Skandalunternehmen Evergrande

Löst der chinesische Immobilienkonzern eine weltweite Finanzkrise aus?

Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes riegeln die Zentrale von Evergrande  in Shenzhen ab.
Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes riegeln die Zentrale von Evergrande in Shenzhen ab.
© REUTERS, DAVID KIRTON, /FW1F/Alex Smith

20. September 2021 - 13:26 Uhr

Wohnungskäufer, Handwerker und Kleinanleger zittern

In China wächst die Angst vor einer Pleite des Immobilienriesen Evergrande. Erst versichert die Konzernführung, das Unternehmen werde nicht bankrott gehen. Jetzt hat die chinesische Wohnbaubehörde offenbar Banken vor Zahlungsausfällen beim Immobilienkonzern gewarnt. Nicht nur Wohnungskäufer, Handwerker und Kleinanleger zittern - auch die Kommunistische Partei ist alarmiert.

Evergrande-Anleger fürchten Zusammenbruch des Immobilienkonzerns

Evergrande werde nicht in der Lage sein, die am 20. September fälligen Zinsen für Kredite zu bedienen, berichtete die Nachrichtenagentur Bloomberg unter Berufung auf Insider am Mittwoch. Das Unternehmen sei in dieser Woche in Gesprächen mit Finanzinstituten über ein Zinsmoratorium und eine mögliche Verlängerung von Darlehen.

Anleger fürchten einen Zusammenbruch des Immobilienkonzerns, der unter einem Schuldenberg von mehr als 300 Milliarden Dollar ächzt. Investoren werfen Aktien und Anleihen aus ihren Depots, die Kurse brechen ein. Zudem gibt es die Sorge, dass eine Insolvenz Schockwellen durch das chinesische Bankensystem jagt.

An den Finanzmärkten wächst die Unruhe. Die in Hongkong notierten Aktien von Evergrande fielen am Mittwoch zeitweise auf ein Sechs-Jahres-Tief, schlossen dann aber mehr als vier Prozent im Plus. "Wir gehen davon aus, dass der Weg des Schuldenabbaus des Unternehmens holprig sein wird, was zu hohen Preisnachlässen für seine Immobilienverkäufe und möglichen Veräußerungen von Vermögenswerten führen könnte", sagten Analysten von Goldman Sachs in einer aktuellen Studie.

Chinesische Börse setzt Handel mit Anleihen aus

An den Bondmärkten fiel der Preis für eine bis Mai 2023 laufende und mit 5,9 Prozent verzinste Anleihe des Unternehmens um weitere 2,8 Prozent nach einem Absturz von mehr als 50 Prozent seit vergangener Woche. Auch die Anleihen anderer chinesischer Immobilienkonzerne verloren deutlich an Wert. Zeitweise hatte die chinesische Börse den Handel mit Anleihen vor einigen Tagen wegen Kursturbulenzen aussetzen müssen.

Das Unternehmen hat auch mit fälligen Zahlungen an Lieferanten zu kämpfen. So hatte Evergrande Börsendokumenten zufolge Ende August ausstehende Verbindlichkeiten in Höhe von 562 Millionen Yuan gegenüber seinem Lieferanten Skshu Paint. Investoren fürchten bei einem Zusammenbruch von Evergrande Schockwellen für das chinesische Bankensystem. "Seine riesige Bilanz wird einen echten Dominoeffekt auf China haben", hatte Nomura-Ökonom Lu Ting vor einiger Zeit gesagt. "Wenn Finanzinstitute Geld verlieren, werden sie die Kreditvergabe an andere Unternehmen und Sektoren einschränken."

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Tumulte in der Evergrande-Hauptzentrale: "Evergrande, gib uns unser Geld zurück"

Bereits vor einigen Tagen gab es am Hauptsitz des chinesischen Krisenkonzerns Evergrande Tumulte. Rund 100 aufgebrachte Anleger versammelten sich am Montag in der Lobby des Gebäudes in der chinesischen Metropole Shenzen und verlangten ihr Geld zurück. Rund 60 uniformierte Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes stellten sich vor dem Haupteingang auf, um weitere laut protestierende Menschen abzuhalten. Einige Personen versuchten Absperrungen zu durchbrechen und in Aufzüge zu gelangen. In der Menge waren Rufe zu hören wie "Evergrande, gib uns unser Geld zurück".

A woman receives aid on the ground next to Du Liang, general manager and legal representative of Evergrande's wealth management division, while people gather to demand repayment of loans and financial products at the Evergrande's headquarters, in She
Aufregung und Proteste im Hauptquartier von Evergrande in Shenzhen.
© REUTERS, DAVID KIRTON, TS/SY/STE

In Medienberichten hieß es, Evergrande wolle Zinszahlungen an Gläubigerbanken aussetzen und keine Zahlungen für seine Vermögensverwaltungsprodukte mehr leisten.

Ein Manager von Evergrandes Vermögensverwaltungssparte schlug nach einem Bericht des Finanzmagazins "Caixin" vor, Kunden zum Teil zu entschädigen. Doch die Investoren lehnten den Vorschlag ab. "Die sagen, eine Rückzahlung könnte zwei Jahre dauern. Aber es gibt dafür keine rechtliche Garantie und ich habe Angst, dass es die Firma bis zum Ende des Jahres gar nicht mehr gibt", sagte einer der Protestierenden. Der Mann erzählte, er arbeite für den Konzern und habe 100.000 Yuan (rund 16.000 Dollar) investiert. Seine Verwandten hätten rund eine Million Yuan in Evergrande-Produkten angelegt. (reuters/aze)