DFB-Team in der Einzelkritik

Sané verzweifelt, Müller redet Tacheles, Kimmich bellt und trifft

Alle Highlights vom Klassiker Italien vs. Deutschland 1:1 zum Nations-League-Auftakt
01:54 min
1:1 zum Nations-League-Auftakt
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Dominant gestartet, stark abgebaut, in Rückstand geraten und sich vehement gegen die Niederlage gewehrt: Das wenig spektakuläre Remis (1:1) gegen die nach der verpassten Weltmeisterschaft neu aufgebaute italienische Mannschaft zum Auftakt der Nations League liefert Bundestrainer Hansi Flick wichtige Erkenntnisse, allerdings nicht nur gute. Und es bleibt der Makel, dass der Nachfolger von Joachim Löw noch immer auf einen Sieg gegen eine Top-Nation aus Europa wartet. Die Highlights der Partie gibt’s oben im Video – die Einzelkritik der deutschen Nationalspieler gibt’s unten im Text.

Der Torwart

Manuel Neuer: Der Titan bestritt sein 53. Länderspiel als Kapitän der Nationalmannschaft und zog so mit dem legendären Philipp Lahm in der Liste der Rekord-Spielführer gleich. Hatte in der 48. Minute einen kleinen Aussetzer, als er einen Querpass zum Mitspieler einfach ins Aus spielte. Da die Ecke ohne Folgen blieb, Haken dran! Auf dem Feld lieferte er sich ein feines Privatduell mit Gianluca Scamacca – und ging als Sieger hervor. Der 23-Jährige hat zwar noch kein Tor für sein Land erzielt, deutete aber vehement an, dass es nicht mehr lange dauern kann. Am nächsten war er in der 36. Minute an seinem Debüttreffer. Den verhinderte aber nicht der Titan, sondern der Außenpfosten. Beim 0:1 zögerte Kapitän indes und war dann machtlos. Ein Fehler? Eher nicht.

Kimmich: Waren Luftfeuchtigkeit nicht gewohnt

Kimmich: Wir waren Luftfeuchtigkeit nicht gewohnt
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Die Abwehr

Benjamin Henrichs: Er war der einzige Spieler von Pokalsieger RB Leipzig, der in der Startelf stand. Und das war durchaus eine Überraschung. Auf der rechten Seite hatte zuletzt viel nach einem Duell zwischen dem Gladbacher Jonas Hofmann (offensivstark) und dem Pariser Thilo Kehrer (defensiv stabil) ausgesehen, aber Flick hat die „Qual der Wahl“ (O-Ton) und quälte oder wählte nun den 25-Jährige für die Rolle als Absicherung von Serge Gnabry aus. Die Lehre, die der Bundestrainer ziehen darf: Henrichs ist engagiert, aber noch nicht reif für eine tragende Rolle. Wenn die Italiener starke Angriffe inszenierten, dann meist über die rechte deutsche Abwehrseite. Zumindest in der ersten Halbzeit. Henrichs war zwar nicht immer direkt involviert, was allerdings kein gutes Zeugnis für sein Positionsspiel war. Und offensiv war der Rasenballer zwar gut eingebunden, kam aber kaum effektiv zur Entfaltung. Ab der 59. Minute Jonas Hofmann: Man kann es kurz machen, denn er nutzte seine Chance. Brachte viel Elan ins Spiel, bereitete den Ausgleich mit vor und trieb die Mannschaft später als Außenstürmer an. Gut!

Niklas Süle: Sein Abgang beim FC Bayern war alles andere als harmonisch. Immer wieder traten die Münchner wegen seines Wechsels zu Borussia Dortmund nach. Und dann gab‘s auch noch die Posse um das letzte Spiel beim VfL Wolfsburg, zu dem er nicht mitfahren wollte. Was das alles mit diesem Hünen gemacht hat? Zumindest auf dem Platz nicht viel. Die zuletzt mangelnde Spielpraxis, beim FC Bayern vertrauten sie lieber auf Spieler, die auch in der kommenden Saison dabei sind, war ihm nicht anzumerken. Süle stürzte sich unverwüstlich in alle Duelle, nur beim 0:1 nicht. Der größte Fehler war aber auf der Außenbahn passiert, als die Hereingabe nicht verhindert worden war.

Antonio Rüdiger: In der 62. Minute schritt der Neu-Königliche, also kommender Spieler von Real Madrid ein. Als liebevoller (keine Ironie!) Friedensstifter kümmerte er sich um den galligen und extrem aufgebrachten Alessandro Florenzi, der sich mit Joshua Kimmich eine kleine Schubserei geliefert hatte. Eine nette Szene hatte er auch noch vor dem Anpfiff, als er Italiens Coach höflich beim Aufwärmen grüßte. Auf dem Feld war er dann robust und kompromisslos wie immer. Ein Gladiator im Duell. Kam gegen Scamacca bei dessen Pfostenschuss indes zu spät.

Thilo Kehrer: Was unter Louis van Gaal einst für Thomas Müller beim FC Bayern galt, gilt nun für Thilo Kehrer unter dem Bundestrainer Hansi Flick: Er spielt immer. Dieses Mal auf der linken Seite, wo sich in den vergangenen Partien der offensivstarke David Raum ins Schaufenster für Katar gestellt hatte. Der Mann vom Luxusensemble aus Paris ist ein defensiver Allrounder – und stets zuverlässig. Sah gegen die Italiener aber mehrfach nicht gut aus, weil er seine Gegenspieler Matteo Politano und Wilfried Gnonto in entscheidenden Momenten begleitete, statt sie zu attackieren. Kein gutes Spiel, keine gute Bewerbung für einen Stammplatz beim Wüsten-Spektakel in der Vorweihnachtszeit.

Müller redet Tacheles nach Unentschieden

Das Mittelfeld

Joshua Kimmich: Die Frage aller Fragen lautet: Ist Kimmich ein Sechser, der seinem Team Stabilität geben kann, oder ist er ein Achter, der sein Team antreibt. Eine Antwort auf diese leidenschaftlich diskutierte Frage wird das Land noch eine Weile beschäftigten. Womöglich noch bis kurz vor Katar. Das Spiel gegen Italien lieferte Argumente für die Sechser- und die Achter-These. Was unstrittig ist: Kimmich ist ein Anführer, ein galliger. Einer der besessenen davon ist, Spiele zu gewinnen. So ist zu erklären, wie der Ausgleich zu Stande kam. Der Star des FC Bayern, der turbulente Monate erlebte, unter anderem wegen seiner Impfskepsis, rückte beim Angriff des DFB-Teams wuchtig nach, blieb aufmerksam und wurde mit einem Mittelstürmer-Abstauber belohnt. Er hatte in der 79. Minute mit einem Distanzschuss die Chance zum zweiten Treffer, doch Gianluigi Donnarumma konnte parieren.

Leon Goretzka: Über die Rolle des dynamischen Bochumers gibt es keine nationalen Diskussionen. Er ist ein Achter, ein Antreiber, ein Mann für die Tiefe im Spiel. Er ist unverzichtbar, weil er Fähigkeiten hat, die sonst kein Spieler in Deutschland in sich vereint. Goretzka war verdammt viel unterwegs, er darf und muss seine Abschlüsse aber unbedingt nachjustieren, sie war ungenau oder zögerlich. Ab der 69. Minute İlkay Gündoğan: Bemühte sich um Dynamik und Tiefenläufe, machte das gut, aber auch nicht nachhaltig beeindruckend.

Thomas Müller: Radio Müller hatte schon bessere Sendungen. Aber das ist ja bei diesem besonderen Typen auch eine Klage auf hohem Niveau. Als Pressing-Dirigent ist er nicht zu ersetzen, treibt immer und immer wieder an. Sein Impact (fürchterliches Wort) auf das Spiel an diesem Abend: ausbaufähig. Hatte ein paar schöne Momente für die Galerie von Bologna, aber keine nennenswerten für die WM-Bewerbung. Er kann es verkraften, er ist sicher dabei. Ab der 69. Minute Kai Havertz: Er kann und möchte gerne die Rolle als Sturmspitze übernehmen. Das hat er mehrfach betont. Müller, das weiß man schon länger, hat dort nicht seinen besten Momente. Auch sonst drängt sich niemand auf, der es wesentlich besser macht als Havertz. Sein Einsatz vor dem 1:1 war wichtig.

Die Offensive

Serge Gnabry: Sollte sich der Flügelstürmer des FC Bayern tatsächlich damit beschäftigten, seinen aktuellen Arbeitgeber noch in diesem Sommer zu verlassen und zu Real Madrid zu wechseln, dann konnte er das in Bologna sehr gut ausblenden. Sein Antritt, sein Tempo, sein Dribbling – alles immer wieder schön anzusehen. Was er sich an Kritik gefallen lassen muss: Seine offensiven Durchbrüche dürften gerne wieder effektiver sein. Sowohl im Abschluss – in der 38. Minute etwa knallte er den Ball aus 13 Metern freistehend drüber - als auch in der vorbereitenden Aktion. Dennoch: Dem unentschlossenen Gnabry tut die Wohlfühloase Nationalmannschaft offensichtlich gut. Gut für Real? Ab der 80. Minute David Raum: Spielte mit, freute sich darüber, dass er einen Einwurf rausholte. Er war engagiert.

Timo Werner: So schwer die Zeiten des Stürmers beim FC Chelsea sind, so überzeugt ist Flick von den Qualitäten des schnellen Schwaben. Wenn ein Engagement ein Kriterium wäre, das Angreifer adeln würde, hätte Werner höchste royale Ränge verdient. Aber Angreifer werden eben vor allem daran gemessen, wie sie vor dem Tor agieren. Die Quote von Werner ist nicht schlecht, aber eben auch nicht so, dass er in der Öffentlichkeit unumstritten ist. Und so lief sein 50. Länderspiel wie so viele von den 49 vorherigen. Er war nicht so richtig eingebunden. Vor dem Tor zu umständlich und oft genug nicht anspielbar. Kein Jubiläum, das in Erinnerung bleiben wird, obwohl er sich beim 1:1 einen "Assist" verdiente - er wurde angeschossen.

Leroy Sané: Der 26-Jährige ist seit Monaten mehr Rätsel als Lösung auf dem Fußballfeld. Beim FC Bayern ist er sogar offensiv von Sportvorstand Hasan Salihamidžić angezählt worden, so sehr verzweifeln sie in München an diesem Mann, der so viel am Ball kann und viel zu oft zu wenig davon zeigt. Nach einer starken Hinrunde verlor er beinahe komplett die Form, Trainer Julian Nagelsmann fand keinen Weg, um seinen Spieler wieder in eine wertvolle Verfassung zu bringen. Letzte Hoffnung: Flick. Beim FC Bayern war die Zusammenarbeit einst fruchtbar. Und auch im vergangenen Sommer hatte er gute Ideen, um Sané wieder Selbstvertrauen zu schenken. Dieses Mal scheint der Weg zum Glück aber einige Meter länger, gegen Italien fehlte ihm jedes Zutrauen in Dribbling und Tempo. Er hatte, wenn man ganz ehrlich ist, keine gelungen Aktion. Ab der 59. Minute: Jamal Musiala: Der 19-Jährige machte es besser als sein Teamkollegen. Nun, das war nicht schwer. Allerdings war er dieses Mal nicht das Versprechen, das große Fußballträume befeuert. Er war umtriebig, wirkte gefährlich, war es aber irgendwie dann nicht. Solide