Der Permafrost taut ab und gibt uralte Viren frei

Forscher haben in Sibirien ein uraltes Virus im Permafrost entdeckt.
Forscher haben in Sibirien ein uraltes Virus im Permafrost entdeckt.

09. September 2015 - 11:58 Uhr

Prähistorisches Riesenvirus soll wiederbelebt werden

Französische Forscher haben in Sibirien ein prähistorisches Virus gefunden. Der 30.000 Jahre alte Erreger hatte all die Jahrtausende im Permafrostboden überdauert. Doch der taut durch die globale Erwärmung nun langsam ab. Dadurch kam auch das Riesenvirus wieder ans Tageslicht.

Die Forscher wollen die Proben nun im Labor auftauen und wieder zum Leben erwecken, wie die französische Nachrichtenagentur 'AFP' berichtete. Eine Gefahr für die Bevölkerung besteht dadurch erst einmal nicht. Bevor das Virus in einem Hochsicherheitslabor aufgetaut wird, wollen die Wissenschaftler prüfen, ob es Krankheiten bei Menschen oder Tieren auslösen kann.

'Mollivirus Sibericum', wie die Forscher ihre Entdeckung nannten, ist nicht das einzige uralte Virus, das der sibirische Permafrost konserviert hat. Seit 2003 ist es bereits der vierte prähistorische Virustyp, der in der Region gefunden wurde. Zuletzt 2013 hatte das gleiche Forschungsteam um den Wissenschaftler Jean-Michel Claverie das 'Pithovirus Sibericum' in Sibirien entdeckt. Auch diese Probe war rund 30.000 Jahre alt und konnte 2014 im Labor wieder zum Leben erweckt werden.

Forscher sind fasziniert von den Viren aus einer anderen Zeit. Sie sind nicht nur sehr groß – darum werden sie Riesenviren genannt – sondern auch genetisch viel komplexer als moderne Viren. Das 'Mollivirus Sibericum' beispielsweise hat etwa 500 Gene, während ein gewöhnliches Grippevirus wie das Influenza-A-Virus gerade einmal mit acht Genen ausgestattet ist.

Klimawandel könnte noch mehr Viren frei setzten

Der tauende Permafrostboden, der im Augenblick noch spannendes Forschungsfeld für Virologen ist, könnte sich allerdings bald zu einer realen Gefahr entwickeln. Der Klimawandel führt dazu, dass die eisigen Gebiete langsam schrumpfen. Dadurch könnten Viren freigesetzt werden, die wir für längst ausgestorben halten, oder eben solche, die wir gar nicht kennen, weil sie mehrere Jahrtausende alt sind.

"In Anwesenheit eines passenden Wirtes reichen einige Viruspartikel, die immer noch infektiös sind, um ein potentiell gefährliches Virus wiederzubeleben", warte der Virenforscher Claverie.

Doch nicht nur der Klimawandel ist ein Problem. Auch die zunehmende Förderung von Bodenschätzen wie Öl oder Gas in Permafrost-Regionen könnte so manches vergessene Virus wieder zu Tage fördern. "Wenn wir nicht vorsichtig sind und diese Gebiete ohne Sicherheitsvorkehrungen industrialisieren, laufen wir Gefahr, eines Tages Viren wie die Pocken aufzuwecken, die wir ausgerottet glaubten", meint Claverie.

Wie real die Gefahr ist, zeigt ein Experiment amerikanischer Wissenschaftler. 2004 untersuchten sie Lungengewebe einer Frau, die an der Spanischen Grippe gestorben und im Permafrostboden beerdigt worden war. Auch diese inzwischen ausgerotteten Krankheitserreger ließen sich mithilfe des gefrorenen Gewebes ohne weiteres rekonstruieren. Das berichtete der australische Sender 'ABC'.

Die Virenforscher werden in den nächsten Jahren wohl noch einiges zu tun bekommen. Denn der Permafrost, der langsam schwindet, dürfte noch einige konservierte Überraschungen bereithalten.