Bis zu fünfmal höhere Holzpreise

Dachdeckermeister: "Eine solche Situation gab es noch nie!"

17. Juni 2021 - 16:23 Uhr

Handwerker müssen Aufträge aussetzen

Zimmerer und Dachdeckermeister Helmut Zimmer ist seit 35 Jahren selbstständig. Aber was er momentan auf dem Holzmarkt erlebt, ist eine Premiere. "Solch eine Situation gab es noch nie", sagt der 56-Jährige. "Dass die Entwicklung einmal solch eklatante Ausmaße annehmen würde, hätte keiner gedacht." Seit April hätten sich die Preise für Holzprodukte verdoppelt bis verdreifacht, für Dachlatten sogar verfünffacht. Die Folge: Viele Aufträge werden aufgrund der enormen Kostensteigerung oder auch wegen Materialmangels erst einmal ausgesetzt.

Preise für Holz haben sich teilweise verfünffacht

Den Ausbau von kompletten Dachstühlen etwa habe er verschoben, "bis sich die Lage wieder beruhigt hat". Statt der früheren 30 Cent koste ein Meter Dachlatte inzwischen 1,50 Euro. Auch zwei geplante Holzhäuser werde er erstmal nicht bauen. Statt der ursprünglich kalkulierten 120.000 Euro für den Rohbau beliefen sich die Kosten derzeit auf 220.000 Euro. "Das kann nicht jeder mitmachen", so der Dachdeckermeister.

Zimmerer und Dachdeckermeister Helmut Zimmer steht mit verschränkten Armen neben einem kleinen Stapel Bauholz.
Dachdeckermeister Helmut Zimmer hat so eine Situation noch nie erlebt.
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Immerhin findet er viel Verständnis bei seinen Kunden für die derzeitige Situation: "Viele wissen von der Materialknappheit und dass wir wirklich nichts dazu können." Er sei dankbar, dass dies nach außen richtig kommuniziert werde und das Handwerk keinen Schaden leide. "Wir würden ja gerne unsere Arbeit machen", sagt er. "Aber ein Geschäft ist nur dann gemacht, wenn jeder profitiert - auch die Kunden, die eine preisgünstige Arbeit wollen."

Die Preissteigerung kann auch Gerd Ebner, Chefredakteur des Fachmagazins Holzkurier, bestätigen. Er rechnet gegenüber RTL/ntv vor, was die Holzknappheit für den Hausbau bedeutet: "Ein Dachstuhl kostet normalerweise 25.000 Euro, jetzt sind es 17.000 Euro mehr". Aber auch Dämmmaterialien und Rigipsplatten sind im Preis deutlich gestiegen, was den Preis für einen Hausbau noch weiter in die Höhe treibt.

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Absurde Situation: Sägewerke feiern Gewinnrekorde, Waldbesitzer machen Verluste

Gründe für die aktuelle Situation sind nach Ansicht des saarländischen Waldbesitzerverbandes eine enorme Nachfrage aus Asien und den USA, der Niedrigzins, der Bauboom und die Eigeninitiative von Heimwerkern in der Corona-Pandemie. "Das ist eine Verkettung von ganz vielen Ursachen", meint Geschäftsführer Wolfgang Pester. Außerdem hätten Waldbesitzer in den vergangenen Jahren überhaupt keine andere Wahl gehabt, als Holz zu exportieren, "weil die Sägewerke die Preise so nach unten gedrückt haben". Seit 2018 litten Waldbesitzer unter niedrigen Verkaufspreisen. Sie sind laut Pester um 75 Prozent gefallen, erst seit vier Wochen zögen sie wieder an. Von einst 90 Euro pro Kubikmeter seien sie bis auf 25 Euro gesunken, aktuell lägen sie im Saarland bei 60 bis 70 Euro.

Für dieses Jahr hoffen Waldbesitzer und Forstbetriebe auf weiter steigende Preise für Rundholz, also dem Rohholz aus dem Wald, und damit auf höhere Gewinne. "Aktuell wird mit den Sägewerken über Lieferungen für die nächsten Monate verhandelt und um ein neues Preisniveau gerungen", sagte Vertriebsleiter Klaus Dunkel von Landesforsten Rheinland-Pfalz. "Der Waldbesitz möchte einen fairen Anteil an den Entwicklungen auf dem Schnittholzmarkt erzielen." Bisher habe die Borkenkäfer-Krise zu Verlusten bei Waldbesitzern geführt, während Sägewerke Gewinnrekorde erzielten.

Laut Gerd Ebner vom Holzkurier wird sich die Situation auf dem Holzmarkt allerdings bald beruhigen: "In den USA sind die Preise zurückgegangen, erwartet wird für Juli ein Preisrückgang von 40 Prozent. Es wird dann auch zu einer Angleichung in Deutschland kommen." Für die Handwerksbetriebe in Deutschland ist das eine gute Nachricht. Dann können sie endlich alle Aufträge weiterführen – und neue Aufträge annehmen. (dpa/aze)

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