Neue Studie zeigt Kluft auf

Deutsche Unternehmen reden viel über Diversität – tun aber viel zu wenig dafür

29. September 2021 - 15:13 Uhr

Es bleibt nur bei Lippenbekenntnissen

Als die UEFA diesen Sommer verbot, dass die Allianzarena in Regenbogenfarben erleuchtet, war die Aufregung groß. Viele Unternehmen solidarisierten sich daraufhin mit der homosexuellen Community, indem sie ihre Werbung oder ihre Logo in den Spektralfarben aufleuchten ließen. Doch das scheint es auch schon gewesen zu sein – zeigen zumindest die Ergebnisse des neuen "Diversity Monitors". Die Studie malt ein ernüchterndes Bild der Anstrengungen deutscher Unternehmen für mehr Diversität.

Der "German Diversity Monitor 2021"

Die Initiative "Beyond Gender Agenda" hat gestern ihre Diversitätsstudie "German Diversity Monitor 2021" veröffentlicht. Darin bescheinigt sie der Wirtschaft nur unzureichende Anstrengungen in der Förderung diskriminierte Gruppen und fordert, dass Unternehmen mehr Ressourcen in die Hand nehmen und Diversitätsquoten einführen. Untersucht wurden die börsennotierten Unternehmen des DAX 30, des MDAX für mittelständische Unternehmen und des SDAX für kleinere Unternehmen.

Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick:

  • Unternehmen würden viel zu wenig Geld und Verantwortung in die Hand nehmen
  • Frauen sind in Führungspositionen immer noch Seltenheit
  • Unternehmen fördern nur selten Lesben, Schwule, Bi-, Transsexuelle und Andere (LGBT+)
  • Immer mehr Unternehmen messen der Diskriminierung von behinderten Menschen eine geringe Bedeutung zu

LESE-TIPP: RTL Deutschland verkörpert Diversität. Das ist Teil unserer Haltung.

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Finanzielle und personelle Verantwortung

Um Diversität im Unternehme zu fördern, müssten Ressourcen in die Hand genommen und Positionen geschaffen werden. Doch die meisten Unternehmen machen für die Förderung von Diversität keine Gelder locker: "70 Prozent der Unternehmen stellen kein Diversitätsbudget zur Verfügung", so der Diversity Monitor.

Auch die personelle Unterstützung lasse zu Wünschen übrig. "In der Mehrheit der befragten Unternehmen werden keine personellen Ressourcen eingesetzt, um Diversität in der Unternehmensorganisation und -kultur nachhaltig zu verankern." Oft müssten Diversitätsbeauftragte diese Aufgabe neben ihren sonstigen Tätigkeiten stemmen. Um das Potential von Vielfalt nutzen zu können, sei es zudem notwendig, systematisch die Diversitätsdimensionen der Beschäftigten zu erfassen.

Frauen sind selten in Führungspositionen

An die Gleistellung von Frauen wird häufig gedacht – zumindest wenn man nach den Geschäftsberichten der Unternehmen des letzten Jahres geht. Daher könnte man davon ausgehen, dass Frauen auch deutlich in den Top-Positionen vertreten sind. Das Gegenteil ist der Fall. Obwohl knapp die Hälfte aller Beschäftigten in Deutschland weiblich ist, gibt es nur wenige Frauen in Führungspositionen. "Mehr als die Hälfte der Unternehmen in DAX 40, MDAX und SDAX haben kein einziges weibliches Mitglied. Der Frauenanteil liegt Ende 2020 nur bei etwa 11 Prozent." Der Bericht fasst zusammen: "Selbst die Quote der stärksten Diversitätsdimension Gender ist damit sehr niedrig."

Tina Müller CEO Douglas
Tina Müller ist Geschäftsführerin von Douglas - einem erfolgreichen Unternehmen mit mindestens 50 Prozent Frauenanteil.
© Getty Images, Franziska Krug

„Blasse Fakten hinter bunter Regenbogenflagge“

Auch das Thema Homosexualität scheint spätestens seit der EM in aller Munde zu sein. Viele Unternehmen haben sich stolz mit Regenbogenflagge präsentiert. Das zeigt sich auch in ungefähr der Hälfte der Unternehmensberichten. Trotzdem bietet nur weniger als ein Fünftel der Unternehmen entsprechende Förderung von Mitarbeitenden diverser sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität an.

Behinderte Menschen geraten mehr in Vergessenheit

Durch die Corona-Pandemie sind so einige Dinge in den Hintergrund geraten. So offensichtlich auch die Förderung behinderter Menschen. Über 30% der Unternehmen messen ihr nur eine geringe Bedeutung zu. Ein deutlicher Zuwachs zum Vorjahr. Gesetzlich gibt es bereits eine vorgegebene Quote für die Einstellung von Schwerbehinderten. Diese kann ein Unternehmen jedoch einfach umgehen, indem es eine Ausgleichsabgabe zahlt.

ARCHIV - 04.07.2019, Berlin: Raul Aguayo-Krauthausen, hält während einer Pressekonferenz zur Gründung der HateAid GmbH ein Smartphone in der Hand. Seit Monaten isolieren sich viele Menschen mit Behinderung zu Hause. (zu dpa «Ungeimpft, isoliert, verg
Raul Krauthausen sitzt im Vorstand des Vereins "Sozialhelden" und setzt sich für die Rechte von behinderten Menschen ein.
© dpa, Soeren Stache, soe exa

Raul Krauthausen – Gründe des Vereins "Sozialhelden" – sieht darin einen Verlust für die Unternehmen und die Gesellschaft: "Wenn Arbeitgeber*innen aufhören, sich mit der Zahlung der Ausgleichsabgabe hervorragende Kolleg*innen fern zu halten, dann können wir endlich anfangen in einer dem 21. Jahrhundert entsprechenden Arbeitswelt zu arbeiten. Davon können wir alle nur profitieren, menschlich und wirtschaftlich". (skn)