Wembley ist sein Schicksalsort

Das irre Drama des Gareth Southgate

12. Juli 2021 - 9:34 Uhr

Southgate sollte die Träume erfüllen!

Von Tobias Nordmann

England träumt vom ersten großen Titel seit 55 Jahren. Und der Mann, der ihre Träum erfüllen soll, ist Trainer Gareth Southgate. Der trifft bis zum Finale gegen Italien eigentlich nur richtige Entscheidungen. Doch dann, Sekunden vor dem Elfmeterschießen verlässt ihn das Glück. Das Drama in Wembley hat ihn wieder. Eine tragische Geschichte.

Immer die richtigen Entscheidungen getroffen, aber dann ...

Gareth Southgate hat bei dieser Fußball-Europameisterschaft alle Entscheidungen richtig getroffen. Das hatte Alan Shearer in den vergangenen Tagen gesagt. Shearer und Southgate kennen sich gut. Sehr gut. Sie sind Teil der Schicksalsgemeinschaft, die 1996 bei der Heim-EM das Halbfinale gegen Deutschland im Elfmeterschießen verloren hatte. Der überragende Stürmer Shearer hatte damals in Wembley früh das 1:0 erzielt (3.). Und er hatte im Duell vom Punkt den ersten Strafstoß verwandelt. Southgate hatte den letzten englischen Versuch in die Arme von Andreas Köpke gezittert. Der Innenverteidiger wurde zur tragischen Figur auf der Insel.

25 Jahre später ist Southgate nun auf dem Weg zum großen Helden. Er führt die englische Nationalmannschaft ins Finale der EM. Weil er eben alle Entscheidungen richtig trifft. Es sind durchaus schmerzhafte Entscheidungen dabei. Schmerzhaft für Talente wie Jadon Sancho oder Marcus Rashford. Schmerzhaft für Freunde des schönen Spiels. Denn Southgate schöpft das offensive Talent seines Kaders, das in Europa derzeit wohl einmalig ist, nicht aus. Er setzt auf eine gnadenlos gut verteidigende Mannschaft, die sich im Spiel nach vorne auf die Extraklasse ausgewählter Protagonisten verlassen kann, auf Harry Kane und Raheem Sterling vornehmlich. Ja, so hat der Trainer seine Mannschaft nach Wembley geführt (wobei das der falsche Ausdruck ist, denn sechs von sieben Spielen durften die Three Lions daheim absolvieren), ins Finale.

Wembley, der Ort der großen englischen Gefühle

LONDON, ENGLAND - JULY 11: Bukayo Saka of England is consoled by Gareth Southgate, Head Coach of England following defeat in the UEFA Euro 2020 Championship Final between Italy and England at Wembley Stadium on July 11, 2021 in London, England. (Phot
Trost für den Fehlschützen.
© Getty Images, Bongarts, CHANCER / STOREY

Wembley, wieder Wembley, der Ort der großen englischen Gefühle. Des großen Triumphs von 1966, des großen Leidens 1996. Und nun? Nun weinen die drei Löwen. Sie weinen gewaltig. Denn sie haben verloren. Sie haben gegen Italien im Duell vom Punkt alles verloren. Die Nerven. Das Glück. Das Finale. Das Gespür für die richtigen Entscheidungen. Und dieser Vorwurf ist an Southgate adressiert. Bis zur 120. Minute hatte er sich die beiden Joker Rashford und Sancho zurückhalten. Er hatte bis zur vermeintlich letzten Unterbrechung der Verlängerung gezögert, dann warf er sie rein, rein in dieses Drama. Rashford und Sancho, das war klar, sollten nichts mehr für das Spiel tun. Rashford und Sancho sollten einfach nur ihre Elfmeter verwandeln. So wie sie es meistens tun. Beide haben eine herausragende Schusstechnik und eine sehr gute Quote vom Punkt.

Aber Southgates Plan ging nicht auf. Rashford verzögert als dritter englischer Schütze zwar sensationell, verlädt Gianluigi Donnarumma, haut den Ball aber an den Pfosten. Sancho tritt als vierter Löwe an, scheitert mit einem schwachen Schuss am Italiener. Den finalen Strafstoß vergibt Bukayo Saka, ein 19-Jähriger. Man kann, nein, man muss viele Dinge hinterfragen. Warum setzt der Trainer auf zwei Spieler, die er im Turnier allermeist ignorierte? Und warum bürdet er dem jungen Saka die Verantwortung auf, den letzten Schuss zu übernehmen? Southgate erklärt sich so: "Wir wussten, dass sie die besten Schützen waren, die noch auf dem Platz standen. Das wird ihnen das Herz zerreißen, aber sie trifft keine Schuld daran, es war meine Entscheidung als Trainer."

RTL NEWS empfiehlt

Anzeigen:

"Wenn wir früher im Spiel gezockt hätten ..."

Es war, wenn man so will, die einzige falsche Entscheidung in diesem Turnier. Sich diesen Fehler ausgerechnet für den finalen Moment im Finale aufzubewahren ist eine große Tragödie. Die sportlich vielleicht größte dieser EM. "Es war ein Glücksspiel", erklärte Southgate seine fatale Entscheidung, "aber wenn wir früher im Spiel gezockt hätten, hätten wir das Spiel vielleicht in der Verlängerung verloren. Ich habe mich für die Jungs entschieden, die die Schüsse ausführen."

Southgate ist nun wieder die tragische Figur auf der Insel. Wieder hat das Elfmeterschießen sein Schicksal bestimmt. Wieder in Wembley. Geschichte wiederholt sich. Die Schmerzen der Three Lions gehen weiter. 55 Jahre Warten auf den zweiten großen Titel, sie reichen (noch) nicht. Zwar prophezeit der legendäre Gary Lineker dem Team eine große Zukunft, aber was heißt das schon. Welchen großartigen Teams wurden nicht schon goldene und goldendste Generationen und große Zukünfte (gibt es das Wort?) angedichtet. Im WM-Halbfinale vor drei Jahren war die Mannschaft vor drei Jahren bitter an Kroatien gescheitert. Und nun tragisch an Italien.

"Die verheerendste Art zu verlieren"

 Italy v England - UEFA EURO, EM, Europameisterschaft,Fussball 2020 Final - Wembley Stadium England s Harry Maguire celebrates scoring in the penalty shoot-out during the UEFA Euro 2020 Final at Wembley Stadium, London. Picture date: Sunday July 11,
Elfmeter-Monster: Harry Maguire.
© imago images/PA Images, Nick Potts via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Um die ganze Tragik dieses Abends für Southgate zu erfassen, muss man wissen, dass er auch im Endspiel erst die richtigen Entscheidungen getroffen hatte. Er hatte sein System verändert, war von seinem 4-3-3, was ab und an auch mal ein 4-2-3-1 war, abgewichen und hatte auf ein 3-4-3 gesetzt. Das System, mit dem Joachim Löw bei der EM untergegangen war. Aber Southgate fand eine überragende Aufstellung, eine, die Italien überraschte. Mit den hochstehenden Außenverteidigern Kieran Trippier und Luke Shaw war die Mannschaft von Roberto Mancini völlig überfordert. Bereits nach zwei Minuten stand es 1:0 für England, Shaw (!) hatte nach Flanke von Trippier (!) getroffen. Niemals im Turnier hatte man die Squadra Azzurra so hilflos gesehen, wie in den ersten 25 Minuten.

Mancini rang nach dem richtigen Plan, er fand ihn lange nicht. Erst in der zweiten Halbzeit wurde Italien besser. Richtig gut sogar. Plötzlich stand England hinten drin, hatte keinen Zugriff mehr. Der Ausgleich durch Leonardo Bonucci (67.), er war absolut verdient. Das Spiel drohte zu kippen, kippte aber nicht. England wankte, fiel aber nicht. Und fand in der Verlängerung plötzlich frische Reserven. England war wieder besser, aber nicht zielstrebig. Das, was an kreativen Ideen in den Strafraum kam, wurde von Bonucci und dem sensationellen Giorgio Chiellini locker wegverteidigt. Elfmeterschießen. In Wembley. Und Southgates Idee geht auf. Mit Kane schickt er seinen besten Mann zunächst ins Duell. Tor. Danach kommt das kolossale Mentalitäts-Ungetüm Harry Maguire. Der teuerste Abwehrspieler der Welt schweißt den Ball in den Winkel. Das Maximum an Überzeugung. Für Italien hatte der eingewechselte Andrea Belotti zuvor verschossen. Alles sprach für England. Für Southgate.

Aber dann versagten den Talenten die Nerven. Wembley weint. Und Southgate bleibt nur das ganz große Drama. Alan Shearer sagte noch in der Nacht: "Es ist die verheerendste Art zu verlieren." Wieder einmal.