Der Untergang der Titanic: "Das ultimative Symbol des Desasters"

19. März 2015 - 14:07 Uhr

Von Tobias Elsaesser

Ihr Name ist mit ihrem Untergang zum Mythos geworden: In der Nacht vom 14. Auf den 15. April 1912 rammt die RMS Titanic auf ihrem Weg von Southampton nach New York einen Eisberg und sinkt. Rund 1.500 Menschen kommen ums Leben, etwas mehr als 700 überleben den Untergang des Schiffes, das der irische Marine-Historiker und Buchautor Michael McCaughan ('The Birth Of The Titanic') als "das ultimative Symbol des Desasters" bezeichnet.

100 Jahre Untergang der Titanic
Ein historisches Schwarz-Weiß-Foto zeigt die Titanic, wie sie zu ihrer Jungfernfahrt im April 1912 aus dem Belfaster Hafen geschleppt wird.
© dpa, DB Ulster F & T Museum

Schon der Name 'Titanic' beruht auf einem Mythos. Und bereits vor der nie vollendeten Jungfernfahrt des bis dahin größten Schiffes der Welt wird der erste kleine vieler Mythen innerhalb des einen großen geschaffen. Der Mythos der Unsinkbarkeit. 1911 bezeichnet das Magazin 'Shipbuilder' den Ozeanriesen und sein bereits vom Stapel gelaufenes Schwesterschiff Olympic als praktisch unsinkbar.

Als die Olympic im September 1911 eine Kollision mit der HMS Hawke, einem Marinekreuzer mit Rammbug, übersteht, wird dieser Mythos zementiert. Man ist überzeugt: Die Titanic kann allem trotzen. Schließlich ist sie noch besser gerüstet als ihr Schwesterschiff. Die Titanic ist das größte, komfortabelste, sicherste, schlicht beste Schiff, das die Welt bislang gesehen hat. Ein Untergang der Titanic ist unvorstellbar. Dass es dennoch passiert, liefert bis heute ununterbrochen Bilder, die den Mythos 'Titanic' am Leben halten und immer größer werden lassen.

Seien es erste Aussagen der Überlebenden, erste Zeitungsberichte über die Katastrophe oder das erste Buch über die Geschehnisse, das bereits im Juni 1912 erscheint, geschrieben von einem Überlebenden. Es folgen Untersuchungen, es erscheinen weitere Bücher, die Filmindustrie entdeckt das Thema für sich.

Sensationeller Fund

Das "ultimative Desaster" wird der Rahmen für große Geschichten von ganz normalen Menschen. Das Schiff selbst verschwindet mit dem Untergang, erst 1985 wird es bei einer Expedition von dem Ozeanografen Jean-Louis Michel und dem Meeresarchäologen Robert Duane Ballard gefunden.

Erstmals gibt es Bilder von der untergegangenen Titanic, 73 Jahre nach dem Untergang finden Ballard und Michel den Ozeanriesen in 3.803 Metern Tiefe, etwas südöstlich von der im Notruf angegebenen Position. Das Heck liegt ungefähr 600 Meter weit vom Bug entfernt, offensichtlich ist das Schiff beim Untergang auseinandergebrochen.

Das hatten zwar auch Überlebende der Katastrophe berichtet, in den offiziellen Untersuchungsberichten über den Untergang ist von einem Zerbrechen des Schiffes aber nicht die Rede.

Der Fund der beiden Männer befeuert den Mythos 'Titanic' erneut und gibt ihm ein weiteres Gesicht. Endlich gibt es Bilder, endlich gibt es die Möglichkeit, zu überprüfen oder nachzuvollziehen, was in der kalten Aprilnacht 1912 wirklich passiert ist.

Es folgen weitere Expeditionen zum Schiff, es werden Artefakte geborgen, die bei Versteigerungen viel Geld einbringen. Es erscheinen neue Bücher und neue Filme. Was aber genau passiert ist, kann auch der neue Fund nicht klären. Er lässt lediglich Raum für Theorien, die wahrscheinlicher erscheinen als das, was man bisher annahm. Wer aber Schuld an der Tragödie ist, kann weiter nur vermutet werden.

Lesen Sie auf Seite 2, was zwischen Kollision und Untergang geschah...

23.40 Uhr: Eisberg voraus

100 Jahre Untergang der Titanic
Überlebende des Untergangs nach ihrer Rettung an Bord der Carpathia.
© Reuters, HANDOUT

Klar ist: Zum Zeitpunkt der Katastrophe, in der Nacht des 14. April 1912, stehen die Matrosen Frederick Fleet und Reginald Lee im Ausguck der Titanic. Das Kommando hat der erste Offizier William M. Murdoch. Um 22.00 Uhr hat er den zweiten Offizier Charles Lightoller abgelöst.

Um 23.40 sieht Fleet den Eisberg, läutet Alarm und informiert die Brücke über Telefon. Noch während Fleet telefoniert, merkt Lee, dass sich das Schiff bereits bewegt, auch Murdoch muss den Eisberg gesehen und ein entsprechendes Manöver eingeleitet haben. Die Entfernung ist jedoch zu gering, um dem Eisberg noch entgehen zu können. Trotzdem versucht Murdoch ein Ausweichmanöver, denn er hat zumindest die Hoffnung, es zu schaffen.

Doch die Hoffnung ist vergebens, wenig später schrammt die Titanic mit der rechten Bugseite den Eisberg entlang. Die Außenhaut wird auf einer Länge von 30 Metern sechsmal beschädigt, dies ist durch mehrmaliges Auf- und Abprallen und die Vorwärtsbewegung des Schiffes zu erklären.

Sofort werden die Schäden untersucht und analysiert. Schiffsarchitekt Thomas Andrews stellt zusammen mit Kapitän Edward John Smith fest, dass sechs der wasserdichten Schotten von den Lecken betroffen sind, worauf Andrews klar ist, dass das Schiff untergehen wird.

Um 00.05 Uhr ordnet Kapitän Smith die Evakuierung an, um 00.15 erteilt er den Funkern den Befehl, Notrufe zu senden. Die RMS Carpathia ist das nächstgelegene Schiff, das sich meldet, es ist vier Stunden entfernt. Besatzungsmitglieder können jedoch Lichter eines Schiffes in der Nähe ausmachen. Ab 00.45 Uhr versucht die Crew durch das Abschießen von Raketen auf sich aufmerksam zu machen, allerdings erhält man keine Reaktion. Möglicherweise handelt es sich bei dem Schiff um die SS Californian, verschiedene Aussagen von der Crew der Californian legen diese Vermutung nah, eindeutig zu beweisen ist sie nicht.

Das Schiff ist verloren

Um 00.45 Uhr wird auch das erste Rettungsboot zu Wasser gelassen. Die Offiziere sind angehalten, nach der Regel 'Frauen und Kinder zuerst' vorzugehen. Die Vorgabe wird verschieden gehandhabt: Murdoch lässt auch Männer an Bord, Lightoller verwehrt Männern sogar den Zutritt, wenn die Boote noch nicht voll sind. Etwa eine Stunde nach der Kollision hat die Titanic nur einen geringen Neigungswinkel, und viele Menschen glauben, das Schiff sei noch immer sicher.

Klar ist von vornherein, dass für einen Untergang nicht genügend Rettungsboote vorhanden sind. Nur für die Hälfte der über 2.200 Passagiere ist Platz. Es stehen 1.178 Plätze zur Verfügung, nur etwas mehr als 700 werden besetzt.

Um 2.05 Uhr verlässt das letzte Rettungsboot den Dampfer. Funker und Mannschaft werden von ihren Pflichten entbunden. Um 2.10 Uhr sind sieben Schotten vollgelaufen, damit also auch die erste, die nicht beschädigt ist. Der Bug sinkt langsam unter Wasser. Durch die Wassermassen im Bug lastet so viel Kraft auf der Schiffsmitte, dass das Schiff um 2.18 auseinanderbricht und sinkt.

Um 4.10 Uhr erreicht die Carpathia schließlich die Unglücksstelle und nimmt die Überlebenden auf. Aufgrund der niedrigen Wassertemperatur (um die 0° Celsius) starben die meisten Menschen wahrscheinlich nicht beim Untergang, sondern später an Unterkühlung.

Die Angaben über gerettete und verstorbene Passagiere variieren. Laut britischem Untersuchungsbericht von 1912 starben bei dem Unglück 1.490 von 2.201 Passagieren, darunter 52 Kinder, 109 Frauen und 1.329 Männer, 711 Menschen überlebten. Der amerikanische Bericht aus dem Unglücksjahr geht von 2.213 an Bord befindlichen Menschen aus, von denen 1.517 starben, darunter 1.360 Männer und 157 Kinder und Frauen.



Tobias Elsaesser wurde in Hildesheim geboren und studierte Anglistik und Latein an der Universität zu Köln. Allerdings eher im "Nebenfach" – denn er arbeitete schon während des Studiums bei RTL, was das Studium ins Hintertreffen brachte. Dort wechselte er nach einigen Fernsehjahren in die Online-Redaktion. Den Ärger über aktuelle Themen die ihn (zu sehr) bewegen, versucht er auf dem Rennrad oder mit der Musik von Bruce Springsteen hinter sich zu lassen.