Ein Drittel der Pflegenden überlegt, den Job hinzuschmeißen

Nach 3. Corona-Welle: Intensiv-Pfleger kann nicht mehr!

Christian Wessel will seinen Pflegerberuf nicht mehr ausüben.
Christian Wessel will seinen Pflegerberuf nicht mehr ausüben.
© RTL

13. April 2021 - 15:51 Uhr

Viele Pflegekräfte können und wollen nicht mehr!

Die dritte Corona-Welle treibt das deutsche Gesundheitssystem an seine Grenzen. Besonders die Ärzte und Pfleger können dem Druck kaum noch standhalten. Die Kapazität der Intensivbetten ist mittlerweile so ausgelastet, dass viele einfach nicht mehr können. Die Folge: Viele Pflegende schmeißen hin oder melden sich krank. Christian Wessel arbeitet in Berlin. Auch er hat genug und will seinen Job als Intensiv-Pfleger an den Nagel hängen.

Zu viele Patienten gleichzeitig: "Man rennt zwischen Betten hin und her!“

Christian Wessel bekommt auf der Intensivstation täglich die Heftigkeit der dritten Corona-Welle zu spüren. Die Arbeitsbedingungen bringen ihn an seine Grenzen. Schon vor Corona war die personelle Besetzung in den Krankenhäusern sehr dünn und die Arbeitsbelastung zu hoch. Dann kam Corona und hat alles noch schlimmer gemacht. Der 36-Jährige beschreibt, dass es gerade so vertretbar wäre, sich um zwei Intensivpatienten zu kümmern. Drei instabile Corona-Patienten zu betreuen, so wie es gerade oft der Fall ist, ist nach Christian Wessel kaum möglich. Für den einzelnen Patienten bleibt keine Zeit, "man rennt zwischen Betten hin und her!" Ein Pfleger muss beispielsweise bei einem Covid-Patienten die Beatmung, die Vitalwerte, verschiedene Medikamente und Infusionen, Dialyse und vieles mehr im Blick haben. Für die Patienten kann es schnell lebensbedrohlich werden, wenn beispielsweise ein Medikament unbemerkt leerläuft.

Aber auch körperlich ist das Kümmern um beatmete Corona-Patienten extrem belastend, da sie sich selber nicht mehr bewegen können: "Bei Covid-Patienten ist die Herausforderung, dass sie in regelmäßigen Abständen auf den Bauch gedreht werden müssen und wieder zurück. Bei einem 100 oder 120 Kilo schweren Patienten kann man das nicht alleine machen." Hinzu kommen noch die Schutzkleidung und das Tragen der Masken, die zusätzlich die Arbeit erschweren. Schon vor Corona spielte der Intensiv-Pfleger mit dem Gedanken, seinen Job zu wechseln. Mit der nun noch gestiegenen Arbeitsbelastung zieht er nach fast sechs Jahren die Reißleine.

Mit einer solchen Entscheidung ist er nicht alleine. Gernot Marx, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), teilte mit, dass 32 Prozent der Pflegenden in einer Umfrage angaben, ihren Job hinzuschmeißen zu wollen. Eine fatale Entwicklung. Denn ohne Pfleger können Kranke nicht mehr versorgt werden.

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DIVI fordert bessere Arbeitsbedingungen für Pflegende

Andreas Schäfer, Pflegewissenschaftler Intensivpflege und Pflegefachleitung der DIVI, berichtet von ähnlichen Erfahrungen. Da die Auslastung der Intensivbetten durch Corona so extrem gestiegen ist, sei die Arbeitsbelastung sehr hoch. Er beschreibt, dass ein instabiler Corona-Patient eine 1:1-Betreuung benötige. Dafür fehlt jedoch das Personal. "Zudem stecken sich auch Kollegen an und dieser Engpass wird dann noch verschärft." Auch der Altersdurchschnitt in der Pflege sei mittlerweile hoch und viele Kollegen denken auch deshalb ans Aufhören.

Die DIVI will die Flucht aus dem Pflegeberuf stoppen. Sie fordert daher unter anderem, dass für die Pflege akzeptable Arbeitsbedingungen geschaffen werden, psychosoziale Unterstützung der Mitarbeitenden und Mitarbeiterfürsorge und bessere berufliche Perspektiven.

Falls nicht bald eine Änderung kommt, werden sich viele Pfleger wie Christian Wessel für eine andere berufliche Laufbahn entscheiden. Er möchte dem Gesundheitswesen treu bleiben, aber nicht mehr in der Pflege arbeiten.