Psychiater Dr. Bernd Roggenwallner hat die Antwort

SOS Pubertät: Wie verhindere ich, dass mein Kind in falsche Kreise gerät?

17. Mai 2019 - 10:10 Uhr

Hilfe, ich erkenne mein Kind nicht wieder!

"Ich erkenne mein Kind kaum wieder." Das ist ein Satz, den viele Eltern von pubertierenden Jugendlichen kennen. Die Pubertät ist eine Zeit des Umbruchs. Eine Phase, in der Kinder Unabhängigkeit lernen sollen. Und natürlich auch Schwierigkeiten haben, damit umzugehen. Deswegen sind sie besonders gefährdet, die falschen Kontakte und Bindungen einzugehen. Aber was kann ich als Mutter oder Vater tun, wenn ich das Gefühl habe, dass ich mein Kind nicht mehr erreiche? Und wie vermeiden Eltern, dass ihr Kind in falsche Kreise gerät?

​Psychiater Dr. Bernd Roggenwallner ist Psychiater und Sachverständiger für Schwerkriminalität. Wir haben den Experten gefragt.

Im Video: Diese drei Experten-Tipps verhindern, dass Ihr Kind abdriftet

Die Pubertät ist eine Zeit des Loslassens, eine Zeit der wachsenden Unabhängigkeit, eine Zeit, in der nicht mehr die Eltern der Mittelpunkt des kindlichen Lebens sind, sondern die Freunde. Und da kann man schnell auch an die "Falschen" geraten. Für viele Eltern eine verunsichernde und angstmachende Situation. Doch Psychiater Dr. Bernd Roggenwallner rät zur Gelassenheit.

​Im Video gibt er drei goldene Tipps für das Zusammenleben, die Kinder und ihre Eltern davor schützen, dass Teenager in der Pubertät völlig abdriften.

Kiffen, Prügeln, Extremismus - im Jugendalter kommen noch ganz andere Aspekte zum Thema "falsche Freunde" dazu. Die Pubertät macht Jugendliche orientierungslos. Sie suchen nach einem Halt, nach neuen Vorbildern und Leitbildern. Die können gut oder auch schlecht sein. Wie ganz extrem im Fall der 19-jährigen Carina U., die in die Fänge des Sex-Gurus Torsten W. geriet. Oder bei Jugendlichen, die Zuflucht zu Sekten suchen oder solche, die sich auf Menschen einlassen, die ihnen nicht gut tun.

Aber wie merke ich, dass mein Kind sich mit den "falschen" Menschen umgibt oder "auf die schiefe Bahn" gerät? Und vor allem: Was kann ich dann konkret tun?

Woran merke ich, dass mein Kind abdriftet?

Ihr Kind kommt Ihnen plötzlich vor, wie ein fremdes und unbekanntes Wesen? Sie sind nicht mehr in der Lage, sein Denken und Fühlen nachzuvollziehen? Dikussionen sind nicht mehr möglich? 
Unter Umständen wechselt es komplett seinen Freundeskreis oder hat gar keine Freunde mehr?

Spätestens jetzt sollten Sie hellhörig werden. Aber auch jetzt gilt als oberstes Gebot: Nerven bewahren. Und vor allen Dingen: Vorsicht mit allzu rigiden Verboten. Denn die, da ist sich Dr. Bernd Roggenwallner sicher, machen die Dinge um so attraktiver. Suchen Sie stattdessen aktiv und immer wieder die Kommunikation! Bleiben Sie im Gespräch mit Ihrem Kind. Und überrumpeln Sie es nicht direkt mit Bewertungen und vorschnellen Lösungen.

Die drei Tipps von Dr. Bernd Roggenwallner lauten: 

  • Vermeiden Sie es, Dinge vorschnell zu bewerten. Stattdessen: Informieren Sie sich! Fragen Sie nach! Und zeigen Sie Interesse!

  • Schenken Sie Ihrem Kind Ihr Vertrauen! Nicht Ihre Angst als Erziehungsperson sollte im Mittelpunkt stehen, sondern die Entwicklung Ihres Kindes. Und dabei dürfen auch Fehler gemacht werden.
  • Üben Sie sich in Gelassenheit. Und sehen Sie Ihr Gesprächsangebot als das, was es ist: ein Angebot. Ihr Kind hat auch das Recht Nein zu diesem Angebot zu sagen.

Und wenn es immer schlimmer wird?

Die oberste Regel ist: halten Sie Kontakt und bleiben Sie im Gespräch. Zeigen Sie Ihrem Kind, dass Sie für es da sind. Und zu ihm halten. Und holen Sie sich Unterstützung. Gibt es jemanden, in Ihrem Freundeskreis, zu dem Ihr Kind Kontakt hat? Und zu dem es momentan möglicherweise mehr Vertrauen hat? Holen Sie die Person ins Boot. Konflikte lassen sich nicht immer alleine lösen. 

Wenn das nicht hilft oder möglich ist: Holen Sie sich professionelle Hilfe. Denn die Pubertät kann alle Beteiligten an die Grenzen ihrer Leistungs- und Leidensfähigkeit bringen.

  • Die Bundeskonferenz für Erziehungsfragen bietet unter www.bke.de eine Eltern-Onlineberatung an und hilft auch bei der Suche nach einer Beratungsstelle vor Ort.

  • Die "Nummer gegen Kummer" berät neben Jugendlichen und Kindern unter Telefon 0800 1110550 auch Eltern bei Erziehungsfragen.

  • Die städtischen Jugendämter haben ebenfalls eine Beratungsstelle für Familien. Dort finden Sie auch dann Hilfe, wenn Sie bei Ihrem Kind ein Abdriften in Kriminalität oder einen Drogenmissbrauch befürchten. 

  • Auch der Deutsche Kinderschutzbund mit seiner Internetseite www.dksb.de und kirchliche und freie Träger kommen als Anlaufstellen in Frage.