"Der Wurm war drin"

Isabell Werth: Die ewig Unschlagbare wird ernüchtert - die "Königin der Dressur" muss kämpfen

Isabell Werth
Isabell Werth
© dpa, Friso Gentsch, frg ost

12. September 2021 - 12:17 Uhr

Nur Platz vier in der Kür für die Königin der Dressur

Ihr Stammplatz auf dem Treppchen blieb leer. Als die dreifache Europameisterin Jessica von Bredow-Werndl sich und die Konkurrenz bei der Siegerehrung mit einer Champagnerorgie feierte, lud Isabell Werth ihre Sachen ins Auto. Platz vier in der Kür für die Königin der Dressur, keine Medaille für die ewig Unschlagbare, die erfolgreichste Reiterin der Geschichte. "Der Wurm war drin", sagte sie, "und die Luft war raus."

"Es lief schon mal besser"

Beides zusammen eine eher ungünstige Voraussetzung im Leistungssport, diese Erfahrung musste nun auch Isabell Werth machen. Bei der EM in Hagen a.T.W. erlebte die siebenmalige Olympiasiegerin eine der schwierigsten Turnierwochen ihrer Karriere. Gold mit der Mannschaft, ja, aber sie selbst unterbewertet und genervt. Silber im Special, die Siegerin unantastbar, danach die Hiobsbotschaft von der Not-OP ihres Herzenspferdes Bella Rose. "Es lief schon mal besser", stellte sie fest.

Werth weiß längst, dass sie einiges ändern muss, wenn es auf dem Weg zu Olympia 2024 in Paris wieder besser laufen soll. In der abschließenden Kür zeigte sich, dass auch Weihegold, diese stets auf den Punkt abrufbare Stute, ihre ganz große Zeit hinter sich hat. Nicht mehr so unwiderstehlich ihre Piaffen, nicht mehr so sauber die Übergänge, nicht mehr so dynamisch Trab und Galopp. Sie habe schnell gemerkt, "dass heute nichts geht", sagte Werth: "Ich habe versucht, sie so gut es geht zu unterstützen und die Prüfung sauber zu Ende zu reiten."

Weihegold habe auch darunter gelitten, dass sie im Jahr 2021 keine Wettkampfpraxis sammeln konnte. Bella Rose und der wilde junge Quantaz waren dabei, wenn es auf das Viereck ging. "Es ist halt Fluch und Segen, wenn man so viele gute Pferde im Stall hat", sagte Werth, und es klang wie eine deutliche Botschaft an Jessica von Bredow-Werndl, die hinter Dalera nicht ganz so viel Potenzial zur Verfügung hat.

Sie ist nie besser, als wenn sie unter Druck steht

Schon in der kommenden Woche in Aachen ist wieder Quantaz an der Reihe, und daheim in Rheinberg scharrt ein weiterer vierbeiniger Hochkaräter ungeduldig mit den Hufen. Die erst neunjährige Rappstute Superb könnte für Isabell Werth der Freifahrtschein nach Paris werden. Das Pferd bringe "ein unglaubliches Körpergefühl mit, sie ist einfach nicht aus dem Rhythmus zu bringen".

Das nächste große Championat ist die WM im August 2022 in Herning, die Konkurrenz dort ist riesig. Was die Dänin Cathrine Dufour auf dem Weg zu ihrem WM-Heimspiel mit dem mächtigen Bohemian auf das Viereck zauberte, war nur einen Hauch von Gold entfernt, und auch ihr Landsmann Daniel Bachmann-Andersen hat mit dem neunjährigen Marshall-Bell gewaltiges Potenzial unter dem Sattel. Hinzu kommen aus Großbritannien die dreimalige Olympiasiegerin Charlotte Dujardin mit dem quirligen Gio und die junge Lottie Fry, deren Weg mit Everdale gerade erst beginnt.

Es gibt viel zu tun für Isabell Werth, doch sie ist nie besser, als wenn sie unter Druck steht und herausgefordert wird. Und das ist für die Konkurrenz keine gute Nachricht. (tno/sid)