Deutschland trauert um seinen großen Staatsmann: Helmut Schmidt ist tot
Deutschland trauert um seinen 'elder statesman', die Welt hat einen großen Politiker verloren. Altkanzler Helmut Schmidt ist tot. Der 96-Jährige "ist sehr friedlich und entspannt" in seinem Bett gestorben", sagte sein Arzt Arzt Heiner Greten. Schmidt "wollte immer zu Hause sterben, und er ist zu Hause gestorben." In der Stunde des Todes seien außer dem Arzt seine Lebensgefährtin Ruth Loah und seine Tochter Susanne im Haus gewesen.

Bundespräsident Joachim Gauck würdigte Schmidt als "einen der bedeutendsten deutschen Politiker der Nachkriegszeit". Angela Merkel sagte: "Helmut Schmidt war eine politische Institution dieser Bundesrepublik. Er war auch für mich eine Instanz, dessen Rat und Urteil mir etwas bedeuteten." Der frühere französische Präsident Valéry Giscard d'Estaing bezeichnete Schmidts Tod als einen persönlichen Verlust. "Er war der beste Kanzler, den Deutschland gekannt hat seit Konrad Adenauer", so der 89-Jährige. D'Estaing bezeichnete Schmidt als "einen warmherzigen, treuen und ehrlichen Freund, mit dem ich die Ehre hatte, schwere Stunden unserer Zeit zu durchqueren und den ich respektvoll in Erinnerung behalten werde".
Als "einen der großen Väter Europas" bezeichnete der frühere italienische Ministerpräsident und EU-Kommissionschef Romano Prodi Schmidt. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker nannte Schmidt einen "Freund, der mir, ebenso wie Europa, fehlen wird". Vizekanzler und SPD-Chef Sigmar Gabriel sagte: "Ein wirklich großer Patriot, ein großer Europäer und ein großer Sozialdemokrat ist gestorben." Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) sagte: "Das jetzt ist eine Stunde, in der Deutschland innehält. Er hat nicht nur meine Generation geprägt, sondern viele bis heute haben seine Klugheit, seine Autorität geschätzt und gesucht."
Nicht nur in der Politik rief die Nachricht vom Tode Schmidts große Trauer hervor. "Es gab keinen bescheideneren Menschen, keinen souveräneren, keinen gebildeteren", so der Dirigent und Pianist Justus Frantz. Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der Wochenzeitung 'Die Zeit', sagte: "Wir werden ihn unendlich vermissen."
Helmut Schmidt blieb auch nach dem Rückzug aus der aktiven Politik zeitlebens eine politische Instanz, über die Grenzen der Bundesrepublik hinaus. Seine Meinung war im Inland und Ausland gefragt. Doch in die Öffentlichkeit drängte er sich nie.
Seine Zeit verbrachte er gerne zuhause in Hamburg-Langenhorn. Abseits der Bühne, zurückgezogen im kleinen Kreis. An seiner Seite war hier lange Jahre seine Ehefrau Hannelore (✝ 2010), liebevoll "Loki" genannt. Beide waren seit der Schulzeit befreundet und hatten während des Zweiten Weltkrieges geheiratet. Für 68 Jahre waren sie, trotz des Geständnisses in seinem Buch "Was ich noch sagen wollte", eines der Vorzeigepaare der Politik in Deutschland.
Auch wenn Gefühle nie seine starke Seite waren, der Altkanzler verkörperte die Wünsche vieler Deutscher nach Führungsqualitäten und deutschen Tugenden: Autorität und Fleiß, Standfestigkeit und Zuverlässigkeit, Führung und Orientierung, Ausgeglichenheit und Durchblick, Ordnung und Disziplin, Vernunft und Mut zur Veränderung.
Schmidt übte offen Kritik an den heutigen Volksvertretern, die den Weg auf die politische Bühne seiner Meinung nach aus Karrieregründen antreten und nicht in erster Linie zum Wohl des Volkes.
Nicht zuletzt die (welt-)wirtschaftliche Talfahrt und die vergebliche Suche nach Politikern mit Rückgrat haben das Bild des Altkanzlers in der Öffentlichkeit verändert. Zum Ende seiner Amtszeit 1982 noch von vielen Deutschen und SPD-Anhängern als besserwisserischer Alleinherrscher abgestempelt, der seine Sekretärinnen manches Mal sogar mit einer Trillerpfeife begrüßte, hat sich das Image Helmut Schmidts im Laufe der Jahre stark gewandelt. Heute blickt Deutschland zu ihm auf: Er ist zu einer unsterblichen Kultfigur geworden und gilt in der Rückschau als bester Krisenmanager der Republik.
Schmidt veröffentliche zahlreiche Bücher, die weltweit Beachtung fanden, reiste als Experte und renommierter Redner um die ganze Welt und war Herausgeber der Wochenzeitung 'Die Zeit'.
Sturmflut 1962 - Schmidt als Krisenmanager

Helmut Schmidt wird am 23. Dezember 1918 in Hamburg-Barmbek als Sohn eines Studienrats geboren. Er macht mit 19 Jahren sein Abitur an einer Hamburger Schule, dort lernt er seine spätere Ehefrau Hannelore 'Loki' Glaser kennen. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs bei der Bremer Luftabwehr stationiert, kommandiert ihn die Wehrmacht 1941 an die Ostfront ab. Dort erfährt Schmidt das Grauen, das er später als "die große Scheiße des Krieges" bezeichnen und dessen Verhinderung zu einer seiner Grundprinzipien wird.
Nach der Rückkehr 1942 heiratet er seine alte Klassenkameradin Loki. Aus der Ehe gehen zwei Kinder hervor: Der Sohn Helmut stirbt früh, die Tochter Susanne arbeitet heute für einen Wirtschafts-Sender. Nach der Heirat wird er an die Westfront versetzt und steigt zum Oberleutnant auf. Bei Kriegsende gerät er auf dem Rückweg nach Hamburg in britische Gefangenschaft, aus der er jedoch früh wieder entlassen wird. Er ist Patriot, doch eine nationalsozialistische Gesinnung kann man ihm nicht nachweisen.
Eigentlich wollte Helmut Schmidt Architekt werden, doch Hitlers Machtgier zerstörte diesen Wunsch. Stattdessen begründet der Zusammenbruch des Dritten Reichs den Anfang einer großen Politikerkarriere. Kurz nach Kriegsende beginnt er sein Studium der Volks- und Staatswissenschaft in Hamburg, tritt ein Jahr später in die SPD ein. Hier findet er sein politisches Zuhause, steigt in der Parteihierarchie schnell auf.
Zunächst wird er Bundesvorsitzender des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), wechselt dann 1949 in die Hamburger Behörde für Wirtschaft und Verkehr und ist nach drei Jahren Verkehrsdezernent. 1953 folgt seine erste Wahl in den Bundestag, ab 1957 gehört er dem SPD-Bundesvorstand an. In dieser Zeit profiliert er sich als schlagfertiger Rhetoriker. Vor allem seine Attacken auf den damaligen Verteidigungsminister Franz Josef Strauß (CSU) bringen ihm den berühmten Spitznamen 'Schmidt Schnauze' ein.
1961 wird Helmut Schmidt Innensenator in Hamburg und legt sein Bundestagsmandat nieder. Nur drei Monate nach seinem Amtsantritt trifft eine Sturmflut die Hansestadt. Schmidt koordiniert während der Katastrophe sämtliche Notfallmaßnahmen, rettet damit viele Menschenleben. Er verschafft sich bundesweites Ansehen als Krisenmanager.
1965 beginnt Schmidts bundespolitischer Aufstieg

Mit Schmidts Rückkehr in den Bundestag 1965 beginnt auch sein bundespolitischer Aufstieg. Während der ersten großen Koalition übernimmt er 1967 für zwei Jahre den SPD-Fraktionsvorsitz, wird dann Verteidigungsminister im ersten sozialliberalen Kabinett unter Kanzler Willy Brandt. Der Rücktritt von Karl Schiller 1972 bringt Schmidt für kurze Zeit an die Spitze des Finanz- und Wirtschaftsministeriums, nach der Wiederwahl Brandts bleibt er Finanzminister. Im Zuge der Guillaume-Affäre sieht sich Brandt 1974 zum Rücktritt gezwungen. Helmut Schmidt wird neuer Kanzler und rettet die Koalition aus SPD und FDP.
Die Kanzlerschaft Schmidt beginnt in Zeiten großer Schwierigkeiten. Es beginnt mit der Ölkrise im Herbst 1973, als die Organisation der Erdöl exportierenden Länder (OPEC) die Ölproduktion drosselt: Der Ölpreis explodiert, die Weltwirtschaft rutscht in eine Rezession. Auch Deutschland trifft es hart. Erstmals in der Geschichte werden bundesweit Fahrverbote am Sonntag und neue Geschwindigkeitsbegrenzungen eingeführt.
Schmidt erkennt die möglichen Folgen der Ölkrise und legt zusammen mit dem französischen Staatspräsidenten Valéry Giscard d’Estaing einen wichtigen Grundstein für das Europäische Währungssystem. Auch der erste Weltwirtschaftsgipfel 1975 geht auf die beiden Politiker zurück.
Der Deutsche Herbst - Schmidts größte Herausforderung

Die wohl größte innenpolitische Herausforderung für Schmidt folgt 1977 im sogenannten Deutschen Herbst. Auf dessen Höhepunkt entführen linksextreme Terroristen der Rote Armee Fraktion (RAF) den Arbeitgeberpräsidenten und Vorsitzenden des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) Hanns Martin Schleyer.
Zuvor waren der RAF bereits unter anderem Generalbundesanwalt Siegfried Buback und der Bankier Jürgen Ponto zum Opfer gefallen. Die Schleyer-Entführer fordern die Freilassung der RAF-Köpfe aus dem Hochsicherheitsgefängnis in Stuttgart-Stammheim. Innerhalb kurzer Zeit entführen palästinensische Sympathisanten die Lufthansa-Maschine „Landshut“, um den Druck auf die Bundesregierung zu erhöhen.
Doch trotz der enormen Last gibt er dem Willen der Terroristen nicht nach. Nach einer fünftägigen Odyssee ordnet er die Stürmung des Flugzeugs in Mogadischu durch die Antiterroreinheit GSG 9 an, die Befreiung verläuft unblutig. Am Morgen danach begehen die Stammheimer Selbstmord – das ist auch das Todesurteil für Schleyer, der kurze Zeit später ermordet aufgefunden wird.
Im Anschluss übernimmt Helmut Schmidt die politische Verantwortung für Schleyers Tod. Für den Fall, dass die Befreiung der „Landshut“ fehlgeschlagen wäre, hatte Schmidt vorher ein Rücktrittsschreiben verfasst.
Ära Schmidt - Ein Ende durch das Misstrauensvotum

Rückblickend vergleicht der Altkanzler die Geschehnisse im Deutschen Herbst mit einer griechischen Tragödie: Niemand kenne den Ausgang der Geschichte, aber jeder Beteiligte sei in Schuld verstrickt. Dass heute Filme über die RAF gedreht werden, damit ist er nicht einverstanden – die Aufmerksamkeit richte sich zu sehr auf die Täter als auf die Opfer.
Den letzten Akt der Kanzlerschaft Schmidt eröffnet die innenpolitische Entwicklung im Zuge der sowjetischen Bedrohung durch die Stationierung der Atomraketen SS-20. Er drängt ab 1979 auf den NATO-Doppelbeschluss, der eine Chance zur nuklearen Abrüstung von Ost und West ermöglichen soll. In der Bevölkerung ist der Pakt umstritten, da er auch die Aufrüstung Westeuropas bedeuten kann, sofern die Russen einer Begrenzung ihrer Atomwaffen nicht zustimmen.
Die Auseinandersetzungen um den NATO-Doppelbeschluss haucht der Friedensbewegung neues Leben ein: Zunächst richtet sie sich nur gegen einen möglichen „nuklearen Holocaust“, dann aber auch gegen die Nutzung von Atomkraft und zunehmend für den Umweltschutz. Zu Beginn der 1980er-Jahre wird der Protest immer stärker: Hunderttausende demonstrieren gegen Kanzler, Rüstung und für Ökologie.
Doch Schmidt nimmt die Volksbewegung nicht ernst, bleibt stattdessen seiner Linie treu und regiert eisern weiter – nicht nur im Land, auch gegen den wachsenden Widerstand in seiner Partei. Einige Mitglieder wollen ihm nicht folgen und verlassen die SPD, einige gründen eine neue Partei: die Grünen.
1982 erleidet Helmut Schmidt endgültig Schiffbruch. Die Rückendeckung aus der eigenen Partei bröckelt immer weiter, der Koalitionspartner fordert eine Kurswende in der Wirtschaftspolitik.
Die Mehrheit der FDP – allen voran Außenminister Hans-Dietrich Genscher – will den Wechsel. Kurze Zeit später treten alle FDP-Bundesminister zurück. Die Kanzlerschaft Schmidts wird im Oktober 1982 durch ein konstruktives Misstrauensvotum beendet, die Ära Helmut Kohl beginnt.
Nach dem Abschied von der Regierungsmacht wird Helmut Schmidt 1983 Mitherausgeber der Wochenzeitung „Die Zeit“, zu deren Prägung er maßgeblich beisteuert. Auch ohne Kanzlermacht treibt er gemeinsam mit seinem langjährigen Freund Valéry Giscard d’Estaing die Bildung eines Europäischen Währungssystems weiter voran.
Helmut Schmidt wird vielerorts zum Ehrenbürger ernannt, unter anderem in seiner Heimatstadt Hamburg. Auf Reisen pflegt der Altkanzler politische Kontakte, hält Vorträge und veröffentlicht zahlreiche Bücher. Darüber hinaus erhält er eine Menge internationaler Preise und Ehrungen für seine Verdienste und Publikationen.
