China: Nach der Geburt zum eigenen Wohl eingesperrt

Eine chinesische Mutter mit ihrem Kind
Eine chinesische Mutter mit ihrem Kind
© picture alliance / Christoph Moh, Christoph Mohr

21. Juni 2015 - 9:11 Uhr

Eine hartnäckige Tradition

China war lange von Jahrtausende alten Traditionen und Bräuchen geprägt. Die meisten sind der Modernisierung und der Wanderung der Bevölkerung in die Großstädte zum Opfer gefallen. Doch eine 2.000 Jahre alte Tradition hält sich hartnäckig und wird weiterhin von vielen Frauen praktiziert, auch in modernen Großstädten: 'Zuo Yuezi', oder 'Monatssitzen'. Eine Ruheperiode für die Mutter, in der sie sich von den Strapazen der Geburt erholen soll.

'Zuo Yuezi' gilt als eine der wichtigsten Phasen im Leben einer Frau, wenn es um die Verbesserung der Gesundheit geht. Die junge Mutter darf nach der Entbindung einen Monat lang das Haus nicht verlassen. Für die meisten Mütter ist diese Schonfrist allerdings kein Vergnügen, sondern eine Tortur. Die Liste der Vorschriften und Regeln, die sie einhalten müssen, ist lang. Zwar variieren die Auflagen von Region zu Region, doch einige Regeln sind überall verpflichtend.

So muss die junge Mutter mit feuchten Tüchern abgetupft werden. Duschen und Baden sind strengstens untersagt, da der Körper nach der Geburt geschwächt ist und die Frau sich schnell erkälten könnte. Aus diesem Grund dürfen auch die Haare nicht gewaschen werden. Um die Augen zu entlasten, sind Lesen, Fernsehen und Weinen verboten. Zähneputzen würde Haarausfall hervorrufen. Sport und körperliche Anstrengung sind tabu. Auf dem Speiseplan stehen lediglich Brei, Suppe und aus Reiswein gewonnenes Wasser. Von Obst und Gemüse können die Frauen nur träumen. Da sie sich nicht einmal um das Kind kümmern dürfen, sind sie auf die Hilfe weiterer Familienmitglieder angewiesen.

Die Regeln haben ihren Ursprung in der chinesischen Medizin und stammen aus der Zeit, als China noch Agrarland war. Damals war das Ansteckungsrisiko für Mutter und Kind sehr hoch. Die meisten Frauen mussten bereits direkt nach der Entbindung schwerste körperliche Arbeiten verrichten. So wurde das 'Monatssitzen' zum Luxus, zu einer Möglichkeit für die Mutter sich einen Monat lang verwöhnen zu lassen.

Heute finden viele junge Mütter die Tradition altmodisch und unangemessen. Sie lassen sich von ihren Ärzten beraten und erfahren, dass die Tradition nicht nur Nachteile mit sich bringt, sondern sogar schädlich sein kann. Da aber in China Meinung und Wille der Älteren weiterhin eine elementare Rolle spielen, lassen sich junge Frauen oft von Müttern, Großmüttern und Schwiegermüttern überreden und teilweise unterdrücken.

Wenn die Familientradition zum Big Business wird

Wie viel Geld man mit Produkten und Dienstleistungen rund um das 'Monatssitzen' verdienen kann, blieb kreativen Unternehmern nicht lange verborgen. Im Gegensatz zu früher haben nur wenige Mütter das Glück, in direkter Nachbarschaft von Verwandten zu wohnen, die Pflege und Essen übernehmen können. Inzwischen haben Frauen die Möglichkeit sich 'medizinische' Fertigspeisen direkt nach Hause liefern zu lassen.

Aufgrund der hohen Nachfrage hat die Anzahl der Betriebe und Dienstleister, die sich auf 'zuo yuezi' spezialisieren, in den letzten acht Jahren stark zugenommen. Einer wachsenden Beliebtheit dürfen sich auch postnatale Pflegezentren erfreuen, auch wenn sich das nur die wenigsten leisten können. Die Kosten bewegen sich in einem Rahmen von 65 bis 130 Euro pro Tag. Die Mahlzeiten werden normalerweise auf der Grundlage chinesischer Heilkräuter zubereitet, da die meisten Frauen sich des chinesischen kulturellen Hintergrunds bewusst sein.

Und auch die Luxusausgabe der Monatszentren darf nicht fehlen: Zimmer ausgestattet mit Barockmöbeln, extra Schlafzimmer für die Väter, Yogakurse und importierte Babyartikel aus Europa, inklusive importierten Wassers für Babynahrung zu drei Euro die Flasche. Heute gibt es in China 200 postnatale Pflegezentren, die meisten davon in Großstädten wie Peking, Shanghai und Shenzhen.