Hooligan-Opfer Daniel Nivel sitzt 18 Jahre nach der 'Schande von Lens' bei EM-Auftaktspiel der Deutschen im Stadion

15. Juni 2016 - 11:11 Uhr

Einer der Hooligans schrie: "Die hauen wir platt"

1998 wurde der französische Gendarm Daniel Nivel von deutschen Hooligans angegriffen und ins Koma geprügelt. Ein Vorfall, der als 'Schande von Lens' in die Geschichte des Fußballs einging. Wochenlang kämpfte Nivel in einem Krankenhaus um sein Leben. 18 Jahre nach jenem furchtbaren Tag besuchte er trotz allem das EM-Spiel Deutschland gegen die Ukraine. Ein starkes Zeichen.

Er hege keinen Groll gegen die Deutschen, die würden ja nichts dafür können. "Die Täter kamen einfach aus ihrem Land", sagt seine Frau Lorette. Daniel Nivel selbst fällt das Sprechen schwer. Der heute 61-Jährige konnte seit der Attacke nie wieder in seinen Beruf zurückkehren, ist auf dem rechten Auge blind, kann nicht mehr schmecken, nichts mehr riechen. Die Schläger hätten ihm das Wichtigste für immer genommen, sagt Lorette: "Die Fähigkeit, zu kommunizieren." An jenen Sommertag, den er beinahe nicht überlebt hätte, hat der zweifache Vater keine Erinnerung.

Es war der 21. Juni 1998. Deutschland trat in der WM-Vorrunde gegen Jugoslawien an. Hunderte gewaltbereite "Fans" waren in das 30.000-Einwohner-Städtchen Lens gereist, die verabredete Schlägerei mit den Jugoslawen wurde durch Straßensperren der Polizei verhindert. Mit zwei Kollegen hatte Daniel Nivel unweit des Stadions 'Félix Bollaert-Delelis' die Rue Romuald Pruvost bewacht, als ein Pulk deutscher Hooligans die Gasse stürmte. "Da sind nur drei, da kommen wir durch", rief einer von ihnen. "Die hauen wir platt." Dann prügelten und traten sie Daniel Nivel, schlugen mit einem Gewehraufsatz aus Stahl und einem Reklameschild auf ihn ein.

"Daniel haben sie seine Freiheit für immer genommen"

Am Sonntag, den 12. Juni 2016, saß Nivel zusammen mit seiner Frau im 'Stade Pierre-Mauroy' in Lille. Der Deutsche Fußballbund (DFB) hatte ihn eingeladen, den deutschen EM-Auftakt gegen die Ukraine zu besuchen. Er folgte der Einladung - und zwar nicht zum ersten Mal. Schon 2006 hatte er die WM-Partie Deutschland gegen Polen in Dortmund als DFB-Ehrengast im Stadion erlebt. "Sein Schicksal sollte uns angesichts der aktuellen Ereignisse Mahnung sein", sagte DFB-Präsident Reinhard Grindel mit Blick auf die schweren Ausschreitungen englischer und russischer Fans in Marseille.

Der DFB unterstützt die Nivels seit 1998, hat eigens die Daniel-Nivel-Stiftung gegründet, die sich auf Wunsch der Familie auch im soziale Anliegen kümmert. Die Angreifer wurden zu Haftstrafen zwischen dreieinhalb und zehn Jahren verurteilt. Ein Urteil, das der Familie nur wenig Trost spendet. "Sie kamen ja wieder aus dem Gefängnis, sie bekamen ihr Leben zurück", sagt Lorette Nivel. "Daniel haben sie seine Freiheit für immer genommen."