Birke Opitz-Kittel hat ein Buch über ihre Erfahrungen geschrieben

"Mama lernt Liebe" - wie eine autistische Mutter den Alltag mit Kindern erlebt

Familienleben mit Autismus. Birke Opitz-Kittel zeigt, wo die Schwierigkeiten und die Chancen liegen
© iStockphoto, Romolo Tavani

22. Mai 2020 - 16:37 Uhr

"Die Diagnose Autismus war für mich wie eine rettende Erkenntnis"

Mutter sein. Den Alltag mit Kindern und Job meistern. Das ist ohnehin eine Herausforderung, die schwierig ist und das Leben prägt. Von morgens bis abends - oft auch nachts. Birke Opitz-Kittel musste noch eine zusätzliche Herausforderung meistern: Sie hat erst im Alter von 37 Jahren erfahren, dass sie Autistin ist. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie bereits fünf Kinder. "Die Diagnose war für mich wie eine rettende Erkenntnis", schreibt Birke Opitz-Kittel in ihrem Buch "Mama lernt Liebe"* 🛒, aus dem wir Ihnen hier einen Auszug präsentieren (mit freundlicher Genehmigung des mvg-Verlags, in dem das Buch erschienen ist).

"Schaut mal, die Birke hat fünf Kinder, aber sie ist sooo ruhig und gelassen!"

"Irgendwie bin ich 'falsch'", dachte ich lange Zeit. Ich mochte keinen intensiven Kontakt zu anderen Menschen und wollte nicht an größeren Veranstaltungen oder Treffen teilnehmen. Ab und zu probierte ich trotzdem, Kontakte zu knüpfen, beispielsweise besuchte ich einmal eine Art Lesekreis. Ich hatte immer sehr gerne gelesen und überlegte mir, dass ich darüber vielleicht Anschluss zu anderen Frauen finden könnte. An diesem einen Treffen, bei dem ich dann nach akribischer Planung meinerseits teilnahm, ging es aber nicht nur um Bücher. Die Frauen lachten und tratschten und ich fühlte mich deplatziert. Eine Frau meinte zu den anderen: "Schaut mal, die Birke hat fünf Kinder, aber sie ist sooo ruhig und gelassen!" Da fiel mir zum ersten Mal auf, dass meine innere Welt so ganz anders ist, als ich nach außen ausstrahle. Damals war ich bereits über 30 Jahre alt und dieses Gefühl, etwas an mir zu haben, was mich von den anderen Menschen trennt, wurde mir gerade in solchen Situationen überdeutlich.

Birkes großer Wunsch: Ihre Kinder sollten bloß nicht werden wie sie

Manches Mal ließ es mich regelrecht verzweifeln, weil dieses "anders" einfach nicht greifbar war. Meist ließ mich auch der Gedanke an die Verantwortung für meine Kinder diese negativen Gefühle verdrängen. Jedenfalls war es zu diesem Zeitpunkt im Kreise der Frauen in meinem Inneren unerträglich laut und alles in mir drängte danach, aus dem Raum zu stürmen. Aber so wie viele Male zuvor und auch noch danach merkte es mir niemand an. Noch ein paar Mal unternahm ich solche Ausflüge in die vermeintliche Normalität, aber sie endeten für mich immer enttäuschend. Sie kosteten mich viel Kraft, und einen Platz, an dem ich mich zugehörig fühlte, fand ich außerhalb meiner Familie nicht.

So zog ich mich über die Jahre immer mehr aus dem Leben "draußen" zurück, aber ich spürte, dass dies nicht für die Kinder gelten sollte. Schon immer wollte ich, dass sie glücklich werden, und das bedeutete in erster Linie, dass sie nicht so "seltsam" werden sollten wie ich. Daher war ich bemüht, die Kinder so viel wie möglich mit anderen Kindern spielen und interagieren zu lassen. Im Alltag funktionierte das ohne mein Zutun ganz gut durch den Kindergarten, später nach der Schule durch die Nachmittagsbetreuung und verschiedene Kurse, die besonders Miriam mit Begeisterung besuchte. Bei ihr hatte ich das Gefühl, meinem großen Ziel – bloß nicht so zu werden wie ich – am nächsten gekommen zu sein.

"Gefiltert durch die Kinder ist es mir möglich, viele Dinge zu erleben, die mich ansonsten überfordern würden"

Autorin Birke Opitz-Kittel
Birke Opitz-Kittel gibt mit dem Buch "Mama lernt Liebe" einen emotionalen Einblick in ihr Leben
© mvg-Verlag

So ist es noch heute: Ich freue mich, wenn die Kinder viel erleben und mir davon berichten können. Angelina liebt zum Beispiel Tiere sehr und zufällig stießen wir vor ein paar Jahren auf das Angebot, dass Kinder im Tierpark eine Nacht im "blauen Salon" verbringen und dabei beispielsweise Seekühe durch eine Unterwasserscheibe beobachten können. Angelina hat wie ich den Hang, sich sehr auf Dinge vorzubereiten, und wahrscheinlich hat noch nie ein Tierpfleger so sehr über das Fachwissen eines Kindes über Seekühe und weitere Tiere staunen dürfen. Für mich war es die größte Freude, als sie am nächsten Morgen freudestrahlend nach Hause kam und von ihrem Erlebnis berichtete.

Auch den anderen Kindern versuchen wir, soweit es mit unseren beschränkten Mitteln möglich ist, Erlebnisse zu ermöglichen. Lilly war neulich zu einem Schüleraustausch in Israel. Schon der Flug zuerst in die Schweiz und dann nach Tel Aviv wurde von meinem Mann und mir genau am Bildschirm mittels Flightradar beobachtet und unsere Aufregung war mindestens so groß wie ihre. Als sie mir ein Video von den Pfauen schickte, die dort herumliefen, war ich entzückt. Es ist genau der Abstand, den ich brauche.

Gefiltert durch die Kinder ist es mir möglich, viele Dinge zu erleben, die mich ansonsten überfordern würden. Das gilt nicht nur für außergewöhnliche Ereignisse. Schon am Mittag, wenn die ersten Kinder von der Schule hereintrudeln, bin ich gespannt auf die Erlebnisse, von denen sie mir berichten werden. Wobei Jonas in der Regel wenig erzählt, und auch Angelina ist eher zurückhaltend. Dafür erzählen mir Miriam und Lilly vieles bis ins kleinste Detail. Nicht selten liegen wir am Abend zusammen auf der Couch mit dem Plan, einen Film anzusehen oder "Der Bachelor" oder "Germany's next Topmodel". Im Grunde interessiert mich das nicht sonderlich und die Sendungen sind meiner Ansicht nach recht oberflächlich, aber ich erfahre dadurch viel von den Mädchen, denn sie kommentieren gerne die verschiedenen Szenen und Protagonisten und wir kommen von einem zum anderen. Beispielsweise weiß ich inzwischen viel über Mode, Schminktricks und überhaupt, was "in" ist. Aber diese Abende führen auch zu ernsthafteren Themen wie den Sinn oder Unsinn von Diäten. Ich weiß vieles über unsere Kinder, von dem mein Mann nichts weiß, und wenn er mitbekommt, dass "wir Frauen" uns wieder unterhalten, zieht er sich zurück.

Ich freue mich darüber, dass mir die Kinder so sehr vertrauen. Vielleicht ist es so, weil ich den emotionalen Abstand wahren kann. Meine Kinder erleben die Dinge ganz anders, als ich es in meiner Kindheit getan habe, und so vermeide ich es automatisch, ihnen "wohlgemeinte Ratschläge" zu geben. Ich höre zu, allerdings nicht ohne zu analysieren, das mache ich ganz automatisch bei jeglicher sozialen Interaktion. Aber es geschieht ohne Wertung. Und dann beratschlagen wir die Situation gemeinsam. Es ist meine ganz persönliche Möglichkeit, im Leben meiner Kinder Mäuschen spielen zu dürfen.

Manchmal ist auch Angelina dabei, vor allem, wenn es um einen "psychologischen Rat" geht – da ist sie die Expertin in unserer Familie. Angelina war mit zehn und elf Jahren einige Zeit in einer psychosomatischen Klinik gewesen und hat dadurch viel von älteren Mädchen mitbekommen und mit großem Interesse verfolgt. So ist sie in unserer Runde ganz gleichberechtigt, wenn es beispielsweise um Liebeskummer geht, und bringt durchdachte Vorschläge, trotz ihrer noch wenigen Lebenserfahrung.

Solche Gespräche sind für mich sehr wertvoll, weil ich damit die seltene Erfahrung mache, Teil einer Gruppe zu sein, in der ich mich voll und ganz wohlfühle. Manchmal denke ich sogar, dass für mich die Kinder daher so wenig anstrengend sind, weil ich so dankbar für sie bin. Sie zeigen mir alles, was ich selbst nicht erfahren kann, und geben meinem Leben einen Sinn.

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