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Expertenrat evaluiert Corona-Maßnahmen: Wie wirksam waren Lockdown, Maskenpflicht & Schulschließungen?

Expertengremium stellt Bericht vor

Wie wirksam waren Lockdowns, Schulschließungen und Maskenpflicht?

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Beim Thema Schulschließungen kommen die Experten zu keiner abschließenden Bewertung: "Weiterhin offen".
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Wie soll sich Deutschland dafür wappnen, dass nach dem Sommer womöglich eine größere Corona-Welle naht? Vor allem die FDP wollte dazu erst ein Gutachten abwarten. Jetzt kommt es – und das rechnet in Teilen mit den Maßnahmen ab.

RTL liegt der Bericht vor. Bewertet werden Maßnahmen wie Lockdowns, Schulschließungen, 2G/3G-Regeln oder auch die Maskenpflicht.

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Lockdowns hatten "nur kurzfristig positiven Effekt"

Die Lockdowns hätten nur im Anfangsstadium eine starke Wirkung, heißt es im Papier. Grundsätzlich gebe es keinen Zweifel, dass es die Zahl der Infekionen drückt, wenn Kontakte vermieden werden. „Wenn erst wenige Menschen infiziert sind, wirken Lockdown-Maßnahmen deutlich stärker. Je länger ein Lockdown dauert und je weniger Menschen bereit sind, die Maßnahme mitzutragen, desto geringer ist der Effekt und umso schwerer wiegen die nicht-in-tendierten Folgen.“ Gemeint sind damit zum Beispiel mehr häusliche Gewalt oder die Zunahme von psychischen Erkrankungen.

Besonders umstritten waren die Schulschließungen während der Corona-Pandemie. Hier kommen die Experten zu keiner abschließender Bewertung. So heißt es im Papier: Die „genaue Wirksamkeit von Schulschließungen auf die Eindämmung der Ausbreitung des Coronavirus“ sei „weiterhin offen“. Der Grund ist auch, weil „im schulischen Bereich eine Reihe von Maßnahmen gleichzeitig eingesetzt wurden und damit der Effekt von Einzelmaßnahmen nicht evaluiert werden kann.“ Klar sei aber, dass „die Folgen dieser Maßnahme auf das psychische Wohlbefinden“ der Schüler „immens“ seien.

Zum Thema Masken bilanzieren die Experten: Die Maske wirkt, aber auch nur dann, wenn der Träger oder die Trägerin es richtig macht: „Eine schlechtsitzende und nicht enganliegende Maske hat jedoch einen verminderten bis keinen Effekt. Die Effektivität hängt daher vom Träger oder der Trägerin ab.“ Die Experten empfehlen daher: In der öffentlichen Aufklärung solle ein „starker Schwerpunkt auf das richtige und konsequente Tragen von Masken gelegt werden.“ Außerdem empfehlen sie: „Da die Übertragung des Coronavirus im Innenbereich un-
gleich stärker als im Außenbereich ist, sollte eine Maskenpflicht zukünftig auf Innenräume und Orte mit einem höheren Infektionsrisiko beschränkt bleiben.“

Beim Thema 2G/3G sind die Experten skeptisch: Sie empfehlen für die Zukunft: „Ist man aufgrund eines hohen Infektionsgeschehens und einer (drohenden) Überlastung des Gesundheitswesens gezwungen, Zugangsbeschränkungen einzuführen, so ist bei den derzeitigen Varianten und Impfstoffen eine Testung unabhängig vom Impfstatus als Zugangsbedingung zunächst zu empfehlen.“ Wegen der leichten Übertragbarkeit der neuen Varianten „ist allerdings begleitend zu erforschen, wie gut eine Eindämmung über Testung funktionieren kann.“

Gremium signalisierte im Vorfeld: "Keine Vollevaluation zu leisten"

Dem Sachverständigenausschuss, der je zur Hälfte von Bundesregierung und Bundestag besetzt wurde, gehören Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen an. Die Evaluation soll vor allem die Vorgaben im Rahmen der „epidemischen Lage von nationaler Tragweite“ beleuchten. Diese vom Bundestag laut Infektionsschutzgesetz festgestellte Lage bestand über mehrere Monate bis Ende November 2021 und ermöglichte Schließungen zahlreicher Einrichtungen sowie Alltagsauflagen.

Aus dem Gremium war bereits signalisiert worden, dass in der Frist bis Ende Juni keine „Vollevaluation aller Maßnahmen“ zu leisten sei. Zudem waren Erwartungen gedämpft worden, es werde konkrete Empfehlungen an die Politik geben. In der Koalition pochte aber vor allem die FDP auf die Evaluation als Voraussetzung für weitere Schritte. Für den Herbst muss eine Anschlussregelung gefunden werden, weil die zum Frühjahr stark zurückgefahrenen Corona-Bestimmungen im Infektionsschutzgesetz als bundesweite Rechtsgrundlage am 23. September auslaufen.

Streitthema Schulschließungen: was ist Ihre Meinung?

Grünen-Politiker Dahmen: "Rechne heute eher mit Hinweisen, wo noch weitere Forschung erforderlich ist"

Der Grünen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen hat keine allzu großen Erwartungen an den Berichten des Sachverständigenausschuss‘ für die Evaluation der Corona-Maßnahmen . Dieser werde eine gute Grundlage für die weiteren politischen Beratungen bieten können. „Ich glaube aber, dass es dort eher juristische Hinweise geben kann zur Gesetzes-Architektur des Infektionsschutzgesetzes“, sagte Dahmen in der Sendung „Frühstart“ von RTL/ntv. Die Wissenschaftler hätten sich im Vorfeld schon skeptisch gezeigt, dass mit den Mitteln, die der Kommission zur Verfügung standen, eine abschließende Beurteilung nicht möglich sei. Dahmen weiter: „Ich rechne heute eher mit Hinweisen, wo noch weitere Forschung erforderlich ist, wenn es darum geht, die Wirksamkeit einzelner Maßnahmen zu beurteilen.

Die Union sorgt sich um den Zeitplan. Der CDU-Gesundheitsexperte Tino Sorge bezeichnete es in der „Augsburger Allgemeinen“ als sportlich, die neuen Bestimmungen für den Herbst im Wesentlichen nach der Sommerpause beschließen zu wollen. Sorge sprach sich gegen tiefgreifende Einschnitte in die persönliche Freiheit aus, um das Virus einzudämmen. „Erneute Grundrechtseingriffe wie flächendeckende Lockdowns oder Schließungen von Schulen und Kitas müssen künftig vermieden werden“, sagte Sorge.

Der Sachverständigenausschuss zu den bisherigen Corona-Maßnahmen ist nicht mit dem Expertenrat der Bundesregierung zu verwechseln, der schon mehrere Stellungnahmen zu anstehenden Entscheidungen vorlegte. Um das Gremium hatte es Wirbel gegeben, nachdem der Leiter der Virologie an der Charité Berlin, Christian Drosten, Ende April seinen Rückzug mitgeteilt hatte. Zur Begründung hieß es unter anderem, dass Ausstattung und Zusammensetzung des Gremiums aus seiner Sicht nicht ausreichten, um eine hochwertige Evaluierung gewährleisten zu können. Für Drosten rückte auf Vorschlag der Union der Virologe Klaus Stöhr nach. (dpa/eku)

„Wir erleben eine heftige Welle“ Gesundheitsexperte Dahmen
05:53 min
Gesundheitsexperte Dahmen
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