„Ich dachte, ich bin im falschen Film“

Wenn der Ehemann sich plötzlich als schwul outet

Wenn der Ehemann sich als schwul outet, fällt die Frau oft in ein tiefes Loch. (Symbolbild)
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09. Januar 2021 - 12:20 Uhr

von Isabel Michael

Für bi- oder homosexuelle Männer in einer Hetero-Beziehung ist es eine große Befreiung, wenn sie es nach Jahren endlich schaffen, sich zu outen. Die Frauen dagegen fallen oft in ein tiefes Loch. Der Traum vom ewigen Ehe- und Familienglück ist endgültig geplatzt.

Irgendwann merkte Tina, dass in der Ehe etwas nicht stimmt

Tina (Name von der Redaktion geändert) lernte mit 19 Jahren ihren vermeintlichen Traummann Klaus kennen und lieben. 2004 heirateten die beiden und zogen in ein Haus in der Nähe von Tübingen. Aus der Ehe entstanden zwei Töchter. Alles schien perfekt, bis die Ehefrau und Mutter merkte, dass etwas mit ihrem Mann nicht stimmt: "Mit den Jahren ist unser Sexleben immer weniger geworden. Am Ende ging es fast gegen Null", sagt Tina im Gespräch mit RTL.de.

Vor seinem Coming-out hatte Klaus sich sehr verändert

Es folgten weitere Verhaltensänderungen ihres Mannes, die der heute 42-Jährigen zum damaligen Zeitpunkt Bauchschmerzen bereiteten: "Er hatte angefangen extrem viel Sport zu treiben. Manchmal war er drei Stunden am Stück im Fitnessstudio. Im Herbst 2016 hat er dann angefangen, Löcher in die Luft zu starren, hing dauernd am Handy und litt unter Magenschmerzen", erzählt sie.

Klaus ging auch immer häufiger mit Arbeitskollegen weg und ließ sich seltener zuhause blicken. Daraufhin setzte ihn Tina irgendwann endgültig vor die Tür - immer noch ahnungslos von dem, was sich wirklich mit ihrem Mann los war. Letztendlich gestand er ihr kurz vor Weihnachten unter Tränen, dass er schwul ist. Schon seit zwei bis drei Jahren fühlte er sich bereits sexuell zu Männern hingezogen. "Ich dachte, ich bin im falschen Film. Im ersten Moment war ich total geschockt, im zweiten Moment hatte ich Mitleid mit ihm, weil er mich angefleht hat, dass er uns trotzdem alle braucht", erinnert sie sich.

„Ich habe meinen Mann nicht wiedererkannt“

Selbsthilfegruppe
In Selbsthilfegruppen wie „Tangiert“ können sich Frauen schwuler Männer austauschen und unterstützen. (Symbolbild)
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Wut hatte Tina auch, aber nicht vorrangig deswegen, weil ihr Mann sich als schwul geoutet hat, sondern wegen seines rücksichtslosen Verhaltens: "Ich habe meinen Mann nicht mehr wiedererkannt. Er zog kurz darauf zu seinem 17 Jahre jüngeren Freund nach Stuttgart in eine 7er-WG. Klaus wurde richtig blöd zu uns und meinte, der Neue wäre besser im Bett als ich", erzählt sie. Den Kontakt zu den alten Freunden und zu seiner großen Tochter Janine brach Klaus nach seinem Coming-out ebenso ab.

Janine litt so sehr unter dem Verlust ihres Vaters, dass sie ein halbes Jahr später in die Magersucht rutschte. Auch die jüngere Tochter Hanna ist seit seinem Coming-out in psychologischer Behandlung. Sie besucht ihren Vater aber noch regelmäßig immer dann, wenn sein Freund nicht zuhause ist. Tina selbst suchte Hilfe bei "Tangiert", einer Selbsthilfegruppe für Frauen schwuler Männer. Dort tauschen sich Betroffene untereinander aus und unterstützen sich, denn für viele bricht ihre gesamte Welt nach dem Coming-out des Mannes zusammen.

Nach 41 Jahren Ehe outete sich auch Bärbels Mann

Auch Bärbels Mann Günther outete sich nach insgesamt 41 Jahren Ehe. Das Sexualleben der beiden war ebenso schon längere Zeit kaum noch vorhanden. Irgendwann entdeckte die damals 60-Jährige eindeutige Nachrichten auf seinem Handy. Bärbel fühlte sich, als würde sie den Boden unter den Füßen verlieren. Sie wollte mit ihrem Mann gemeinsam alt werden.

Nachdem Bärbel Günthers Tochter von dessen Homosexualität berichtet hatte, brach dieser den Kontakt zu seiner Frau und seiner Tochter, sowie seinen zwei Enkelkindern (9 und 4 Jahre alt) komplett ab. "Der große Enkel fragt noch oft nach ihm", sagt die Rentnerin im Gespräch mit RTL.de.

Wieso outen sich manche Männer so spät oder gar nicht?

"Das betrifft oft Männer mit einem konservativen Hintergrund. Da ist Homosexualität so weit vom eigenen Lebensstil entfernt. Die würden nicht einmal im Traum darauf kommen, dass das auf sie zutreffen könnte", sagt die Lebens- und Sexualtherapeutin Dagmar K. Raimund, die Online-Coachings für betroffene Frauen anbietet. Auf Bärbels Frage, warum er sie überhaupt geheiratet hatte, erklärte ihr jetziger Ex-Mann, dass seine Eltern das so gewollt hatten.

Auch Tina glaubt, dass Klaus vor allem ein Problem damit hatte, sich seine Homosexualität einzugestehen. "Er hatte auch schwule Geschäftskollegen und eigentlich keine Nachteile zu befürchten", sagt sie. Günther und Klaus lebten zudem beide in Dörfern, wo die Akzeptanz von homosexuellen Männern immer noch gering ist.

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Viele Männer lassen sich trotz ihrer Neigung auf Frauen ein

Weiterhin spiele Raimund zufolge bei vielen Männern der eigene Wunsch nach einer "normalen" Ehe und Kindern eine Rolle, sodass sie sich trotz ihrer Neigung auf Frauen einlassen. "Wenn diese Männer eine Frau finden, die sehr viel mitbringt, was eine Beziehung für sie möglich macht, sagen sie sich 'Wenn schon eine, dann die'", erklärt sie. So ist es kein Wunder, dass viele Frauen ihre Ehe als sehr harmonisch beschreiben. Das Umfeld ist dann regelrecht schockiert, wenn sich das Vorzeigepärchen scheinbar plötzlich aus dem Nichts trennt.

Nicht selten ist es sogar so, dass die Männer sich überhaupt nicht outen – auch wenn sie bereits ertappt wurden. Zu groß ist die Angst vor der Reaktion des Umfeldes. In der "Tangiert"-Gruppe sind häufig Fälle beschrieben, in denen der Mann auch nach der Trennung weiterhin Frauen datet. Oft wollen die betroffenen Männer nicht, dass ihre wahre sexuelle Identität an die Öffentlichkeit kommt.

War alles nur eine Show?

Wenn der Ehemann sich plötzlich als homosexuell outet, fallen nicht wenige Frauen in ein tiefes Loch. In so einem Fall bringt schließlich das Kämpfen um die Ehe nichts, denn die sexuelle Orientierung eines Menschen lässt sich nicht ändern. Raimund erzählt von verzweifelten Frauen, die dennoch mit dem Mann zusammenbleiben, in der Hoffnung er würde sich ändern. Andere ziehen eine offene Ehe in Betracht, die lange Sicht natürlich zum Scheitern verurteilt ist. "Das ist ja nicht das Modell, was sie freiwillig gewählt hätten", erklärt Raimund.

Viele Frauen stellen auch die gesamte bisherige Beziehung infrage. So auch Tina: "Der komplette Mensch war nur gespielt", sagt sie. Diesen Konflikt erlebt auch die Sexualtherapeutin häufig: "Die Frauen fragen sich, ob der Mann sie je wirklich geliebt hat, oder ob sie daran schuld sind, dass er schwul geworden ist".