Experten warnen: Jede achtlos weggeworfene Zigarettenkippe verseucht 40 Liter Wasser

16. April 2019 - 10:39 Uhr

Ein Umweltproblem, das lange übersehen wurde

Sie sind überall. Auf dem Gehweg, am Straßenrand, unter Parkbänken: alle paar Meter liegen kleine, blasse Zigarettenkippen. Kunststoff-Teile mit braunem Papierüberzug, einfach weggeworfen, als würden sie sich schon irgendwann von selbst in Luft auflösen – wie Zigarettenrauch. Doch das tun sie nicht, und das ist ein großes Problem für die Umwelt, sagen Experten. Pro Tag werden laut Weltgesundheitsorganisation WHO alleine in Deutschland 400 Millionen Zigaretten geraucht, und drei Viertel davon landen nicht im Aschenbecher, sondern am Straßenrand oder in der Natur.

Von Sebastian Priggemeier

Test am Kölner Rheinufer: 925 Kippen in nur zehn Minuten gesammelt

Eine übertrieben hohe Zahl? Wir haben am Kölner Rheinufer getestet, wie viele weggeworfene Zigarettenkippen wir zu viert innerhalb von zehn Minuten finden. Das Ergebnis: 925 eingesammelte Stummel auf einem Rasenstreifen von knapp 100 Metern Länge. Und wir haben längst nicht alle erwischt, wie Sie im Video sehen. Die Teile aus Celluloseacetat sind unscheinbar – aber voller Giftstoffe. Beim Rauchen sammeln sich Nikotin, Arsen, Blei und viele andere Chemikalien in den Filtern. Und immer wenn es regnet, sickern diese Stoffe mit dem Regenwasser in den Boden oder in die Kanalisation. Nicht nur am Rheinufer, sondern deutschlandweit. Europaweit. Weltweit.

Eine Zigarette ist in fünf Minuten geraucht, aber sie belastet die Umwelt noch jahrelang. Mittlerweile gibt es einige wissenschaftliche Untersuchungen zur Kippen-Katastrophe. Und auch die sind erschreckend: Laut Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) vergiftet schon ein einziger weggeworfener Zigarettenstummel schätzungsweise 40 Liter Grundwasser. Vielen Rauchern ist das gar nicht bewusst, sagt Mario Merella aus Troisdorf. Er kämpft gegen diese Wissenslücke an und fordert: "Raucher sollten ihr Wegwerfverhalten ändern." Merella hat ein Recycling-System für Zigarettenkippen entwickelt. Sein Verein "TobaCycle" stellt Unternehmen und Kneipen spezielle Aschenbecher zur Verfügung, nimmt die aufgerauchten Kippen zurück und stellt daraus Kunststoffprodukte wie Taschen-Aschenbecher her. Wie genau das funktioniert, erklärt Merella im Video. Das Problem wurde lange genug übersehen, jetzt ist es erkannt und zieht Kreise: Bei Facebook verabreden sich "Kippen-Jäger" zu Sammelaktionen auf Festivals oder in Parks.

Pro Zigarettenstummel gelangen zwei bis sechs Milligramm Nikotin ins Regenwasser

Auch Amy Green von der Technischen Universität Berlin sammelt regelmäßig aufgerauchte Zigaretten. Zu Forschungszwecken! Eine Erkenntnis daraus laut einer "ZDF"-Reportage: Pro Kippe gelangen zwei bis sechs Milligramm Nikotin ins Regenwasser. Nikotin ist nämlich leider sehr gut wasserlöslich. Es dauert nur 30 Sekunden, bis das Nervengift aus einem Filter gespült ist.

Und was passiert dann? Entweder es sammelt sich im Erdboden an oder im Grundwasser – oder es landet über Gullys und die Kanalisation in einer Kläranlage. Wird es dort herausgefiltert? "Nikotin und Cotinin – ein wesentliches Abbauprodukt des Nikotins – werden nach Ergebnissen verschiedener Studien zu über 90 Prozent in Kläranlagen eliminiert", teilte das Labor der Stadtentwässerungsbetriebe Köln auf unsere Anfrage mit. Immerhin.

Das ausgespülte Nikotin ist also halb so wild. Problematischer seien die übrigen Giftstoffe, die durch den Verbrennungsprozess beim Rauchen entstehen und "unbehandelt im Boden versickern". Polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, Arsen, Schwermetalle wie Cadmium, Blei...

Welche Lösungen gibt es für die Kippen-Krise?

Die Welt wird zum Aschenbecher. Und wie kommen wir aus dieser Kiste wieder heraus? Ansatz 1: Jeder Raucher ändert sein Wegwerfverhalten (oder gibt das Rauchen gleich ganz auf). Ansatz 2: Die Tabakindustrie kommt für die Entsorgung der Kippen auf – ähnlich wie Batteriehersteller. Für diese Maßnahme setzen sich Experten der WHO ein.

Auch Kippen-Recycler Mario Merella findet das sinnvoll. Er hat schon Kontakt zu Zigarettenherstellern aufgenommen, um sie bei der Entsorgung ins Boot zu holen. Ob etwas daraus wird? Das ist noch offen. Dabei drängt die Zeit, schließlich sickert mit jedem Regenschauer neues Gift aus den Tabakstummeln in die Erde und ins Wasser.