"Ich habe es nicht hinterfragt, ich bin dumm gewesen"

Prozess gegen falschen Arzt: Deshalb ließ sich Julia (24) auf die perverse Masche von Schmerz-Fetischist David G. ein

14. November 2019 - 10:45 Uhr

München: Falscher Arzt wegen 88-fachen versuchten Mordes angeklagt

Weil er Dutzende Frauen und Mädchen dazu überredet haben soll, sich selbst lebensgefährliche Stromschläge zuzufügen, muss sich ein 30-jähriger Mann aus München vor Gericht verantworten. Ihm wird versuchter Mord in 88 Fällen vorgeworfen. Die Opfer hielten sich aufgeschnittene Stromkabel an die Füße, klebten sich Elektroden an die Schläfe und steckten Nägel in Steckdosen. Der Angeklagte schaute alles via Skype mit an – offenbar, um sich an den Schmerzen der Frauen sexuell zu erregen. Auch Julia M. (Name von der Redaktion geändert) fiel auf die perverse Masche herein. Im Video erzählt sie, weshalb sie sich zu den lebensgefährlichen Experimenten überreden ließ.

Stromschläge-Fetischist: Julia M. wurde Opfer seiner perfiden Masche

Julia M. ist fassungslos. Noch immer kann sie nur schwer begreifen, dass ihre Naivität sie um ein Haar das Leben gekostet hätte. Die 24-jährige Studentin aus Hessen hatte im Juni 2017 einen Nebenjob bei "Ebay Kleinanzeigen" gesucht, wie sie RTL-Reporterin Christina Lachnitt erzählt.

Kurz darauf meldete sich ein Mann bei ihr. Er sagte, er sei Arzt an der Uni-Klinik Gießen, suche Teilnehmer für eine Studie über menschliches Schmerzempfinden. Er bot Julia eine Aufwandsentschädigung von 190 Euro an – wenn sie sich selbst Stromstöße zuführe. Das Geld lockte die Studentin, sie ließ sich auf den Versuch ein. Das versprochene Geld hat sie übrigens bis heute nicht gesehen.

Bloß: Der Mann war kein Mediziner – und eine Studie gab es auch nicht. Hinter dem zweifelhaften Angebot steckte David G. Sein einziges Ziel: seinen Fetisch auszuleben. So sieht es zumindest die Staatsanwaltschaft. Julia muss rückblickend den Kopf schütteln über ihre eigene Dummheit.

Anfangs habe sie keine Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Angebots gehabt: "Der Text, den er geschrieben hat, war sehr eloquent und wirkte fundiert. Und was Strom angeht, habe ich selber nicht viele wirkliche Kenntnisse. Es ist alles sehr authentisch gewesen."

Sie setzte ihren eigenen Kopf unter Strom: "Ich hatte ein furchtbares Brennen im Gehirn"

Stromschläge-Prozess: Opfer Julia M. ließ sich auf die perverse Masche von David G. ein
Stromschläge-Prozess in München: Opfer Julia M. bereut, sich auf die perverse Masche von David G. eingelassen zuhaben.
© RTL

Über Skype gibt David G. ihr Anweisungen, um einen improvisierten Apparat zu bauen: Julia soll zwei Metall-Löffel unter Strom setzen und sie sich dann an die Schläfen halten. "Ich hatte Angst", sagt Julia. "Es hat sehr viel Überwindung gekostet. Ich habe immer wieder gefragt, ob es auch wirklich ungefährlich ist. Er hat gesagt: 'Ja, das ist ungefährlich.'"

Die Beschwichtigungen überzeugen Julia – für den Moment. Sie tut, was David G. verlangt. "Dann hab' ich mir den Strom verabreicht, so dumm es klingt. Er war einfach sehr überzeugend. Jedem Kind sagt man: 'Fass nicht in die Steckdose'. Aber ich war so naiv und bin darauf reingefallen."

Julia erleidet einen Stromschlag, hat starke Schmerzen. "Ich hatte ein furchtbares Brennen im Gehirn." Ihr Herz rast, sie zittert am ganzen Körper. Der Stromschlag ist so stark, dass die Sicherung herausspringt. "Aber ich war voller Adrenalin und hab' die Sicherung wieder reingesetzt."

Sie übermittelt die Ergebnisse per Skype an David G. – aber der sagt zu ihrer Verwunderung, der Versuch sei fehlgeschlagen. Er müsse wiederholt werden. Noch einmal – aber dieses Mal mit Wasser an den Schläfen, weil der Strom so besser geleitet werde. Das macht Julia dann schließlich stutzig. Sie verweigert weitere Tests.

Julia M. löschte vor lauter Scham die Chat-Verläufe: "Er war so überzeugend"

Verunsichert ruft sie ihren Freund an, erzählt ihm von dem merkwürdigen Arzt und seinem seltsamen Versuch. Ihr Freund ist außer sich: "Was machst du für 'ne Scheiße?!", weist er sie zurecht. "Das war bestimmt irgendein Perverser!" Da dämmert es Julia, was sie gerade getan hat. "Ein paar Tage später hat mich der Mann wieder angeschrieben, aber da habe ich ihn dann blockiert."

Dass sie so naiv war, die Motive des Unbekannten aus dem Internet nicht zu hinterfragen, ist Julia peinlich. Sie spricht mit niemandem darüber, was geschehen ist, löscht die Chat-Verläufe. Nichts soll sie daran erinnern. Bis eines Tages die Polizei vor der Tür steht und mit ihr sprechen möchte.

Noch immer leidet Julia an Panikattacken, spürt dann ein Brennen im Kopf. Genau wie damals. Ärzten zu vertrauen, fällt ihr schwer. Aber Julia ist nicht alleine. Dass Dutzende weitere Frauen auf die gefährliche Masche hereinfielen, überrascht sie nicht: "Er war so überzeugend", sagt sie. "Und so perfide es klingt: Geld macht einiges mit Menschen."

Stromschläge-Prozess: Angeklagter David G. bittet Opfer um Entschuldigung

München: Der wegen versuchten Mordes an zahlreichen Frauen und Mädchen 30-jährige Angeklagte kommt vor Prozessbeginn im Landgericht zusammen mit seinen Anwälten in den Sitzungssaal.
Vor Gericht bat David G. (30) zwei seiner Opfer um Entschuldigung: "Das war ein moralischer Fehler."
© dpa, Sven Hoppe, shpjat

Vor Gericht wollte sich David G. bei ihr entschuldigen. "Ich wollte nur mal sagen, dass das ein moralischer Fehler war und schlecht war", sagte er. "Ich möchte mich wirklich bei Ihnen entschuldigen." Julia aber will nicht, dass der Angeklagte sich an sie wendet.

Zuvor schon hat sie einen Brief seiner Eltern erhalten: Ihr Sohn sei krank, leide am Asperger-Syndrom. "Das war zu viel für mich", sagt Julia. Der Brief habe sie beinahe noch mehr traumatisiert. Denn Julia hat selbst Freunde mit Asperger. "Und auch Asperger-Autisten haben einen Sinn dafür, was richtig ist und was falsch."