Unsichtbar und alleingelassen

Kinder mit Behinderung – die Verlierer der Corona-Krise?

Schüler im Rollstuhl verfolgt mit Mitschülerinnen in der Förderschule am Donnersberg den Unterricht. Foto: Fredrik von Erichsen/Archiv
Schüler im Rollstuhl verfolgt mit Mitschülerinnen in der Förderschule am Donnersberg den Unterricht. Foto: Fredrik von Erichsen/Archiv
© deutsche presse agentur

05. Juni 2020 - 12:26 Uhr

von Laura Maria Weber

Unsichtbar und allein gelassen – so fühlen sich viele Eltern von Kindern mit Behinderung in der Corona-Krise. Während über Rettungspakete für Großkonzerne, Unterstützung für freischaffende Künstler und die Wiederöffnung von Regelschulen diskutiert wird, scheinen vor allem die Kinder mit körperlicher und geistiger Einschränkung bislang wenig Beachtung zu finden. Die langfristigen Folgen der Corona-Krise sind für die Betroffenen allerdings jetzt schon spürbar, glaubt Kai Pakleppa, Familienreferent der Bundesvereinigung Lebenshilfe.

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Kaum Therapien für Kinder möglich

​Morgens individueller Unterricht, nachmittags dann Sprach- und Physiotherapie und im Anschluss Betreuung in der Wohngruppe – so kann der Alltag eines Förderschulkindes aussehen. Je nachdem wie schwer die Beeinträchtigung ausfällt, wird der Bedarf unterschiedlich eingestuft. Für alle Kinder sind Routinen und Tagesabläufe allerdings wichtig, erklärt Wiebke Matthesius von der Lebenshilfe Berlin. Die sind mit dem Corona-bedingten Lockdown für mehr als 320.000 Förderschüler erstmal vollkommen weggebrochen.

Viele junge Menschen mit Behinderungen, die in Wohngruppen leben und älter als 18 Jahre alt sind, mussten in der Corona-Krise erstmal wieder zurückziehen zu ihrer Familie. Das hat das Familienleben radikal verändert: 24 Stunden für die Kinder da sein plus Homeschooling und Förderung – eine psychische und körperliche Herausforderung für Kinder und Eltern.

Digitale Bildungsmöglichkeiten kaum nutzbar

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Viele junge Menschen mit Behinderungen, die in Wohngruppen leben und älter als 18 Jahre alt sind, mussten in der Corona-Krise erstmal wieder zurückziehen zu ihrer Familie. Das hat das Familienleben radikal verändert. (Motivbild)
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Videocalls, Arbeitsanweisungen per Telefon und Hausaufgaben per Chat besprechen – das soll für viele Schüler mit körperlicher Behinderung genauso funktionieren wie bei Schülern an Regelschulen – allerdings klappt das hier nur mit intensiver elterlicher Unterstützung. Für Kinder mit geistiger Einschränkung ist diese Form von Fernunterricht kaum zu leisten. Wie Marcus Graubner, Vorsitzender des Allgemeinen Behindertenverbandes Deutschland betont, sind Menschen mit geistiger Behinderung angewiesen auf den persönlichen Kontakt und die individuelle Betreuung, sie brauchen zum Verständnis auch den Blick auf Mimik und Gestik ihres Gegenübers.

Emotionen und Körpersprache der betroffenen Kinder zu sehen und zu verstehen, ist auch für die Lehrkräfte besonders wichtig. Wenn Eltern jetzt Ersatzlehrer sein müssen, ist das eine immense Herausforderung. Erst recht, wenn die Eltern auch noch arbeiten. Viele Eltern mussten ihren Jahresurlaub nehmen oder andere Familienmitglieder in die Betreuung mit einspannen. Verbände wie der Sozialverband VdK Deutschland und die Lebenshilfe fordern eine Entlastung der Familien. Über längere Zeit sei eine solche Belastung für Familien kaum tragbar.

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Eltern leiden: "Ich fühle mich als Mutter entmündigt"

Ähnlich ging es Familie Schmidt (Name von der Redaktion auf Wunsch verändert), deren 16-jährige Tochter Jana in einer Wohngruppe für geistig beeinträchtigte Jugendliche lebt. Von heute auf morgen standen die Eltern vor der Wahl: Jana komplett nach Hause holen oder striktes Kontaktverbot, um eine Ansteckung mit dem Coronavirus zu verhindern. Weil Sybille Schmidt und ihr Mann in systemrelevanten Berufen arbeiten – keine Wahl.

Das Infektionsschutzgesetz gibt zwar eindeutige Richtlinien zum Schutz vor Infektionen vor, die genaue Ausgestaltung können allerdings die Träger der Wohngruppen selbst bestimmen. "Ich fühle mich als Mutter entmündigt, ich habe das Sorgerecht für meine Tochter ja nicht abgegeben und darf sie nicht sehen", berichtet die Mutter.

Nach einem Besuch bei ihrer Familie hätte Jana erstmal zwei Woche in der betreuten Wohngemeinschaft in Quarantäne gemusst, alleine auf dem Zimmer bleiben und mit Schutzanzug zur Toilette - "das wollten wir unserer Tochter nicht antun", so Sybille Schmidt. Vor allem auch für Jana eine schwere Zeit, wie ihre Mutter beschreibt. Die 16-Jährige wollte unbedingt zu ihren Eltern und durfte nicht. Sie versuchte sogar Dinge in ihrem Zimmer kaputt zu machen, damit ihr Papa kommt, um sie wieder zu reparieren. So wie er auch vor Corona immer für sie da war.

Schwierig sei es Jugendlichen mit geistiger Behinderung zu vermitteln, warum es so wichtig ist, Abstandsregeln einzuhalten und Mundschutz zu tragen. Den Virus kann man nicht sehen, fühlen oder schmecken – das macht Erklärungen nicht einfacher, sagt uns Sybille Schmidt. Endlich - nach zwei langen Monaten ist jetzt ein Treffen auf Abstand wieder möglich und auch die Förderschulen öffnen nach und nach. Für die Eltern der 16-Jährigen ein Lichtblick. Trotzdem verstehen sie nicht, warum das Leben für Nicht-Behinderte wieder losgeht – sie sich seit Wochen schon wieder in Restaurants verabreden, sogar zum Fußball schauen in die Kneipe gehen dürfen. Ihr behindertes Kind aber endlich wieder in den Arm nehmen, am Wochenende nach Hause holen – das war bis heute wegen der Ansteckungsgefahr weiter nicht erlaubt – die Eltern fühlten sich übergangen in der Corona-Krise. Die größte Hoffnung der Mutter: bloß kein zweiter Lock-down – das können Tochter und Eltern nicht nochmal psychisch verkraften.

Sozialverbände fordern dringend politische Unterstützung

Damit die Eltern von Kindern mit Behinderung auch öffentlich Gehör finden und während der Corona-Krise nicht allein gelassen werden, fordern Sozialverbände dringend Unterstützung durch die Politik. Um diejenigen zu entlasten, die ihre Kinder selbst zuhause betreuen, sollte es laut dem Sozialverband VdK Deutschland eine unbürokratische Notbetreuung und Assistenzmöglichkeiten geben, die auch Eltern ohne systemrelevante Berufe wahrnehmen können.

Und: für den Unterricht zu Hause muss es andere Möglichkeiten als Videokonferenzen geben, fordert der Vorsitzender vom Allgemeinen Behindertenverband Deutschland: "Die Menschen mit Behinderung brauchen den persönlichen Kontakt. Wenn die Familie zum Beispiel einen Garten hat, dann könnten Lehrer oder Betreuer Hausbesuche auf Abstand machen – das wäre eine Möglichkeit. Je länger es aber keine professionelle Betreuung gibt, desto größer sind die Defizite".

Auch Kai Pakleppa von der Bundesvereinigung Lebenshilfe, hat Sorge, dass die betroffenen Kinder von der Gesellschaft abgehängt werden: "Es gibt es ein hohes Risiko, dass die Kinder mit Behinderung die Verlierer der Krise sein werden, denn für viele ist Inklusion in Deutschland nicht der Kern, sondern die Kür." Auch wenn für die meisten Menschen nun wieder das gesellschaftliche Leben beginnt – viele Menschen mit Behinderung bleiben erstmal außen vor. Die Vertreter der Lebenshilfe befürchten, dass die Inklusion in Deutschland nach der Corona-Krise nicht die gleiche sein wird wie in der Zeit davor.

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