Ihm drohte der Erstickungstod

Not-OP wegen Qualzucht! Hund Amadeus hat ein Loch im Hals

Amadeus ist der Chef im Tierheim Aschaffenburg
Amadeus ist der Chef im Tierheim Aschaffenburg
© Tierheim Aschaffenburg

26. Oktober 2021 - 14:21 Uhr

Amadeus atmet nur dank einer Röhre

Kulleraugen, niedliche Stupsnase, rundes Köpfchen. Was wir als total süß empfinden, ist die Folge grausamer Qualzucht. Auch die Französische Bulldogge Amadeus leidet darunter. Wenn Amadeus atmet, klingt es eher wie ein Schnaufen oder Röcheln. Dass er überhaupt noch am Leben ist, verdankt er engagierten Tierschützern und Tierärzten. Seit Anfang August lebt Amadeus im Tierheim Aschaffenburg. Der Leiter der Tierpflege, Lukas Kneisel, kommt aus dem Schwärmen nicht mehr heraus, wenn er über den kleinen Kerl spricht: Der Hund sei witzig, lebensfroh und total entspannt. Das einzige, was ihn daran hindert, das perfekte Haustier zu sein: Amadeus hat ein Loch im Hals.

Amadeus war in desolatem Zustand

Als Amadeus im Sommer zumächst bei der Tierschutzorganisation "Notpfote" abgegeben wurde, war er in einem "desolaten Zustand", erzählt Tierschützerin Babette Terveer im Gespräch mit RTL. Mit seinem Herrchen zusammen hatte der Hund wochenlang in dessen Auto gehaust. Der Mann hatte sich kurz zuvor von seiner Frau getrennt und wurde danach obdachlos, lebte als Autonomade. Die heißen Sommertage und das Leben im Auto setzten dem kleinen Hund zu, ihm ging es immer schlechter. Er bekam keine Luft, und dadurch ausgelöst, Panik und Stress. Der neun Jahre alte Rüde war kurz davor vor Atemnot zu sterben. Gerade noch rechtzeitig gab sein Herrchen ihn ab, so dass Amadeus versorgt werden konnte. Die Tierpfleger der "Notpfote" fanden schließlich in der Duisburger Tierklinik Kaiserberg ein Ärzteteam, das bereit und in der Lage war, Amadeus zu operieren.

Klassische Symptome von Qualzucht

Die französische Bulldogge wäre beinahe gestorben
Amadeus konnte vor seiner Operation kaum noch atmen
© Notpfote

Amadeus leidet unter den klassischen Symptomen der Qualzucht: Bei der Züchtung von Tieren werden bestimmte Merkmale geduldet oder sogar gefördert, die bei den Tieren Schmerzen, Leiden, Schäden oder Verhaltensstörungen verursachen. Zu den betroffenen Hunderassen gehört auch die Französische Bulldogge. Wie bei Amadeus wird hier die Brachyzephalie (Kurzköpfigkeit) gezüchtet. Ober- und Unterkiefer werden zusammen geschoben und verengt. Die gesundheitlichen Folgen dieser Kurzköpfigkeit sind dramatisch: Die betroffenen Tiere leiden unter Atemnot, dadurch verursachten Angstzuständen, Schlaflosigkeit und sogar Ohnmacht. Stressige Lebenssituationen können diese Symptome weiter verstärken. Und diese ganze Quälerei machen die Tiere durch für die von uns Menschen als niedlich empfundene Stupsnase!

RTL NEWS empfiehlt

Anzeigen:

Luftröhrenschnitt rettete Amadeus das Leben

Stress und Hitze hatten Amadeus in den Wochen vor seiner Operation extrem zugesetzt. Weil das Tier über Nase und Mund keine Luft mehr bekam, mussten die Ärzte der Duisburger Klinik sofort operieren. Bei der Operation wurden Amadeus' Nase, Lunge und Bronchien ausgehöhlt, um ihm eine freiere Atmung zu ermöglichen. Das half nur kurzzeitig. Sein Zustand besserte sich nicht. Der Kehlkopf zog sich wieder zusammen, wieder drohte Amadeus zu ersticken. Die Ärzte führten schließlich eine Tracheotomie durch, dem Hund also einen künstlichen Atemzugang zu legen. Eigentlich sollte die Kanüle später wieder entfernt werden. Doch das Lungenvolumen des gebeutelten Vierbeiners reichte nicht aus: die Kanüle muss bleiben. Amadeus wird sein Leben lang auf das sogenannte Tracheostoma angewiesen sein.

Amadeus braucht viel Zuwendung

Nach der Operation brauchte Amadeus noch viel Pflege von Menschen, die sich auskennen: Die Kanüle musste mehrfach am Tag gewechselt und gesäubert werden. Eine Aufgabe, die Tierpfleger Lukas Kneisel im Aschaffenburger Tierheim gerne übernahm. Mittlerweile ist die Pflege nicht mehr so aufwändig. Die Kanüle muss nur noch einmal am Tag ausgetauscht und desinfiziert werden.

Amadeus hofft jetzt auf ein neues Zuhause bei liebevollen Menschen. Tierpfleger Kneisel ist begeistert von Amadeus und dessen vielen positiven Eigenschaften. Amadeus sei "ein ganz toller Kerl, lebensfroh, kooperativ und aufgeschlossen." Ein Tier mit einem solchen Handicap brauche aber auch viel Zuwendung und Pflege. Amadeus wäre gut aufgehoben in einem ruhigen Haushalt bei jemandem, der in der Lage ist, mit diesem Handicap umzugehen. Er braucht keine ständige Bemutterung, aber jemanden, der aufmerksam ist. Denn sollte sich Amadeus kratzen und dabei aus Versehen sein Atemröhrchen entfernen, kann das für den kleinen Kerl tödlich enden. (psc)