Nächster Schnüffel-Skandal: Briten spionierten Webcam-Chats bei Yahoo aus

02. März 2014 - 19:17 Uhr

Millionen Nutzer sollen betroffen sein

Bislang stand vor allem der US-Geheimdienst NSA im Fokus der Schnüffel-Affäre, die der Informant Edward Snowden aufgedeckt hat. Doch die jüngsten Enthüllungen legen den Verdacht nahe, dass auch der britische GCHQ die Privatsphäre von Millionen Nutzern verletzt haben könnte.

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Der britische Geheimdienst GCHQ soll jahrelang Bilder der Webcams von Yahoo-Nutzern abgegriffen haben.
© REUTERS, DENIS BALIBOUSE

Der britische Geheimdienst GCHQ hat laut 'Guardian' jahrelang Bilder der Webcams von Yahoo-Nutzern abgegriffen. Das Programm mit dem Code-Namen 'Optic Nerve' habe von 2008 bis 2010 Standbilder aus den Webcam-Chats des Internet-Konzerns gespeichert. Es seien Millionen Nutzer betroffen gewesen. Quelle des Berichts sind Unterlagen aus dem Fundus von Snowden. Yahoo habe wütend auf die Informationen reagiert und jegliches Wissen von dem Programm dementiert, so das Blatt.

Allein in einem Zeitraum von sechs Monaten im Jahr 2008 habe der GCHQ Bilder von 1,8 Millionen Yahoo-Nutzern eingesammelt, hieß es. Darunter seien auch Aufnahmen sexueller Natur gewesen. Laut einem internen Wiki sei 'Optic Nerve' auch 2012 noch aktiv gewesen.

Der 'Guardian' veröffentlichte einen Auszug aus einem geheimen Bericht des GCHQ. Danach hat der Geheimdienst versucht, die Personen auf den abgefangenen Bildern durch eine automatische Gesichtserkennung zu identifizieren. Dabei sei es darum gegangen, Personen aus einer existierenden Liste zu erkennen und neue "Ziele" auszumachen.

Bei den Aufzeichnungen wurde dem Bericht zufolge nicht der Videostream komplett abgespeichert, sondern alle fünf Minuten ein Standbild (Screenshot) aufgenommen. Damit habe der GCHQ rechtliche Beschränkungen einhalten, aber auch die Kapazität der Server schonen wollen.

Kein No-Spy-Abkommen mit den USA

Bei der Auswahl der belauschten Chats sei der Geheimdienst quasi wahllos vorgegangen und habe sich nicht auf einzelne Zielpersonen fokussiert. Der Zugriff auf die Bilder innerhalb des Geheimdienstes wurde dem Bericht zufolge jedoch eingeschränkt, so dass nicht alle GCHQ-Agenten Zugriff auf die Fotos hatten. Die Suchfunktion sei auf die Metadaten - also beispielsweise Personenname, Ort oder ähnliches - begrenzt worden.

Bei der Überwachung der Videochats soll es eine enge Zusammenarbeit mit dem US-Geheimdienst gegeben haben. Die Daten seien von der NSA verarbeitet und in die amerikanische Datenbank 'XKeyscore' eingespeist worden. Von der NSA stamme auch das Know-how, in gigantischen Datenströmen die Webcam-Übertragungen bei Yahoo zu identifizieren.

Der GCHQ wertete dem 'Guardian' zufolge die Aktivitäten als "notwendig und angemessen". Sie stünden im Einklang mit den Gesetzen in Großbritannien. In einem internen Dokument sei als "Risiko" der Aktion aufgelistet worden, dass bei der Überwachung der Videochats das Gros der Daten aus "Pornografie, Werbung, Film-Ausschnitten und Familienvideos" bestehe, die für eine geheimdienstliche Nutzung unerheblich sei.

In der britischen Politik regt sich dagegen Protest. "Das ist schlicht gruselig", zitierte die Zeitung den konservativen Abgeordneten David Davis aus der Regierungspartei von Premierminister David Cameron. Es sei absolut in Ordnung, wenn die Geheimdienste alle Mittel ausnutzten, um Terrorverdächtige und andere potenziell Kriminelle zu überwachen und ausfindig zu machen. "Aber es ist vollkommen falsch, solch aufdringliche Überwachung flächendeckend auf ganz normale Bürger auszudehnen." Der liberaldemokratische Abgeordnete Julian Huppert zeigte sich geschockt. "Das sieht nach einer sehr klaren Verletzung der Privatsphäre aus."

Unterdessen setzt die Bundesregierung in der NSA-Affäre offenbar nicht mehr auf ein Anti-Spionage-Abkommen mit den USA. Beide Länder müssten ernst nehmen, dass sie vielleicht einfach unterschiedliche Bewertungen über das Verhältnis von Sicherheit, Freiheit und Privatsphäre hätten, sagte Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) nach einem Treffen mit seinem US-Kollegen John Kerry in Washington. "Und wenn es diese unterschiedlichen Bewertungen gibt, dann nützt es nichts, jetzt schlicht und einfach in Verhandlungen über ein Abkommen einzutreten."