30 Jahre Mauerfall

Mauerfall 1989: Kann Rock ’n’ Roll die Welt verändern?

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9. November 2019 - 8:02 Uhr

Veränderungen sind ohne Gewalt schwer aufzuhalten

Wie kam es zum Mauerfall? Welche Ereignisse machten die Szenen, die sich am Abend des 9. November an der Berliner Mauer abspielten, möglich? Gesellschaften und mit ihnen die Zeiten haben sich seit jeher verändert und entwickelt, und Veränderungen sind ohne Gewalt nur schwer aufzuhalten. Die Tatsache, dass es im Herbst 1989 nicht zum Einsatz massiver Gewalt gekommen ist, ist deshalb wohl ein entscheidender Faktor.

Hinein in die Mythen und Legenden der Popkultur

Bob Dylan grinst
Bob Dylan erkannte schon früh: Zeiten ändern sich, und diese Veränderungen sind nur schwer aufzuhalten.
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Wer die Entwicklungen damals miterlebt hat, kann sich erinnern, dass es alles andere als gewiss war, dass die Sicherheitskräfte der DDR oder auch die dort stationierten Sowjets nicht eingreifen würden, als über hunderttausend Menschen gegen das DDR-Regime auf die Straße gingen. Beim Arbeiteraufstand in der DDR am 17. Juni 1953 hatte die Rote Armee die Proteste gewaltsam niedergeschlagen. Das gleiche geschah beim Prager Frühling in der CSSR im August 1968. Was hatte sich geändert? Die UdSSR hatte sich von der Breschnew-Doktrin, die die Souveränität der Warschauer-Pakt-Staaten beschränkte (Hauptthese: "Die Souveränität der einzelnen Staaten findet ihre Grenze an den Interessen der sozialistischen Gemeinschaft"). In Zukunft sollte jedes Land selbst entscheiden, welchen Weg es einschlägt. Diese neue Ausrichtung erhielt den Namen Sinatra-Doktrin - in Anspielung auf Frank Sinatras Hit "My Way".

Zum anderen hatten sich die Zeiten und die Gesellschaft geändert. Dies kann – wie Bob Dylan 1963 in seinem Song "The Times They Are a-Changing" feststellt und beschreibt – eine gewaltige Veränderung sein. Womit wir mitten in der Popkultur und ihren Mythen und Legenden angekommen sind.

David Hasselhoff singt ein Lied über Freiheit

Der amerikanische Schauspieler und Sänger David Hasselhoff singt für die Berliner das Lied " Looking for Freedom" von einer Hebebühne aus bei der ersten deutsch-deutschen Silvesterfeier am Brandenburger Tor. Aufnahme vom 31.12.1989. Foto: Hermann Jos
„Looking for Freedom“: Kein politischer Song, aber ein Hit zur rechten Zeit. David Hasselhoff singt den Song Silvester 1989/90 am Brandenburger Tor.
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Ein Jahr vor der Wende, im Oktober 1988, erschien ein Album von U2 mit dem Titel "Rattle and Hum". Darauf ist der Song "God Part 2", darin wiederum findet sich die Zeile "I don't believe that Rock 'n' Roll can really change the world". Aber der Rock 'n' Roll, bzw. die populäre Musik, ist seit langem mindestens ein Indikator und Seismograph für gesellschaftliche Veränderungen.

Manche Songs werden sogar dazu gemacht. Beim Fall der Mauer zum Beispiel "Looking For Freedom" von David Hasselhoff, der im Jahr 1989 erschien. Er enthält das Triggerwort "Freedom" (Freiheit). Er wird deshalb spätestens seit Hasselhoffs Auftritt Silvester 1989 an der Berliner Mauer als "Soundtrack" zur Wende betrachtet, auch wenn der Text von etwas ganz anderem handelt. Es ist aber der Titel, der sich problemlos übertragen lässt.

Hasselhoff wird oft unterstellt, er sei der Meinung, er habe die Berliner Mauer niedergesungen, sagte selbst aber vor kurzem: "Ich hatte nie etwas damit zu tun und habe das auch nie gesagt. Niemals. Diese Lüge verbreitet sich noch heute, nach fast 30 Jahren", und er fügt an: "Ich habe einen Song über Freiheit gesungen. Und zufällig war er Nummer Eins, als die Mauer gefallen ist. Habe ich das Lied benutzt? Ja. Weil es mir nahegegangen ist", womit Hasselhoff dieses "Seismograph-Phänomen" der Pop-Musik ziemlich gut erklärt.

Udo Lindenberg: Ein „mittelmäßiger Schlagersänger“, der dauernd von Panik redet

Udo Lindenberg überrreicht Erich Honecker bei dessen Besuch 1987 in Wuppertal eine - laut Lindenberg - "nicht ganz billige Gitarre" mit der Aufschrift "Gitarren statt Knarren" übereicht. Foto: Franz-Peter Tschauner
Udo Lindenberg und der „sture Schrat“ Erich Honecker: Keine besten Freunde
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Ähnliches wird dem Song "Wind Of Change" von den Scorpions nachgesagt, der allerdings erst während der Geschehnisse im Jahre 1989 entstand und erst im November 1990 erschien. Auch Neil Youngs "Rockin' In The Free World" aus dem Jahr 1989 wird gerne im Kontext des Falls des Eisernen Vorhangs genannt. Der Songtitel geht zurück auf Youngs Gitarristen Frank "Poncho" Sampedro. Dieser sagte, wie der 'Rolling Stone' schreibt, als eine geplante Russland-Tour nicht stattfand: "We'll have to keep on Rocking in the Free World." Eine Zeile, die Neil Young so gefiel, dass er sie als Songtitel nahm. Im Text geht es jedoch eher um Probleme in den USA unter dem Präsidenten George H.W. Bush. Es ist der Ausdruck "Free World", der die Assoziation hervorruft. Und das Wort "Rocking", das man meist mit Vorwärtsbewegung und Wildheit in Verbindung bringt.

Unvergessen in der deutschen Geschichte ist Udo Lindenbergs jahrelanger Kampf um eine Auftrittserlaubnis in der DDR. Diesen Kampf beschrieb er 1983 in dem Song "Sonderzug nach Pankow". Schließlich darf er im Oktober 1983 knapp 20 Minuten lang bei einer FDJ-Veranstaltung im Palast der Republik auftreten. Neben den Fernsehkameras dokumentiert auch die Stasi dieses Ereignis. Im Backstagebereich beobachtet ein IM der Stasi den deutschen Rocker. Schon seit 1976 hat die Staatssicherheit den "mittelmäßigen Schlagersänger" und dessen "typische, fast standardisierte" Erscheinung im Visier: "Filzhut, Röhrenhosen aus Gummi, Halbstiefel und T-Shirts meist schwarzfarben". Er sei "betont anarchistisch" und verwende "ständig" den Begriff "Panik". Was er in Ostberlin macht, sagt und mit wem er spricht – alles wird genauestens dokumentiert.

Eigentlich hat Lindenberg die Zusage für eine DDR-Tour im Jahre 1984, doch das wird den Entscheidungsträgern zu heiß – sie sagen die Tour ohne Angabe von Gründen ab.

David Bowie singt auf der Westseite der Mauer, im Osten rufen die Fans: „Die Mauer muss weg!“

David Bowie in concert
David Bowie bei seinem Konzert am 6. Juni 1987 in Berlin
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1987 schließlich steht Berlin vor der 750-Jahr-Feier. Die Stadt mag mittlerweile geteilt sein, seit 1961 sogar für Menschen unüberwindbar durch die Mauer, aber wenn Rock'n'Roll die Welt vielleicht nicht ändern kann, sie kann Grenzen überwinden und Mauern durchdringen – das ist Physik.

Es ist Pfingstsonntag und David Bowie ist nach Westberlin gekommen, die Bühne, die er betritt, steht nur ein paar Meter von der Mauer entfernt. Die Musik macht sich auf den Weg durch die Gesamtberliner Frühsommerluft: "I, I can remember, standing by the wall / And the guns, shot above our heads / And we kissed, as though nothing could fall". Schallwellen, gegen die Grenzen, Mauern, Stacheldraht machtlos sind, die sich um Himmelsrichtungen nicht scheren, erreichen hunderte Jugendliche am Brandenburger Tor im Ostteil der Stadt. Unter den Linden, im Schatten der sowjetischen und der amerikanischen Botschaft rufen die "Mauergäste" des Konzertes "Die Mauer muss weg". Die Polizei greift durch.

Was also tun, um die aufmüpfige Jugend ruhig zu stellen? Die DDR entschließt sich, die Stars nach Ostberlin zu holen, um ihren Bürgern etwas zu bieten und die Kontrolle zu behalten. Depeche Mode, James Brown, Joe Cocker, Bryan Adams und Bruce Springsteen wollen und dürfen im Sommer 1988 in Ostberlin auftreten. Wobei letzterer Geschichte geschrieben hat.

Die wahrscheinlich surrealste Szene des Jahres 1988

Bruce Springsteen Konzert in Ostberlin
Ostberlin, 19.07.1988: über 180.000 Menschen singen „Born in the U.S.A.“
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Dabei kreiert er die surrealste Szene jenes Sommers: Offiziell 180.000 Zuschauer – in Wahrheit wohl einige zehntausend mehr – singen lauthals "Born in the U.S.A." und Springsteen lässt sie. Einige Zuschauer schwenken selbstgebastelte amerikanische Flaggen, einige haben Spruchbänder mit dem Songtitel dabei. Das faszinierendste allerdings ist die Transformation, die der Song erlebt. Eigentlich eine bittere Abrechnung eines Vietnamveteranen mit seinem Land – was also durchaus auch für den DDR-Regierungsapparat vertretbar war – wird der Song zur Freiheitshymne. Springsteen wird das gewusst haben – und geplant, denn der Song, der folgte war Bob Dylans "Chimes of Freedom". Ein Song, der in dem Jahr, in dem die Menschenrechtserklärung ihr 40. Jubiläum feiert, genau diese Menschenrechte einfordert: "For the countless confused, accused, misused, strung-out ones and worse / And for every hung-up person in the whole wide universe /
We gazed upon the chimes of freedom flashing" – eingeleitet durch die Ansage (auf Deutsch): "Es ist schön in Ostberlin zu sein. Ich möchte euch sagen, ich bin nicht hier für oder gegen irgendeine Regierung. Ich bin gekommen um Rock 'n' Roll zu spielen für Euch Ostberliner in der Hoffnung, dass eines Tages alle Barrieren abgerissen werden." Das DDR-Fernsehen sollte diese Sätze später herausschneiden – was die Wirkung der beiden Songs in Kombination aber nicht abschwächte.

Politisch motivierte Setlist?

Bruce Springsteen 1988 live in Ostberlin
Bruce Springsteen 1988 live in Ostberlin: „Ich bin gekommen um Rock ’n’ Roll zu spielen für Euch Ostberliner in der Hoffnung, dass eines Tages alle Barrieren abgerissen werden.“
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Überhaupt ist die ganze Setlist bemerkenswert. Mittlerweile ist Springsteen für spontane Änderungen in der Setlist bekannt, sie kann komplett anders sein als am Vorabend. 1988 war das noch nicht so ausgeprägt. Im Grunde hielt er sich während der Tour 1988 an eine feste Setlist, nur hier und da gab es kleine Änderungen.

Die Setlist von Ostberlin hat ein paar entscheidende Unterschiede, die wohl kaum aus einer Laune heraus entstanden. Jedes Konzert hatte bisher mit dem Titelsong des aktuellen Albums "Tunnel of Love" begonnen. Auf der Radrennbahn in Ostberlin begann er mit "Badlands". Nicht unbedingt ein politischer Song, aber ganz und gar anderer Natur als "Tunnel of Love" und nicht ganz so unverfänglich. Dazu erst einmal auf der Tour gespielt, im Konzert zuvor, mitten im Set, quasi als Generalprobe.

Das Lebensgefühl einer Jugend-Protestkultur

In "Badlands" (Ödland) geht es um das Ausbrechen aus einer Ödnis, die nicht genauer beschrieben wird. Es wird lediglich darauf hingewiesen, dass die Lebensumstände dort nur schwer zu ertragen sind, dass man gegen diese ankämpfen muss, um sie zu überwinden. Es liegt nahe, es als Systemkritik zu interpretieren – zumal Springsteen den Song auch vorher schon einmal in einen politischen Kontext eingebettet hatte. Am Tag nach der Wahl Ronald Reagans zum US-Präsidenten sagte er den Song mit den Worten an: "Ich weiß nicht, wie ihr über das denkt, was gestern passiert ist, aber ich denke es ist ziemlich beängstigend."

Es folgte "Out in the street", zum ersten Mal überhaupt während der 1988er Tour – ein Song darüber, nach fünf Tagen harter Arbeit am Wochenende eine gute Zeit zu haben. Doch auch bei diesem Song kann man im Kontext des Konzertes mehr hineinlesen, wenn es heißt: "Wenn ich draußen auf der Straße bin, dann sag ich, was ich will". Auch spielte er erstmals "The Promised Land", ein Song über Hoffnung. Anschließend hielt er sich im Großen und Ganzen an die übliche Setlist – Rock 'n' Roll satt.

Und worum ging es beim Rock 'n' Roll eigentlich ursprünglich mal? Schöner als Wikipedia kann man es eigentlich kaum erklären: "Rock 'n' Roll (kurz für Rock[ing] and Roll[ing]) ist ein nicht klar umrissener Begriff für eine US-amerikanische Musikrichtung der 1950er- und frühen 1960er-Jahre und das damit verbundene Lebensgefühl einer Jugend-Protestkultur."

Die Waffen waren den Gitarren unterlegen

Mauer und Todesstreifen an der Bernauer Straße in Berlin
Mauer und Todesstreifen an der Bernauer Straße in Berlin: Zum Glück nur noch Geschichte
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Wenn Bruce Springsteen also sagt, er sei nicht gekommen um Politik zu machen, sondern seine Arbeit, und die sei Rock 'n' Roll, so ist das nicht ganz die Wahrheit.

Irgendwann kurz vor den Zugaben spielte Springsteen "Dancing in the dark" mit den berühmten Worten im Refrain: You can't start a fire without a spark. Das Konzert in Ostberlin war nicht der Funke – den gab es schon länger, es entzündete vielleicht auch nicht das Feuer, aber es nährte den Funken sicherlich. Und machte den Menschen vielleicht noch mehr Mut als sie eh schon hatten.

Unter einem YouTube-Clip des Konzertes schrieb ein Nutzer: Ich wuchs im Osten Deutschlands auf […] Musik half dem Wandel 1989 auf den Weg. Die Machthaber hatten das Militär, aber die Menschen hatten die Musik, und am Ende konnten die Waffen den Gitarren nichts entgegensetzen.