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Drogenschmuggel, Geldwäsche, Gewalt: Was hat Tyson Fury mit Mafia-Boss Daniel Kinahan wirklich zu schaffen?

Box-Weltmeister in Erklärungsnot

Drogenschmuggel, Geldwäsche, Gewalt: Was hat Tyson Fury mit Mafia-Boss Daniel Kinahan wirklich zu schaffen?

Tyson Fury und Daniel Kinahan
Tyson Fury und Daniel Kinahan: Wie eng ist das Verhältnis wirklich?
Matt Davies/Pximages, picture alliance

Tyson Fury steigt noch einmal in den Ring - und möchte diesen als Sieger verlassen. Er möchte als ungeschlagene Schwergewichtslegende des Boxsports abtreten. Doch seine (angeblich) letzte große Show wird von Berichten über eine enge Beziehung zu einem Mafia-Boss überschattet.

Thema Kinahan lässt sich einfach nicht ausknocken

Die USA suchen Daniel Kinahan (sowie dessen Vater und Bruder) und bieten fünf Millionen Dollar für den entscheidenden Hinweis zu seiner Festnahme. Den könnte womöglich Tyson Fury liefern. Zumindest wusste der Boxweltmeister im Februar noch, wo genau sich der Nordire in Dubai aufgehalten hat. Bestens dokumentiert mit einem Foto. Kinahan gilt als einer der mächtigsten Drogenbosse der Welt - und ist eng verbunden mit der Boxszene. Dass der Mafioso in die Schlagzeilen kommt, dass er in enge Beziehung zum Schwergewichtsboxer gesetzt wird, das gefällt dem "Gypsy King" nun überhaupt nicht. Schlagzeilen an sich mag der 33-Jährige zwar, aber sie sollten in diesen Tagen ganz anders lauten: Fury tut nämlich alles dafür, um seinen Kampf am Abend gegen Dillian Whyte in Wembley zu promoten. Es sei sein letzter, tönt er. Und wird dafür sogar zum Gentleman.

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Doch die Geschichte des plötzlich höflichen Tyson, sie verfängt in der Öffentlichkeit nicht. Ebenso die Geschichte seines letzten Kampfs nicht. Egal, was Fury auch versucht, um das Spektakel in der Arena in London mit 94.000 Fans zu hypen, dem immerhin bestbesuchten Schwergewichtskampf seit 1927 (seit Jack Dempsey vs. Gene Tunney II), es gelingt nicht, das unliebsame Thema Daniel Kinahan k.o. zu schlagen. Der 44 Jahre alte Ire gilt als Anführer eines der mächtigsten Kartelle in Europa, der Kinahan Organised Crime Group (KOCG). Die USA haben in der vergangenen Woche harte Sanktionen gegen ihn verhängt. Kinahan, der stets jedes Fehlverhalten bestritten hat, soll ein bestens vernetztes Syndikat anführen, dem die US-Behörden Drogenschmuggel, Geldwäsche und Gewalt gegen "die Schwächsten in der Gesellschaft" vorwerfen.

Im Februar das Foto, im April nun die Vorwürfe - Fury gerät in Erklärungsnot, zumal die Beziehung zwischen Boxer und mutmaßlichem Mafioso eine längere Vorgeschichte hat. Fury spielt in den Tagen vor dem Kampf nun das "Mein-Name-ist-Hase"-Spiel. Und das, obwohl sein berühmter Promoter Bob Arum erst in der vergangenen Woche zugegeben hatte, dass er Kinahan zwei Millionen Dollar für jeden der letzten vier Kämpfe von Fury gezahlt habe. Der Boxer findet: "Das ist Bobs persönliche Angelegenheit. Er kann alles für Gummibärchen ausgeben, wenn er will. Was jemand mit seinem Geld macht, entzieht sich meiner Kontrolle." Wenn das so einfach wäre …

"Großes Dankeschön, Dan"

Fury und Kinahan, das ist keine flüchtige Bekanntschaft. Was es genau ist, das weiß man zwar nicht. Aber es ist irgendwo angesiedelt zwischen Freund- und Partnerschaft. Im vergangenen Jahr war der 33-Jährige berauscht, als der Mega-Fight zwischen ihm und Anthony Joshua vereinbart wurde, der letztlich aber doch nicht zustande kam. Im Juni 2021 verkündete er via Instagram: "Ich bin gerade dabei, mit Daniel Kinahan zu telefonieren. Er hat mir nun mitgeteilt, dass der größte Kampf in der britischen Boxgeschichte gerade vereinbart wurde. Steig ein, mein Junge!" Der Schwergewichtsweltmeister war außer sich vor Glück: "Großes Dankeschön, Dan, dass du den Deal über die Linie gebracht hast." Aber Fury hatte seinen Fans nicht nur die Neuigkeiten mit an die Hand gegeben, die sie hören wollten. Er hatte auch eines der dunkelsten Geheimnisse des Boxens preisgegeben.

Kinahan ist in den vergangenen Jahren zu einem mächtigsten Hintermänner der Szene aufgestiegen. Vor zehn Jahren gründete er gemeinsam mit dem ehemaligen Profiboxer Matthew "Mack the knife" Macklin die Management- und Promotionfirma MTK Global (zunächst unter dem Namen Macklins Gym Marbella, MGM). Seit der Gründung hat die Agentur eine Vielzahl von Weltklasse-Kämpfern aus der Box- und MMA-Szene unter Vertrag genommen. Darunter Tyson Fury.

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"Foto bedeutet nicht, dass ich ein Verbrecher bin"

Und dessen Laune bei diesem Thema changiert zwischen Verniedlichen und Pöbeln. Als ihn ein Journalist in diesen Tagen an die Zeit bei MTK erinnerte, antwortete Fury verärgert: "Das war von 2017 bis 2020. Drei Jahre, das war's. Erledigt. Ende. Irgendwelche weiteren bohrenden Fragen, die Ihnen einfallen, um mir ein Bein zu stellen?" Auf die Frage nach dem Bild, das von ihm und Kinahan in Dubai lächelnd aufgenommen wurde, antwortete Fury: "Ein Foto bedeutet nicht, dass ich ein Verbrecher bin. Es könnte jetzt ein Krimineller in diesem Gebäude sein. Das bedeutet aber dann ja nicht, dass ich in seine kriminellen Aktivitäten verwickelt bin, oder?"

Über die kriminellen Aktivitäten der Kinahans kommen derweil immer mehr Details zum Vorschein. Ihre Organisation soll womöglich Teil eines Superkartells sein, das Kokain im zweistelligen Milliarden-Bereich nach Europa geschafft hat. An diesem Syndikat sollen auch die Kartell-Größen Ridouan Tagh ("Angel of Death"), Ricardo Riquelme Vega (El Rico), Noufal Fassih und der mutmaßliche Anführer der Camorra, Raffaele Imperiale, beteiligt sein. Alle wurden inzwischen festgenommen. Kinahan wird weiter gesucht.

Attentat von Kinahan gescheitert

Aber auch der Ire war schon mal in Haft, 2010 mit seinem Vater Christy, der das Kartell in den 1980er Jahren in Dublin aufgebaut haben soll, und seinem Bruder Christopher jr. Die spanische Polizei hatte damals zugeschnappt. Die Ermittler werteten, dass der Kinahan-Clan die absolute Kontrolle über die irische Unterwelt - in einer ebenso blutigen wie tödlichen Fehde mit der verfeindeten "Hutch-Gang" - ausüben würde und maßgeblichen Einfluss auf Mafiagruppen an der Costa del Sol hätte. Die Gang soll 2016 beim Wiegen zweier Boxer vor dem "Clash of Clans" ein Attentat auf Daniel Kinahan geplant haben, es gab auch Schüsse in der Lobby des Regency Hotels, doch der Mann, den sie töten wollten, entkam. Daniel gilt mittlerweile als Kopf des Kartells. Gerichtlich verurteilt wurde er bis heute aber nicht.

Das könnte sich demnächst ändern. Im unmittelbaren Nachgang der verhängten Sanktionen durch die USA, haben die Vereinigten Arabischen Emirate (zu denen Dubai gehört) das gesamte Vermögen, also alle Privat- und Firmenbankkonten, der Kinahan-Bande eingefroren. Der Golfstaat sagte, er werde die Ermittlungen gegen das irisch organisierte Syndikat parallel mit Behörden in den USA, Großbritannien, Irland und Spanien fortsetzen. Die USA sehen es als erwiesen an, dass die Kinahans, Dubai häufig als "Drehkreuz für ihre illegalen Aktivitäten" nutzten. Tatsächlich gilt das Emirat als Tummelplatz der Mafia-Giganten.

Und so ist der Boxsport in Aufruhr, alle Verbindungen werden negiert, kleingeredet, oder gekappt. Arum, der in den vergangenen Jahren stets wiederholt hatte, dass der Ire immer korrekt zu ihm gewesen sei und beteuert habe nach schäbigen Taten in der Vergangenheit nun ein seriöser Geschäftsmann sein zu wollen, sagt im Zuge der Sanktionen: "Ich bin US-Bürger und unsere Behörden machen solche Schritte nicht leichtfertig. Wir werden mit ihm und seinen Leute nicht mehr zusammenarbeiten, sondern direkt mit Fury und seinem Anwalt." Er habe die Beziehungen zu dem Iren ohnehin auflösen wollen. Der berühmte Promoter ist längst nicht die einzige Ikone, die nun in Stress kommt. Kinahan habe "die Leben von Boxern außerordentlich verbessert", sagte WBC-Boss Mauricio Sulaiman einmal, wie der "Guardian" berichtet.

"Bin nur ein dummer Boxer"

Fury setzt sein "Name-ist-Hase"-Spiel fort. "Ich bin nur ein dummer Boxer", sagte er nun in London. "Das ist alles nicht meine Sache. Es gibt absolut keine Verbindung. Null, wirklich null." Auch nicht zu MTK-Global, die Agentur erklärte Mitte der Woche das Ende der Tätigkeiten. Obwohl Kinahan bereits seit 2017 nichts mehr mit dem Unternehmen zu tun habe. Wie das alles mit Furys Kämpfen und den Zahlungen von Arum an Kinahan zusammenpasst? Nun, es gibt Redebedarf. Aber erst nach Wembley. Erst nach der vielleicht letzten großen Show von Fury.

Der unberechenbare Hüne, der seinem 13 Zentimeter kleineren Rivalen technisch überlegen ist, ist der klare Favorit. Fury hat noch nie in seiner Profikarriere verloren. In 32 Kämpfen gab es 31 Siege und ein Unentschieden. Whyte musste zweimal in 30 Kämpfen als Verlierer aus dem Ring steigen. Laut Buchmacher wird Fury mit 80:20 Prozent als Sieger getippt. "Ich habe für Dillian genauso hart trainiert wie für Deontay Wilder, Wladimir Klitschko oder andere", so Fury, der nach seinem großen Finale das Leben genießen will. "150 Millionen Dollar auf der Bank, jung, gesund. Ich werde mir eine riesige Yacht im Ausland kaufen", sagte er erst vor wenigen Wochen - und bestimmte damit die Schlagzeilen auf jene Art, die er so gerne mag. Doch seine Ansichten und Ankündigungen widerrief er schon häufig. Vielleicht auch im Fall Kinahan. (tno)

Quelle: ntv.de