Anayeli dachte, ihre Schwester sollte heiraten

Mädchen (14) flieht vor Zwangsehe und kommt in den Knast

Anayelis Mutter kassierte das Geld, obwohl Zwangsehen in Mexiko verboten sind.
Anayelis Mutter kassierte das Geld, obwohl Zwangsehen in Mexiko verboten sind.
© MilenioTV

07. Dezember 2021 - 12:47 Uhr

Familie zahlte Tausende Euro für arrangierte Hochzeit

200.000 mexikanische Pesos (rund 8.350 Euro) hatte die Familie eines Mannes im mexikanischen Bundesstaat Guerrero bezahlt, damit die 14-jährige Nachbarstochter ihn heiratet. Doch Anayeli floh kurz vor der Hochzeit, wie "The Daily Beast" berichtet. Dafür kam sie in den Knast.

Hochzeitsvorbereitung war schon abgeschlossen

Zwangsehe Mexiko
Für die Hochzeit standen schon 40 Kisten Bier bereit.
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Obwohl arrangierte Ehen in Mexiko seit 2019 illegal sind, nahm Anayelis Mutter das Geld an. Die Familie des Bräutigams engagierte eine Band, schlachtete eine Kuh und organisierte ein Fest, das am Montag stattfinden sollte. Insgesamt gaben die Eltern des Mannes rund 2.300 Euro für die Hochzeitsvorbereitung aus.

Minderjährige aus Mexiko floh zu Bekanntem

Aber sie hatten die Rechnung ohne Anayeli gemacht: Am Morgen vor der geplanten Hochzeit rannte sie zu ihrem 15-jährigen Bekannten Alfredo, der in der Nähe wohnt. "Sie dachte, ihre ältere Schwester würde heiraten", sagte Abel Barrera, Chef der Hilfsorganisation "Tlachinollan Human Rights Center" aus Guerrero der Zeitung. "Nie wäre sie auf die Idee gekommen, dass sie die Braut sein könnte, denn sie ist ja minderjährig."

Als Anayeli realisierte, dass sie gemeint war, sei sie weggelaufen, erklärte Barrera. Ohne jemandem Bescheid zu geben und trotz der Tatsache, dass ihre Mutter schon eine Absprache getroffen hatte. "Das war ihr alles egal. Sie wollte nur ihre Freiheit, ihr Leben und in Sicherheit sein."

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Zwangsehen in Mexiko noch immer üblich

Trotz des Verbots seien Zwangsehen für Minderjährige in ländlichen Regionen noch immer üblich. Wenn ein Mädchen gekauft worden sei, werde es von der Familie des Bräutigams "als Objekt behandelt", sagte Abel Barrera. "Sie muss arbeiten, das Essen kochen und putzen. Und wenn sie auf dem Feld arbeitet, bekommt nicht sie den Lohn, sondern ihr angehender Schwiegervater."

Minderjährige kamen in den Knast und dann in Schutzhaft

Zwangsehe Mexiko
Für die Zwangsehe bekam die Familie des Mädchens rund 8.350 Euro.
© Tlachinollan Human Rights Center

Nach Anayelis Verschwinden wendete sich die Familie des Bräutigams an die Polizei. Die 14-Jährige wurde in ihrem Versteck bei Alfredo entdeckt, beide kamen ins Gefängnis. Dort erklärten Polizisten den Minderjährigen, Anayeli müsse heiraten oder der Familie des Bräutigams die bereits ausgegebenen 2.300 Euro erstatten.

Die beiden Teenager wurden wieder freigelassen, kamen anschließend jedoch in Schutzhaft – ein mexikanisches Gesetz zum Schutz von Familien sieht dies in solchen Fällen vor.

14-Jährige ist Analphabetin und hat keine Schulbildung

"Anayelis Fall ist sehr kompliziert", sagte Rechtsanwalt Neil Arias Vitinio, der die Freilassung des Mädchens erreicht hatte, zu "The Daily Beast". Sie spreche nur die Sprache der Mixteken, einer eine Gruppe von mexikanischen Ureinwohnern. Außerdem sei sie Analphabetin und habe "nicht einmal ein Minimum an Schulbildung".

Abel Barrera erklärte, Anayelis Vater sei vor kurzem von unbekannten Angreifern getötet worden. Ihre Mutter kämpfe verzweifelt darum, die Familie versorgen zu können. Eine arrangierte Ehe sähen viele Menschen in Mexiko in einer solchen Situation als einzigen Ausweg.

Jährlich Tausende Zwangsehen in Mexiko

In einem kürzlich veröffentlichten Bericht der spanischen Zeitung "El Pais" heißt es, dass jedes Jahr Tausende minderjähriger Mädchen in Mexiko zwangsverheiratet werden. Sie würden dann auch zu Zwangsarbeit und Schwangerschaften gezwungen. (bst)