Ob Grippe oder Krebs

Die Corona-Pandemie treibt die Forschung voran

Neuer Teamgeist in der Wissenschaft

Im Rekordtempo entwickelten die Forscher einen Impfstoff gegen das Coronavirus SARS-CoV-2. Innerhalb nur eines Jahres war ein Impfstoff verfügbar, erstmals mit der neuen mRNA-Technologie. Der schnelle Erfolg gelang auch, weil Wissenschaftler weltweit unter dem globalen Druck viel enger und offener zusammengearbeitet haben. Von dem Schub in der Forschung könnten auch andere Krankheiten wie Grippe, chronische Infektionen oder Krebs profitieren. Die Wissenschaftler rechnen mit weiteren neuen Impfstoffen und Medikamenten.

Physiker und Ingenieure im Team der Virologen

Eigentlich geht es in der Forschung von Professorin Ulrike Protzer, Direktorin des Instituts für Virologie am Helmholtz Zentrum München, um ein ganz anderes Virus. Sie untersucht das Hepatitis B–Virus mit dem Ziel, einen therapeutischen Impfstoff für Patienten zu entwickeln, die schon chronisch infiziert sind. Mit einer Impfung soll ein schwerer oder sogar tödlicher Verlauf der Erkrankung verhindert werden. Die schnelle Entwicklung eines Impfstoffs gegen das Coronavirus macht ihr Hoffnung, auch für ihre eigene Forschung. „Was wir gelernt haben, ist, wie schnell man doch auch gute Impfstoffe entwickeln kann“, so Protzer.

Und dieser Erfolg gelang vor allem, weil Wissenschaftler viel enger zusammengearbeitet haben als bisher. Sie tauschten Daten offen aus oder luden ihre Manuskripte frühzeitig hoch noch bevor sie in einer Fachzeitschrift veröffentlicht wurden. „Das bringt die Forschung schneller voran, das ist etwas sehr wichtiges“, findet Ulrike Protzer. Neu sei auch der Kontakt zu Wissenschaftlern aus völlig anderen Disziplinen. „Ganz egal, ob das jetzt Physiker sind, ob das Chemiker sind, ob das Ingenieure sind, die kamen jetzt einfach mit sehr viel Interesse in dieses Gebiet der Virologie hinein und das stimuliert das Ganze schon nochmal sehr“, findet die Virologin.

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Neue Impfstoffe gegen Grippe oder Krebs?

Erstmals gelang es, einen Impfstoff mit der sogenannten mRNA-Technologie zu entwickeln. Dabei werden dem Menschen keine abgetöteten Sars-CoV-2-Erreger injiziert, sondern man impft ihm lediglich die Bauanleitung für einen Bestandteil des Virus, eine Art Bauplan für die Antikörper. Das ist ein großer Erfolg aus Sicht der Wissenschaftler. „Wir haben jetzt gesehen, was diese Impfstoffe können“, so die Virologin Protzer, „was für ein schlagkräftiges Werkzeug das ist und wie gut man Immunantworten damit stimulieren kann. Das wird sicher auch Einfluss auf weitere Impfstoffentwicklungen haben“.

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Auch neue Medikamente entwickeln

Vorstellbar seien bessere Impfstoffe für die Grippe oder für Infektionen mit anderen Atemwegserregern. Auch in der Krebsmedizin oder bei chronischen Infektionen könnten diese Impfstoffe eine Rolle spielen. Die Virologin sieht noch mehr Anwendungen, sie glaubt, dass die mRNA-Technologie sich nicht nur für den Einsatz bei Impfstoffen eignet, sondern auch für die Entwicklung von Medikamenten.

Auch am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg ist die Aufbruchstimmung noch zu spüren. Im ersten Lockdown im März vergangenen Jahres entstand hier ein virtuelles Netzwerk von mehr als 110 verschiedenen Projekten mit Wissenschaftlern aus unterschiedlichen Disziplinen. Sie alle wollten mit ihren Methoden und Techniken zur Forschung am Coronavirus beitragen, das reichte von der Grundlagenforschung bis hin zur Entwicklung von Apps.

Den Teamspirit auch nach Corona bewahren

Ralf Bartenschlager, (Präsident der Gesellschaft für Virologie und) Leiter der Abteilung für Virus-assoziierte Karzinogenese am Deutschen Krebsforschungszentrum, ist von dem großen Teamspirit und dem weltweiten engen Austausch begeistert. „Das Teilen von Daten, das Teilen von Ergebnissen und diese sehr, sehr freie Kommunikation hat das Feld enorm nach vorne katapultiert“. Innerhalb eines Jahres einen Impfstoff gegen das Coronavirus zu entwickeln, diese Leistung hätte niemand vorher für realistisch gehalten, so Bartenschlager. Er wünscht sich vor allem, diesen Spirit beizubehalten, auch wenn die Pandemie vorbei ist.

Mit der Impfung Krebs verhindern

Und was bedeutet das für die Krebsmedizin? „Der Gewinn der Erkenntnisse war atemberaubend in dieser kurzen Zeit“, so Bartenschlager. Er sei sicher, dass man den mRNA-Impfansatz auch im Kontext von Krebs deutlich stärker nach vorne bringen könne, das gelte vor allem für die Prävention von Krebs mit einer vorbeugenden Impfung. Das Hepatits C-Virus etwa stehe im Zusammenhang mit Krebs. „Dafür gibt es bisher keine Impfung“, so Bartenschlager, „da wären zum Beispiel mRNA-Impfstoffe durchaus eine sehr interessante Alternative“.

Für die Therapie von Krebserkrankungen dagegen brauche es noch mehr Entwicklungsarbeit. „Ich bin da optimistisch, dass man auch in der Richtung noch deutliche Fortschritte erzielen kann und das dann eben auch für die Krebstherapie mit einer recht hohen Erfolgschance einsetzen kann.“

Infektiologie muss gestärkt werden

Die Corona-Pandemie hat die Forschung extrem beschleunigt, aber sie hat auch gezeigt, wie wichtig das Feld der Infektiologie ist. Das werde in Deutschland bisher sehr vernachlässigt, bedauert Protzer. Man habe in den letzten Jahren gedacht, dass Infektionserkrankungen besiegt seien. Sie fordert, die Infektiologie zu stärken, etwa einen Facharzt für Infektiologie einzuführen. „Wenn wir es schaffen, die Strukturen zu etablieren, die man braucht, um Infektionserkrankungen gut und schlagkräftig und auch schnell zu behandeln, dann sind wir mit dem was wir hier gelernt haben, für die nächste Pandemie auch gut gerüstet.“