Leider geil

Doppelpacker Locatelli verzaubert Italien

17. Juni 2021 - 11:52 Uhr

Andrea Pirlo 2.0.?

Von Emmanuel Schneider

Mamma mia! Das italienische Team spielt sich in einen wahren EM-Rausch und gewinnt auch das zweite Vorrundenspiel gegen die Schweiz mit 3:0. Dabei erobert vor allem ein Profi die Herzen der Tifosi, der erst im Herbst 2020 debütierte und "nur" einen Superstar ersetzt. Manuel Locatelli ist die Gegenwart und Zukunft des italienischen Fußballs und weckt Erinnerungen an einen ganz Großen.

Schöne Tore kann Locatelli

 June 16, 2021, Rome, Italy: Manuel Locatelli of Italy celebrates after scoring goal 1-0 seen in action during the UEFA EURO, EM, Europameisterschaft,Fussball 2020 Group A - Italy vs Switzerland at the Olimpic Stadium in Rome. / LiveMedia UEFA Europe
Manuel Locatelli bejubelt den italienischen Führungstreffer.
© imago images/ZUMA Press, Fabrizio Corradetti via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Das traumhaft schöne 1:0 am Mittwochabend im römischen Olympiastadion war nicht der erste Treffer, mit dem sich Manuel Locatelli in den Fokus spielte. Schon 2016, als absoluter Youngster beim Traditionsclub AC Mailand, nagelte er einen Distanz-Volleyschuss bei einem Serie-A-Match ins Tor, zwei Spieltage später fackelte er den Ball gegen Meister Juventus und Gianluigi Buffon ins lange Eck.

Schon mit 18 Jahren stand er auf der großen Bühne in Italien. Lobende Worte gab es auch vom damaligen Milan-Boss Silvio Berlusconi, die Erwartungen stiegen, Locatelli fiel aber in ein kleines Leistungsloch, der Club läutete den zunächst vergeblichen Umbruch ein und das Talent spielte auf einmal keine Rolle mehr. "Milan ließ ihn gehen, weil er damals kein Selbstvertrauen hatte", erklärt Milan-Experte Carlos Passerini vom "Corriere della Sera" im Gespräch mit RTL.

Ein Cut musste her: Locatelli wechselte erst auf Leihbasis zum Ligakonkurrenten US Sassuolo Calcio, später verpflichtete der Club ihn fest. Eine kluge Entscheidung. In der Provinz im italienischen Norden reifte er zu einem der besten Mittelfeldspieler des Landes. In der abgelaufenen Saison gab er in der Liga die meisten Pässe, führte sein Team auf Rang acht in der Tabelle.

Locatelli macht Verratti-Verletzung vergessen

Noch steiler verläuft seine Karriere in der Nationalelf. Locatelli führte 2019 die U21 als Kapitän erfolgreich durch die EM-Qualifikation, im Herbst 2020 war es dann soweit: Nationaltrainer Roberto Mancini berief ihn in den A-Kader. Schon im ersten Spiel gegen die Niederlande überzeugte Locatelli, die Presse applaudierte. Die "Squadra Azzurra", die nun auf erfrischende Offensive statt Catenaccio setzt, hatte plötzlich einen versierten Ersatzmann für den so oft verletzten und angeschlagenen PSG-Star Marco Verratti gefunden. Tatsächlich profitierte und profitiert Locatelli von der Verletzungsmisere des Leistungsträgers, der eigentlich auf der Sechser-Position beheimatet ist. Doch nach den ersten beiden EM-Spielen fragt sich Italien: Marco chi?

Denn man muss es so sagen, Locatelli macht das bisherige Verratti-Aus vergessen. Wie vielseitig der Ersatzmann ist, zeigt der Treffer zum 1:0 gegen die Schweiz. Mit einem Volley-Diagonalpass über das halbe Spielfeld leitete er die Aktion selbst ein, sprintete einmal in die gegnerische Hälfte in den freien Raum und nagelte den Ball aus der Bewegung nach Zuspiel von Domenico Berardi rein. Der zweite Treffer zeigte seine überragende Technik, als er aus der Distanz per Spannschuss Keeper Yann Sommer keine Chance ließ. Dabei ist Locatelli kein Goalgetter, sondern die Passmaschine im Team. Auch gegen die Schweiz lieferte sie ab – 94 Prozent der Pässe kamen an, Bestwert der Italiener.

"Seine Stärke ist die Balance aus physisch und technisch, er ist ein ein sehr moderner Spieler. In Italien habe wir nicht viel davon", erklärt der Journalist Passerini. "Er ist 23 Jahre alt und spielt als sei er 30." In Italien habe man erst in diesem Jahr nach der tollen Saison mit Sassuolo erkannt, "wie stark er ist". Davor sei er als "unvollendet" abgestempelt worden, so der Italien-Experte.

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EM-Debüt: Ein Kindheitstraum wird wahr

Und Locatelli selbst ist nach seinem ersten Doppelpack einfach nur happy. "Das war eine fantastische Partie, ich kann es noch gar nicht richtig glauben", sagte der 23-Jährige, der tatkräftig half, die starke Serie von ungeschlagenen Partien nacheinander auf 29 auszubauen.

Man wolle den Menschen nach den harten Zeiten der Pandemie "weiter Freude schenken", so Locatelli, für den die EM das erste große Turnier ist. Für ihn erfüllt sich ein Kindheitstraum. Schon vor Beginn der Euro hatte er geschwärmt: "Es ist wirklich emotional für mich, hier zu sein. Ich habe schon als Kind von so einer Gelegenheit geträumt: Auf dem Platz alle Italiener zu vertreten, macht mich sehr stolz. Das ist etwas, was man seinen eigenen Kindern erzählen kann."

Nach den Toren formte er seine Finger zu einem "T" in die Kameras. T für? Genau, für die Liebe. Es ist der erste Buchstabe seiner Freundin Thessa. Mit dem Zeigefinger-Zeichen schickt er ihr nach den Treffern Amore-Grüße.

Besonderer Jubel für die Freundin

16.06.2021, Italien, Rom: Fußball: EM, Italien - Schweiz, Vorrunde, Gruppe A, 2. Spieltag im Olympiastadion Rom. Italiens Manuel Locatelli (l) freut sich über seinen Treffer zum 1:0. Foto: Alfredo Falcone/LaPresse/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Locatelli packt den T-Jubel aus
© dpa, Alfredo Falcone, af pda

Millionen Menschen wissen nun also auch, wer dieser Locatelli ist. Allein die Leistungen bei Sassuolo ließen Scouts der Topclubs aufhorchen, jetzt kickt auch noch der EM-Boost, gefühlt halb Europa buhlt um den 23-Jährigen. Angeblich ist nun auch Borussia Dortmund ins Rennen um ihn eingestiegen. Ein aussichtsreicher Kandidat ist auch Italiens Traditionsclub Juventus Turin.

Dort spielte lange Zeit auch Italiens Legende Andrea Pirlo, zuletzt hatte er dort ein Kurzzeit-Intermezzo als Trainer. In Italien gilt Locatelli als kommender Pirlo. Der Vergleich liegt auf der Hand: Pirlo zog jahrelang lässig die Fäden in der "Squadra Azzurra", unter seiner Führung holte Italien 2006 den WM-Titel. Und Pirlo war Locatellis großes Vorbild, schaffte es bis ins Kinderzimmer des Jungspunds. "Manuel hatte Poster von Pirlo in seinem Zimmer", verriet Locatellis Berater. Der größte Unterschied der beiden liegt womöglich in der Frisur.

Die Erwartungen steigen also wieder in Italien, für die es gegen Wales am Sonntag um den Gruppensieg geht. Die "Squadra Azzurra" ist neben Frankreich plötzlich Top-Favorit und das auch hat viel mit Mittelfeld-Regisseur Locatelli zu tun. Gut möglich, dass Thessa noch während dieser Euro ein paar T-Liebesgrüße vor Millionenpublikum erhält.

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