Reicht das Azubigehalt?

Neue Mindestvergütung für 2021

Sonja Zehle macht eine Ausbildung als Friseurin
Sonja Zehle macht eine Ausbildung als Friseurin
© privat

05. Februar 2021 - 13:45 Uhr

550 Euro für das erste Lehrjahr

Wer 2021 mit der Ausbildung anfängt, bekommt mindestens 550 Euro. So steht es im Berufsbildungsgesetz. Das klingt erst einmal wenig. Was heißt das im Alltag? Wir haben mit Azubis über ihr Gehalt gesprochen.

Pendeln ausgeschlossen

Sonja Zehle ist 19 Jahre alt. Sie ist im zweiten Jahr ihrer Friseurausbildung. Auf ihrem Konto landen derzeit 619 Euro. Dazu hat sie ein Kindergeld von 219 Euro. "Insgesamt komme ich damit zurecht", berichtet sie. Und es ist mehr als sie erwartet hatte. Seit 2020 gibt es nämlich eine gesetzliche Mindestvergütung für Azubis, diese wurde in diesem Jahr nochmals angehoben. Sonja wäre von der Erhöhung der Lehrlingsgeldes 2020 eigentlich nicht betroffen gewesen, weil ihr Ausbildungsvertrag älter war. Aber ihr Chef hat ihr trotzdem denselben höheren Lohn gegeben. Dafür ist sie dankbar.

Mit ihrem Gehalt kann sie sich damit im Plattenbauviertel in Leipzig zumindest die Einzimmerwohnung leisten. Knapp 300 Euro zahlt sie dafür. Muss sie auch – denn ihre Eltern wohnen 100 Kilometer entfernt. Pendeln ausgeschlossen. Also kauft sie selber ein, zahlt für Strom und GEZ und Internet. Teure Hobbys hat sie nicht. Mal Volleyballspielen oder ein Festival. "Aktuell durch die Corona-Pandemie geht ja eh nicht viel", berichtet sie. Da bleibe sogar Geld übrig.

Doppebelastung bei Azubis durch Nebenjobs

So gut zurecht wie Sonja kommen aber nicht viele. Julia Böhnke ist Bundesjugendsekretärin bei Verdi und weiß, dass es gerade in großen Städten, in denen die Mieten hoch sind - wie etwa Köln und München - schon ganz anders aussehen kann. In München kann da eine Einzimmerwohnung schon locker 800 Euro kosten. Auch die Lebenshaltungskosten seien höher.

Doch ein Umzug ist dennoch oft notwendig. "Ausbildungsort und Berufsschule sind nicht unbedingt nah am Elternhaus", sagt sie. Und somit sei das Wohnen bei den Eltern nicht immer die beste Lösung. Mit Pendeln und Miete könne es mit 550 Euro eng werden. Viele Azubis würden sich mit Kellnern oder kleinen Nebenjobs etwas dazuverdienen. "Das ist eine Doppelbelastung für die Auzubildenden", sagt Böhnke.

Auch wenn Verdi eine gesetzliche Regelung für eine Mindestvergütung für Azubis begrüßt, findet die Gewerkschaft 550 Euro noch immer zu wenig. Minimum sollten 80 Prozent der durchschnittlichen tariflichen Ausbildungsvergütungen des jeweiligen Jahres sein. Würde bedeuten: Im erste Ausbildungsjahr wäre das mindestens knapp 700 Euro und würde sich dann jedes Jahr analog zu den tariflichen Ausbildungsvergütungen erhöhen.

Während die Gewerkschaft die Löhne steigern wollen, schauen die Betriebe genau darauf, ob sie sich einen Auzubildenden leisten können. Denn wie es das Bundesinstitut für Berufsbildung erklärt, kosten Auzubildende Zeit und Geld, das sie erst später erwirtschaften.

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Vom Glück, zu Hause wohnen zu können

Malte* macht eine Ausbildung als Gesundheits- und Krankenpfleger im öffentlichen Dienst und bekommt die tarifliche Ausbildungsvergütung, das sind 875 Euro netto. Mit 29 Jahren bekommt er kein Kindergeld mehr. Er hat vorher schon viel gearbeitet und teils das Doppelte als jetzt verdient, sich aber für die Ausbildung entschieden. Wohnen kann er bei seinen Eltern. "Eine eigene Wohnung hier in Hannover könnte ich mir nicht leisten", sagt er. Wie schwierig das ist, das hat er schon von Kollegen gehört. Daher ist er froh, dass seine Eltern ihn unterstützen und er nur zehn Minuten mit dem Fahrrad zur Klinik braucht, in der er arbeitet.

Wer die Hilfe von den Eltern in der Form nicht bekommen kann, für den gibt es auch weitere finanzielle Unterstützung:

  • Ist der Ausbildungsbetrieb zu weit entfernt ist, um bei den Eltern zu wohnen? Oder hat der Auszubildende selbst bereits Kinder oder ist verheiratet oder in einer festen Partnerschaft und in einer gemeinsamen Wohnung? Dann können Auszubildende bei der Agentur für Arbeit die Berufsausbildungsbeihilfe (BAB) beantragen
  • Wer keine BAB erhält, kann in manchen Fällen Wohngeld bei der örtlichen Gemeinde-, Stadt-, Amts- oder Kreisverwaltung beantragen.
  • Ist der Azubi in Erstausbildung unter 25 Jahre, bekommen die Eltern Kindergeld. Umgekehrt müssen sie ihren Kindern in den meisten Fällen Unterhalt zahlen.
  • Auszubildende können ein geringes Einkommen mit Arbeitslosengeld II aufstocken, wenn die anderen Hilfen wie BAB und Wohngeld nicht greifen.

*Der Protagonist möchte anonym bleiben, sein Name ist der Redaktion bekannt.