diesen rassistischen Ausdruck? Das geht nur, wenn er verdammt locker sitzt. Aus Versehen aber passiert so eine Äußerung nicht - das würde ebenfalls nichts entschuldigen -, weil der Rad-Sportdirektor den Begriff zweimal hintereinander ausruft. Stattdessen verdeutlicht die Situation, wie tief rassistische Muster und Haltungen in der deutschen Gesellschaft immer noch verankert sind. Etwas, das man Menschen mit Rassismuserfahrungen nicht erklären muss, weil sie es täglich erleben. Doch weiße Deutsche müssen dahin gelangen, dass bei dergleichen Aktionen ihre Alarmglocken schrillen.

Auch beim FC Bayern fiel der rassistische Begriff "Kameltreiber", ein Jugendtrainer wurde dafür 2020 gefeuert. Rachid Azzouzi, Geschäftsführer Sport der SpVgg Greuther Fürth, wurde in seiner aktiven Zeit aus dem eigenen Fanblock ebenfalls mit der Schmähung beschimpft. 2018 bediente sich AfD-Politiker André Poggenburg des rassistischen Ausrufs in Bezug auf Deutsche mit türkischem Migrationshintergrund und in Deutschland lebende Türken, doch die Staatsanwaltschaft Dresden stellte ein Verfahren gegen ihn ein. Beste Gesellschaft für Moster also.

Sprache schafft Wirklichkeit. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) täte gut daran, eine solche Aktion nicht zu tolerieren und den Funktionär und Radtrainer Moster aus dem Team zu nehmen und zu bestrafen. Es wäre ein wichtiges Zeichen gegen Rassismus und für eine Null-Toleranz-Politik. Aber, obwohl DOSB-Präsident Alfons Hörmann erklärt, man stehe für die "Einhaltung der olympischen Werte Respekt, Fairplay und Toleranz", wird mal wieder offensichtlicher Rassismus unter den Teppich gekehrt. Hörmann spricht mit Moster - und dieser bleibt im Team. Schließlich habe der Trainer sich ja entschuldigt.

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Moster mit Trump-Ausrede

Nun, diese "Entschuldigung" ist eher eine Ausrede. "Im Eifer des Gefechts und mit der Gesamtbelastung, die wir momentan hier haben, habe ich mich in der Wortwahl vergriffen", sagt Moster, anstatt seinen Rücktritt anzubieten und ehrlich sein Fehlverhalten anzuerkennen und aufzuarbeiten. Denn egal, welche Situation und welche Belastung: Die Überzeugung, dass man mit diesen Beleidigungen einen Sportler anfeuern könne, zeigt, dass Moster als Führungsperson und Coach nicht mehr tragbar ist. Und egal, wie viel Eifer und wie viel Gefecht - die rassistische Beleidigung bleibt eine rassistische Beleidigung mit ernsthaften Konsequenzen für Menschen, die in vielen Gesellschaften benachteiligt sind.

Aber Moster hat noch eine weitere "Entschuldigung" parat: "Wir haben selbst viele Bekannte mit nordafrikanischen Wurzeln." Diese bekannte und ausgelutschte Phrase ist ein bewährter Mythos und Trugschluss, der oft von Weißen und Rechten (Donald Trump ist einer von ihnen) benutzt wird, um ihre Behauptung zu rechtfertigen, dass sie gegenüber Schwarzen und anderen People of Color (PoC) nicht rassistisch sein könnten. Als würde allein die Nähe zu PoCs weiße Menschen davon abhalten, rassistische Einstellungen zu haben oder rassistische Dinge zu tun oder zu sagen. Dabei leben wir in einer Gesellschaft, die ständig Signale aussendet, dass "weiß" das Ideal ist. Dadurch ist es durchaus möglich für Weiße, eine Bindung zu PoC aufzubauen und sich trotzdem überlegen zu fühlen und rassistische Stereotypen zu bedienen.

Mal wieder keine Konsequenzen

Das Muster von Mosters Ausrede stammt übrigens aus den Tagen der Sklaverei in den USA. Damals benutzten die Sklavenhalter die Aussage des "schwarzen Freundes", um eine falsche Erzählung zu malen, in der die von ihnen wie Vieh gehaltenen und behandelten Schwarzen ihre weißen Eigentümer liebten. Dadurch versuchten sie, eine nie auch nur im Ansatz existente Harmonie nach außen zu projizieren.

Mosters Trugschluss-Ausrede legt offen, wie tief rassistische Haltungen und Vorstellungen in der deutschen Gesellschaft (teilweise unbewusst) immer noch verankert sind, und dass es in Deutschland an einer offenen, ehrlichen und strengen Debatte über Rassismus mangelt. Vielen Weißen ist es unangenehm, über Rassismus zu sprechen - viele wissen nicht wie - oder sich gegen Rassismusvorwürfe zu wehren. Moster geht ohne Konsequenzen - wie so viele vor ihm - seinen Weg weiter, weil weiße Privilegien und Muster weißer Vorherrschaft weiterhin intakt sind. Der DOSB hat ein wichtiges Signal verpasst. (ntv.de)

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