Gute Nachricht für Formel-1-Titelkampf

Lewis Hamilton macht zu viele Fehler

Lewis Hamilton kämpft um seinen achten WM-Titel
Lewis Hamilton kämpft um seinen achten WM-Titel
© AP, Umit Bektas, AG

14. Oktober 2021 - 20:04 Uhr

Hamiltons Reihe kleiner Patzer

Von Torben Siemer

Erstmals seit langer Zeit liegt Lewis Hamilton vor der Schlussphase der Formel-1-Saison in Rückstand. Einerseits, weil Konkurrent Max Verstappen neben starken Leistungen auch endlich ein starkes Auto hat. Andererseits, weil der Mercedes-Dominator folgenschwere Schwächen zeigt.

Mercedes-Ära vor dem Ende?

Die Formel 1 liefert in rennfreien Wochen wie dieser zwar keine spektakulären Bilder, dafür aber reichlich Gesprächsstoff. Diesmal genügt dafür eine simple Grafik. Es geht um die Führungsrunden in der laufenden Saison, die meisten davon stehen erwartungsgemäß neben dem Bild von WM-Spitzenreiter Max Verstappen. 469-mal hat der Niederländer seinen Red Bull auf Platz eins liegend über die Start-Ziel-Geraden dieser Welt gefahren - die 19 anderen Piloten kommen in der Addition der 16 bisher absolvierten Rennen auf 465.

Für Lewis Hamilton, in der Fahrerwertung nur sechs Punkte hinter Verstappen, stehen gerade einmal 133 Führungsrunden in der Statistik. Eine erschreckend niedrige Zahl verglichen damit, dass der britische Mercedes-Pilot von Anfang 2014 bis Ende 2020 allein 73 von 138 Rennen gewonnen hat und in jeder Saison. Eine niedrige Zahl, die auch Ausdruck der Fehler ist, die Hamilton in der Saison 2021 immer wieder macht. Die wiederum dafür sorgen könnten, dass die Ära der silbernen Dominanz nach 14 WM-Titeln in sieben Jahren ein Ende findet.

"Es hätte schlimmer kommen können", resümierte ein missmutiger Hamilton am vergangenen Sonntag nach seinem enttäuschenden fünften Platz beim Großen Preis der Türkei. Im Istanbul Park hatte der 36-Jährige erst der Anweisung seines Teams zum Reifenwechsel widersprochen und war dann zu spät an die Box beordert worden, um die dadurch verlorenen zwei Positionen wiedergutzumachen und die Führung in der WM zu verteidigen. Der jüngste in einer Reihe kleiner Fehler, die den Rekordchampion, Rekordsieger und Rekord-Polesitter in dieser Saison immer wieder zurückwerfen.

Legendäre Fehlentscheidung auf dem Hungaroring

"Das ist ungewöhnlich", fasste David Coulthard, selbst 13-maliger Grand-Prix-Sieger, die "kleinen Vorfälle" zusammen: "Er macht zwar kaum einmal große Fehler, aber es zeigt, dass er unter Druck steht." Erstmals seit 2016 hat Hamilton einen echten Konkurrenten im Kampf um die WM. Damals eskalierte der teaminterne Konflikt mit Nico Rosberg immer weiter und so sehr, dass der Deutsche nach dem Titelgewinn zwar überglücklich, aber auch entkräftet und erschöpft seine Karriere beendete. 2021 ist es Max Verstappen, der nicht nur deutlich mehr Führungsrunden vorweisen kann, sondern auch sieben Rennen gewonnen hat - zwei mehr als Hamilton - und dank seines zweiten Platzes in der Türkei nun mit 262,5 zu 256,5 Punkten wieder im Vorteil ist.

Schon zwei Wochen zuvor in Russland hatte sich Hamilton angreifbar gezeigt. Im entscheidenden Qualifying-Abschnitt am Samstag rutschte er mit seinem Mercedes auf dem Weg an die Box in die Mauer, musste den Frontflügel tauschen lassen. Am Sonntag überstimmte ihn das Team, um bei einsetzendem Regen von Trockenreifen auf Intermediates zu wechseln, er hatte eigentlich wie der Führende Lando Norris auf der Strecke bleiben wollen. Der junge McLaren-Pilot wurde zum tragischen Helden und auf den letzten Kilometern durchgereicht, während Hamilton zu seinem 100. Grand-Prix-Sieg fuhr.

Schon jetzt legendär ist Hamiltons Fehleinschätzung in Ungarn, als er beim Restart ganz einsam in der Startaufstellung auf das Erlöschen der fünf roten Ampeln wartete. Alle anderen Piloten waren auf abtrocknender Strecke nach der Einführungsrunde an die Box gefahren, um auf Slicks zu wechseln. Der Mercedes-Pilot fuhr allein los und wurde dann durchgereicht, als er am Ende der ersten Runde den Reifenwechsel nachholte. Zwar rettete Hamilton auf dem Hungaroring als Zweiter noch wertvolle Punkte, den sicheren Sieg aber gab er aus der Hand.

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Szene für die Ewigkeit: Lewis Hamilton startete beim Ungarn-GP als einziger aus dem Grid, alle anderen aus der Box.
© imago images/PanoramiC, Xavi Bonilla via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Einmal rettete nur Bottas' Crash Hamilton

Ähnlich ikonisch sind auch die Szenen vom Neustart in Baku. Verstappen war kurz vor Rennende in Führung liegend gecrasht, nach der Roten Flagge bot sich beim Neustart die große Chance, viele Punkte gutzumachen. Hamilton schob sich auf Platz eins - und fuhr dann in Kurve eins einfach geradeaus, statt wie alle anderen links abzubiegen. Er hatte unabsichtlich einen Knopf auf dem Lenkrad gedrückt, der die Bremsen verstellte und dafür sorgte, dass er erstmals nach 54 Rennen wieder die Punkteränge verpasste.

Der ersten folgenschwere Fehler war Hamilton bereits im zweiten Saisonlauf passiert, auf der anspruchsvollen Strecke in Imola. Auf noch feuchtem Untergrund rutschte der Brite mit Trockenreifen aus der Kurve, beschädigte den Frontflügel seines Mercedes und hatte Glück, rückwärts wieder aus dem Kiesbett rollen und das Rennen fortsetzen zu können.

Dass er die Zielflagge dennoch als Zweiter sah, war dem für Hamilton günstigen Umstand zu verdanken, dass nur eine Runde später Bottas mit Noch-Williams-und-bald-Mercedes-Pilot George Russell kollidierte und für eine Rennunterbrechung sorgte. Danach durfte Hamilton gemeinsam mit den ebenfalls überrundeten Fahrern das Feld überholen und zu den Führenden aufschließenden, bevor er mit repariertem Auto zur erfolgreichen Aufholjagd ansetzte.

Dazu kommen die Unfälle mit Verstappen, bei denen die Schuldfrage in der öffentlichen Diskussion mitunter abweichend beantwortet wird, während die Rennkommissare jeweils mit Strafen klarstellten, wer aus ihrer Sicht für die folgenschweren Berührungen verantwortlich war. Die erste Berührung dieser Art gab es in Silverstone, als die WM-Rivalen sich in der ersten Runde in einer Highspeed-Kurve berührten.

Der Red Bull schlug heftig in die Reifenstapel an und Verstappen musste sich sogar im Krankenhaus durchchecken lassen. Hamilton kassierte eine Zehn-Sekunden-Zeitstrafe und fuhr trotzdem zum Sieg, indem er in der vorletzten Runde den bis dahin führenden Charles Leclerc im Ferrari noch abfing. Der zweite Crash folgte in Monza, diesmal gaben die Stewards dem Niederländer die Schuld für die Kollision in Runde 25, die das Rennen für beide beendete.

Eigentlich eine gute Sache

All das führt in der Summe dazu, dass Hamilton in dieser Saison nur 133 Runden in Führung gelegen hat. Das ist natürlich nicht der einzige Grund, sondern wirkt in Kombination damit, dass Red Bull seinen Boliden massiv und vor allem erfolgreich weiterentwickelt hat. Dass Mercedes zudem bei den Testfahrten überraschende und unerwartete Probleme mit der Fahrzeugbalance entdeckte. Dass Max Verstappen mit gerade 24 Jahren immer noch sehr jung ist, aber schon seine siebte Saison in der Formel 1 fährt und mit einer bemerkenswerten Konstanz auftritt.

Der größte Unterschied zu den vergangenen Jahren liegt jedoch vor allem darin, dass Hamiltons Fehler, so klein sie auch sein mögen, in dieser Saison endlich wieder spürbare Konsequenzen haben. Endlich wieder, weil die Dominanz von Mercedes die Formel 1 zu einer langweiligen und vorhersehbaren Veranstaltung gemacht hatte. 2021 dagegen standen schon acht von zehn Rennställen auf dem Podium, sogar das einstige Sorgenkind Williams schaffte es dank des kuriosen Zwei-Runden-Rennens in Spa, bei einer Siegerehrung vertreten zu sein.

Für Hamilton drohen die Fehler spürbare Folgen zu haben. Wenn er es nämlich verpasst, Michael Schumachers Bestmarke von fünf aufeinanderfolgenden WM-Titeln einzustellen und sich mit dem achten Triumph zum alleinigen Rekordweltmeister zu krönen. Für Verstappen eröffnen diese Fehler die Chance, die Prophezeiung vom "künftigen Champion" zu erfüllen, die seit seinem Formel-1-Debüt gemacht wird. Und für die Formel 1 bedeutet es das spannendste Saisonfinale seit Jahren.

Quelle: ntv.de