Joshua-Fight nach Schiedsspruch pro Wilder ungewiss

Box-Manager Bernd Bönte: "Was ist bei Fury schon sicher?"

Tyson Fury will im Sommer gegen Anthony Joshua alle wichtigen WM-Gürtel im Schwergewicht erobern
Tyson Fury will im Sommer gegen Anthony Joshua alle wichtigen WM-Gürtel im Schwergewicht erobern
© imago/ZUMA Press, Chris Farina, imago sportfotodienst

18. Mai 2021 - 20:26 Uhr

Joshua, Fury, Wilder - es wird kompliziert im Schwergewicht

Endlich! Endlich, dachten sich am Sonntagabend die Box-Fans, als Tyson Fury vollmundig in die Welt hinaus twitterte, was Promoter Eddie Hearn schon seit Wochen gebetsmühlenartig vorgetragen hatte. Er, Fury, werde am 14. August in Saudi-Arabien seinen Landsmann Joshua vermöbeln, Saudi-Prinz Khalid habe ihm versichert, dass der Kampf "100 Prozent" fix sei.

Doch nur zwei Tage später hängt der Kampf um die unumstrittene Schwergewichts-Krone schon wieder in der Schwebe. Grund ist ein Schiedsspruch aus den USA, wonach Fury bis zum 15. September ein drittes Mal gegen Ex-Champion Deontay Wilder ran muss. Im Interview mit RTL/ntv ordnet Box-Experte Bernd Bönte die verworrene Situation ein. Der langjährige Manager der Klitschko-Brüder erklärt, woran der Mega-Fight im Sommer jetzt hängt, welche Szenarien denkbar sind – und warum es auch im Preisboxen nicht immer nur um Geld geht.

Wilder winkt fürstliche "Abfindung"

RTL: Kaum schien die Sache endlich geritzt, dass Anthony Joshua und Tyson Fury am 14. August in Saudi-Arabien um die unumstrittene Schwergewichts-Krone kämpfen, kommt ein Schiedsspruch aus den USA, der sagt: Fury muss bis September ein drittes Mal gegen Deontay Wilder ran. Ist der Mega-Fight der Briten in Gefahr?

Bernd Bönte: Es kommt jetzt darauf an, wie sich die Fury- und Wilder-Seite jeweils aufstellt. Der Schiedsspruch sagt eindeutig, dass der dritte Kampf zwischen Fury und Wilder bis zum 15. September stattfinden muss. Bis dahin könnten sich beide Seite auch noch einigen, das Ganze später zu machen. Davon hängt Joshua gegen Fury ab. Es ist schwer abzusehen, was Wilder tun wird. Er hat zwei Möglichkeiten: Entweder will er das Rubber Match gegen Fury unbedingt, dann wird es für Fury schwer, den Kampf gegen Joshua zuerst zu machen. Die Alternative ist, dass Wilder eine Step-aside-Zahlung (eine Art Abfindung, Anm. d. Red.) akzeptiert und den Weg frei macht. Aber da sprechen wir von einer Summe garantiert deutlich jenseits der zehn Millionen Dollar. Und auch das wird Wilder nur unter der Prämisse machen, dass er dann garantiert gegen den Sieger des ersten Kampfes zwischen Fury und Joshua antritt, denn es sind ja eigentlich schon zwei Kämpfe der beiden geplant.

Klingt nach komplizierten Verhandlungen.

Genau, denn an dem Punkt kommt dann auch Joshua als Verhandlungs-Akteur ins Spiel. Er kann sagen: Wenn ich Fury schlage, kämpfe ich gegen Wilder und wenn ich verliere, erlaube ich auch, dass Fury erst wieder Wilder boxt, bevor es zu meiner Revanche mit Fury kommt. Das ist aber für ihn auch ein Haken. Ich weiß das aus Erfahrung mit Wladimir (Klitschko, d. Red.), der damals sagte, es ist sehr, sehr schwer, das erste Mal gegen Fury zu kämpfen wegen dessen unorthodoxem Boxstil. Für den geplanten Rückkampf hatte Wladimir eine super Vorbereitung und sich sehr gute Chancen ausgerechnet, gerade weil er sich auf Furys Stil eingestellt hatte. Es kam bekanntlich leider nicht dazu (im Sommer 2016, weil Fury an Depressionen litt, d. Red). Dieses Manko hätte Joshua natürlich auch. Es geht nicht immer nur ums Geld, sondern auch um Siegchancen, Möglichkeiten, weitere Kämpfe. Es sind da mehrere Parameter und Szenarien zu beachten. Es ist sehr schwer vorauszusagen, wie sich die einzelnen Akteure entscheiden.

FILE PHOTO: Boxing - Deontay Wilder v Tyson Fury - WBC Heavyweight Title - The Grand Garden Arena at MGM Grand, Las Vegas, United States - February 22, 2020 Tyson Fury in action against Deontay Wilder REUTERS/Steve Marcus/File Photo
Im Februar 2020 knöpfte Fury dem Amerikaner Wilder den WBC-Titel ab
© REUTERS, Steve Marcus, /FW1F/Christian Radnedge

"Was ist bei Fury schon sicher?"

Auf der anderen Seite steckt in Joshua vs. Fury so viel Geld – kann die ungeheure Money-Power der Saudis den Sommerkampf retten?

Die Saudis können den Kampf prinzipiell auch im Winter machen. Von der Jahreszeit ist es ja gar nicht das ideale Timing. Im Sommer hat's da 40 Grad draußen, im Winter wäre es deutlich angenehmer. Aber klar: Die Saudis wollen den Kampf natürlich gerne jetzt, Joshua und Fury wollen ihn und wir Box-Fans wollen ihn auch, viel lieber jedenfalls als ein drittes Fury-Wilder-Duell, bei dem ich Wilders Chancen deutlich schlechter als beim letzten Mal einschätzen würde. Von einem Glücksschlag in den ersten drei, vier Runden abgesehen, wüsste ich nicht, wie Wilder Fury besiegen will.

Aber auch die Money-Power kann den Kampf im Sommer nur retten, wenn Wilder mitspielt. Er will diesen dritten Kampf, er will die Scharte gegen Fury auswetzen. Ihm geht es nicht nur ums Geld. Nur Geld ohne eine weitere Kampf-Garantie wird er sicher nicht akzeptieren, denn auch ein Kampf gegen Fury oder AJ bringt ihm eine immense Börse. Klar ist es ein Business, aber Wilder will auch beweisen, dass seine Niederlage gegen Fury – seine erste überhaupt – ein Ausrutscher war. Die ist ihm sauer aufgestoßen, das hat man an seinen schwachsinnigen Kommentaren und Ausreden danach ja gemerkt. Das belegt, dass er Teil 3 eigentlich unbedingt will. Eine Step-aside-Zahlung hat es im Boxen zwar schon öfters gegeben. Die wird Wilder aber wie gesagt nur annehmen, wenn er danach gegen den Sieger des Kampfes Joshua-Fury juristisch komplett abgesichert antreten kann. Aber aus leidiger eigener Erfahrung, was ist bei Fury schon sicher?

Wie könnte es jetzt weitergehen, wie könnte der Box-Fahrplan für die kommenden Monate aussehen?

Ein gangbarer Weg wäre, wenn Wilder einen Kampf gegen den Sieger im Winter akzeptiert und dann der Sieger dieses Kampfes nochmal gegen den Verlierer des ursprünglichen Fury-Joshua-Kampfes antritt. Aber da müssen alle drei Parteien zustimmen. Wie die das in den nächsten Wochen hinkriegen wollen, nachdem man für Joshua-Fury Monate gebraucht hat, ist mir ein Rätsel. Mich würde auch nicht wundern, wenn der 14. August als Termin wieder platzt und das Ganze in den September oder Oktober rutscht, weil es aktuell einfach zu viele Unwägbarkeiten gibt, die noch geklärt werden müssen.

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Manager Bernd Bönte hört Vitali Klitschko ganz genau zu.
Bernd Bönte (l., hier mit Vitali) arbeitete viele Jahre als Manager für die Klitschkos. Heute ist der 65-Jährige Geschäftsführer der B+M Sport Management GmbH, managt unter anderem den deutschen Schwergewichts-Meister Peter Kadiru.
© DPA

Joshua vs. Fury vergleichbar mit Holyfield und Lewis

Sie haben als Box-Kommentator viele legendäre Kämpfe mit Holyfield, Tyson, Foreman, Lewis erlebt, später als Manager der Klitschko-Brüder. Nehmen wir an, Fury gegen Joshua klappt im Sommer: Wie würden Sie dieses Duell boxhistorisch einordnen?

Von der Finanzkraft ist es einzigartig, solche Summen waren im Schwergewicht noch nie im Spiel. Natürlich muss man das immer vor dem Hintergrund der Zeit sehen, in der solche Kämpfe stattfanden. Die zehn Millionen Dollar für den Rumble in the Jungle in Zaire, das war 1974 auch eine unglaubliche Summe. Oder auch der Purse bid (eine Art Versteigerungssumme, d. Red.) von astronomischen 27 Millionen Dollar von Povetkins russischem Promoter für den Kampf zwischen Wladimir und Povetkin 2013 in Moskau.

Das Duell jetzt erreicht aber noch einmal ganz andere Dimensionen. Von der Strahlkraft her ist es vergleichbar mit dem letzten großen Vereinigungskampf im Schwergewicht zwischen Lennox Lewis und Evander Holyfield 1999. Das waren damals zwei Kämpfe und die letzte Unification, bei der es um alle wichtigen Titel ging. Lewis ist ja bis heute der letzte unumstrittene Weltmeister. Dass es jetzt wieder um diese komplette Titelvereinigung geht, ist ganz großes Kino. Deswegen sind auch alle Boxfans so elektrisiert. Dieser Kampf ist ein 50/50 Duell, auf das die gesamte Sportwelt blickt. Auch grandios für den Boxsport, denn das Schwergewicht ist nun mal das Flaggschiff des Boxens. Der unumstrittene Schwergewichts-Titel – das ist einfach das Ding.

Und sportlich: Was halten Sie von den beiden? Reicht ihre Klasse an die der großen Boxer aus den 90er Jahren heran oder gar an die aus den 70ern?

Es ist immer sehr schwer, die Champions verschiedener Ären zu vergleichen. Für mich steht Muhammad Ali über allen. Natürlich hat Fury zuletzt gut ausgesehen, aber bis auf Wladimir, der 2015 nicht mehr der Jüngste war, und Wilder, hat er praktisch niemanden geboxt. Ähnlich Joshua: Außer Wladimir, der 2017 schon 41 war, Joseph Parker, Alexander Povetkin und Kubrat Pulev, auch beide schon 40 plus, ist da nicht viel. Sowohl Fury als auch Joshua hätten sicherlich zu allen Zeiten gut ausgesehen. Aber einen Lennox Lewis, einen Evander Holyfield, einen Larry Holmes einen George Foreman, nicht zu vergessen Joe Louis, sehe ich in einer anderen Liga. Früher sind die Top-Leute auch immer gegeneinander angetreten. Deswegen ist das Interesse bei Fury und Joshua jetzt auch so groß: Weil sie endlich klären wer die Nummer 1 ist.

Britain Boxing - Anthony Joshua v Wladimir Klitschko IBF, IBO & WBA Super World Heavyweight Title's - Wembley Stadium, London, England - 29/4/17 Anthony Joshua in action with Wladimir Klitschko Action Images via Reuters / Andrew Couldridge Livepic ED
Epischer Kampf: Anthony Joshua schlug 2017 Wladimir Klitschko durch Technischen K.o.
© REUTERS, Andrew Couldridge, mb

Bönte tippt auf AJ

Joshua vs. Fury ist auch das Duell der Klitschko-Bezwinger. Auf wen tippen Sie, worauf kommt es an?

Fury ist unberechenbar, ich glaube, der weiß manchmal selbst gar nicht, mit welcher Taktik er in den Ring steigt. Das macht es für jeden Gegner so unkalkulierbar, so schwer in der Vorbereitung. Am Ende kommt es sehr stark auf das psychologische Moment an. Die Psyche ist für mich in diesem Fight der ausschlaggebende Faktor. Es ist schwer gegen Fury, weil er immer provoziert, den Gegner Luftlöcher schlagen lässt, denn er ist für seine Größe extrem beweglich, wechselt dazu noch ständig die Auslage. Fury hat deutliche Reichweitenvorteile, was es schwer macht für Leute wie Joshua, die es gewohnt sind, kleinere Gegner zu boxen. Zum ersten Mal nach oben zu boxen, ist ein Riesenunterschied.

Für mich ist es ein klassisches 50/50 Duell. Aber mein Bauchgefühl sagt mir: Wenn Joshua ruhig bleibt – er hatte ja schon einige wacklige Momente –, dann hat er ordentliche Siegchancen. Er hat den Punch, er ist der bessere Athlet. AJ muss immer wieder versuchen schnell in die Halbdistanz zu kommen, Kombinationen schlagen, seine Rechte vor allem als Uppercut bringen. Fury war ja schon dreimal nach rechten Haken am Boden. Also: Unter der Voraussetzung, dass AJ seine Psyche im Griff hat, würde ich auf einen knappen Punktsieg oder sogar einen K.o. in den letzten zwei Runden für AJ tippen.

Herr Bönte, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Martin Armbruster

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