Der Spieler, der Trainer, der Mensch

Alles Gute zum 75., Jupp Heynckes!

09. Mai 2020 - 15:44 Uhr

Happy Birthday, Jupp Heynckes!

Jupp Heynckes wird heute (Samstag) 75 Jahre alt. Als Spieler auf und als Trainer neben dem Platz feierte er riesige Erfolge. Als Mensch zeichnet ihn aus, dass er immer am Boden geblieben ist. Eine Würdigung einer Legende.

Von Reinhard Brings

23. Juni 1973, Pokalfinale, Düsseldorfer Rheinstadion, die 58. Minute: Zwischen Borussia Mönchengladbach und dem 1. FC Köln steht es 1:1. Es gibt einen Elfmeter für Gladbach: Torjäger Jupp Heynckes kann die Borussia in Führung bringen – doch Kölns Torhüter Gerhard Welz hält den Ball.

Schon mal drüber nachgedacht? Jupp Heynckes hat so die Legende um Günter Netzer erst ermöglicht. Denn es blieb beim 1:1 nach 90 Minuten und es kam zur Verlängerung. Was dann geschah, ist Fußball-Geschichte. Der Gladbacher Mittelfeldregisseur, den Trainer Hennes Weisweiler auf der Bank hatte schmoren lassen, wechselte sich selbst ein und erzielte den 2:1-Siegtreffer. Fußball-Historie hat danach Jupp Heynckes genug geschrieben.

So war es damals

ARCHIV - 07.06.1975, Nordrhein-Westfalen, Mönchengladbach: Gruppenbild des Deutschen Meisters Borussia Mönchengladbach nach dem Sieg am vorletzten Spieltag der Bundesliga gegen Eintracht Braunschweig in Mönchengladbach. (Stehend v.l.n.r) Jupp Heyncke
Jupp Heynckes (oben links) mit der Meistermannschaft von Borussia Mönchengladbach im Jahr 1975.
© dpa, Scheidemann, wbei jps nic kno bsc

Heynckes war eine Tormaschine. Er begeisterte mit seinem Tempo, seiner Dribbelstärke und seinem Tordrang. Bis heute steht er mit 220 Treffern auf Platz vier der ewigen Torschützenliste der Bundesliga. Nur Gerd Müller, Klaus Fischer und Robert Lewandowski haben häufiger getroffen.

Sein letztes Bundesliga-Spiel bestritt der Gladbacher Stürmer am 29. April 1978 beim bis heute gültigen Bundesliga-Rekordsieg gegen Borussia Dortmund. Sein damaliger Mannschaftskamerad Ewald Lienen erinnert sich: "Der Jupp war natürlich eine Institution, schon als Spieler. Dann musste er die Karriere aufgrund von Verletzungen leider beenden. An sein letztes Spiel, ein 12:0 über Borussia Dortmund in Düsseldorf, kann ich mich noch gut erinnern. Da hat er fünf Tore gemacht, obwohl er sich kaum noch bewegen konnte. Sonst hätte er wahrscheinlich zehn gemacht. Er war eine Institution, als Spieler und dann auch als Trainer. Er hat uns sehr viel gegeben, wir haben zusammen wunderschöne Zeiten zusammen erlebt."

Seine Geschichte begann in Mönchengladbach Holt

Als neuntes von zehn Kindern wuchs Heynckes im Mönchengladbacher Stadtteil Holt auf. Der Vater war Schmied, die Mutter führte einen kleinen Tante-Emma-Laden. Seine Eltern verehrt er noch heute: "Sie sind meine Helden", erklärt er, "was sie geleistet haben, kann sich kein Mensch vorstellen." Der kleine Jupp und der Fußball wurden ganz schnell beste Freunde, sein sportliches Vorbild war der ungarische Wunderstürmer Ferenc Puskas, Torschütze im WM-Finale 1954, das die hochfavorisierten Ungarn mit 2:3 gegen Deutschland verloren.

Heynckes entwickelte nach eigener Aussage "einen wahnsinnigen Ehrgeiz", der sich auszahlen sollte. Sein Mitspieler in Gladbach Berti Vogts erzählte einmal: "Wettet man mit ihm, dass er im nächsten Spiel kein Tor schießt, dann erzielt er garantiert eins. Er gewinnt Wetten für sein Leben gern und er hasst es zu verlieren."

Jupp Heynckes wurde Weltmeister (1974), Europameister (1972) und mit Gladbach UEFA-Cup-Sieger (1975) und viermal deutscher Meister (1971, 1975, 1976, 1977). Zweimal holte er sich auch noch die Torjägerkrone (1974, 1975).

Heynckes, der Trainer

ARCHIV -
Bayern-Torhüter Raimond Aumann (vorne links) und Trainer Jupp Heynckes (vorne rechts) laufen 1989 im heimischen Olympiastadion eine Ehrenrunde mit der eroberten Meisterschale.
© dpa, Martina Hellmann

Schon 1979 mit 34 Jahren übernahm Heynckes das Trainer-Amt in Gladbach, damals war er der jüngste Bundesliga-Trainer aller Zeiten. Er galt als überehrgeizig und stur, war ein Kontrollfreak. Ärgerte er sich, stieg ihm die Zornesröte ins Gesicht – das brachte ihm bei den Spielern den Spitznamen "Osram", wie die gleichnamige Glühbirne, ein.

Gleich in seinem ersten Jahr als Cheftrainer stand Heynckes mit Borussia im UEFA-Cup-Finale, verlor dieses aber gegen Eintracht Frankfurt. 1984 schnupperte er am Meistertitel, punktgleich mit Meister VfB Stuttgart und Vize Hamburger SV wurde Gladbach aber nur Dritter wegen des schlechteren Torverhältnisses. Den Pokalsieg 1984 verpasste das Heynckes-Team auch durch die Final-Niederlage im Elfmeterschießen gegen Bayern München. Ewald Lienen erinnerte einmal so sich an seinen damaligen Trainer: "Es hat Phasen gegeben, da hätte ich ihn auf den Mond schießen können. Er hat sich selber wahnsinnig unter Druck gesetzt und wenn er dann von uns enttäuscht war, konnte er in seiner Kritik grausam verletzend sein."

Die bitterste Pleite kassierte Heynckes 1985 im UEFA-Cup-Achtelfinale bei Real Madrid: Nach einem glamourösen 5:1-Hinspielsieg war Gladbach so gut wie weiter. Doch in Bernabeu gingen die Borussen mit 0:4 unter und schieden aus.

Es heißt, dass Heynckes damals so wütend auf die Mannschaft war, dass er die Vorbereitung auf das folgende Bundesligaspiel gegen Schalke 04 weitgehend schriftlich vollzog und zu seinem Team nur den einen Satz sprach: "Ihr wisst ja sowieso alles besser."

Der Wechsel nach München

1987 wechselte das Gladbacher Urgestein zu Bayern München. Die Erfolge, die er mit Gladbach nicht einfahren konnte, holte er dort nach. 1989 und 1990 wurde er mit den Bayern Deutscher Meister.

Heynckes, der in seiner Karriere alles andere als ein Dampfplauderer war, hatte sich nur einmal verbal nicht im Griff. Im Überschwang bei der Meisterfeier 1990 auf dem Marienplatz rief er vom Rathausbalkon: "Und ich verspreche euch, nächstes Jahr holen wir den Europapokal!"

Das stimmte dann nicht so ganz. Erst 23 Jahre später löste Jupp Heynckes das Versprechen mit dem Champions League-Sieg der Bayern gegen Borussia Dortmund ein.

Im Video: Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge gratulieren Don Jupp

Vom Wüterich zum väterlichen Freund

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So sieht Freude aus: Jupp Heynckes sprang Manuel Neuer nach dem Champions-League-Sieg 2013 in die Arme.
© imago images/Chai v.d. Laage, imago sportfotodienst via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Dazwischen vollzog Heynckes eine Wandlung - vom Sturkopf zum offenen, geselligen Menschen. Vor allem die Jahre im Ausland bei Atletic Bilbao, auf Teneriffa und auch bei Benfica Lissabon hätten ihm "die Augen für andere Dinge als den Fußball" geöffnet, sagt Heynckes rückblickend.

Gerade in den letzten Jahren bei Bayern München entwickelte er sich immer mehr zum väterlichen Freund seiner Profis – ohne dabei seine Autorität zu verlieren. Bayern-Torwart Manuel Neuer würdigte den Trainer nach dem Triple-Gewinn 2013: "Ein Freund, der immer für uns da war. Seine menschliche Art hat uns als Mannschaft zusammengeschweißt."

Seinen 75. Geburtstag verbringt Jupp Heynckes im niederrheinischen Schwalmtal auf seinem Landsitz "Casa de los Gatos" (Haus der Katzen), wie er einmal sagte, gemeinsam mit seiner Ehefrau Iris. Tochter Kerstin hat übrigens auch am 9. Mai Geburtstag.

"Es zählen die Spuren, die man hinterlässt"

Eine Party hätte es auch ohne die Corona-Krise nicht gegeben. "Ich hatte nicht vor, groß zu feiern", sagt Heynckes. "Den 75. werden wir ganz spartanisch daheim verbringen." Er ist immer bodenständig und bescheiden geblieben. Als in jüngeren Jahren sich seine Mitspieler protzige Autos anschafften, da fuhr er "Diesel, weil es den für 20 Pfennig den Liter in Holland gab. Das sitzt so in mir drin."

Als er 2007 bei seinem zweiten Engagement als Trainer in Mönchengladbach nach Morddrohungen gegen ihn zurücktrat, gab er seinen Dienstwagen ab – frisch gewaschen und vollgetankt. Heynckes ist ein Mann der alten Schule, der aber den Zugang zu jungen Leuten gefunden hat. "Es zählen die Spuren, die man als Trainer hinterlässt", befindet er. Damit meint er nicht nur die Champions League-Siege 2013 mit den Bayern und 1998 mit Real Madrid, sondern dass er viele Karrieren junger Spieler angeschoben habe. Weltkarrieren sind darunter wie die von Lothar Matthäus oder Toni Kroos.

"Ich bin mit mir im Reinen und dankbar für dieses Leben", sagt Heynckes. Das Geburtstagskind hält sich fit mit strammen Spaziergängen, verbringt viel Zeit in seinem Fitnessraum und nimmt noch "sehr aktiv am Leben teil". Sorgen macht er sich nicht mehr um Fußball, sondern um Mutter Erde.

"Für die nächsten Generationen zeichnet sich eine fatale Klimasituation ab. Deshalb haben die jungen Leute vollkommen recht, wenn sie protestieren", sagt er nachdenklich.