Gezielte Kampagne gegen Biontech und Pfizer?

Giftspritze? Warum man in China nur wenig von Corona-Impfstoffen der EU hält

Symbol: Chinesische  Zeitungen empfehlen, europäische Impfstoffe nicht zu benutzen
Symbol: Chinesische Zeitungen empfehlen, europäische Impfstoffe nicht zu benutzen
© imago images/Karina Hessland, KH via www.imago-images.de, www.imago-images.de

31. Januar 2021 - 17:37 Uhr

Propagandaseiten berichten vor allem über Todesfälle

Die Corona-Impfstoffe sind ein Reizthema. Sobald sie ihre Produktionsschwierigkeiten überwunden haben, können Biontech, Pfizer und Astrazeneca hoffentlich durchstarten. Allerdings nur in der EU. In China hält man wenig von den europäischen Mitteln, sagt Nis Grünberg vom Mercator Institut für Chinastudien (Merics). In chinesischen Großstädten hätten nur sieben Prozent der Bewohner bei Befragungen angegeben, dass sie einen ausländischen Impfstoff einem chinesischen vorziehen würden.

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Zeitungen empfehlen, europäische Impfstoffe nicht zu benutzen

Wer allerdings die Berichterstattung chinesischer Medien verfolgt, ist nicht überrascht. Bekannte Propagandaseiten wie Xinhua oder Zeitungen wie "People's Daily" haben ausführlich über 23 ältere Menschen in Norwegen berichtet, die kurz nach der Impfung mit dem Mittel von Biontech und Pfizer gestorben sind. Sie werfen europäischen und amerikanischen Medien vor, tödliche Nebenwirkungen unter den Tisch kehren zu wollen.

Die nationalistische Zeitung "Global Times" empfahl Australien wenige Tage später sogar, das deutsch-amerikanische Mittel lieber gar nicht zu benutzen. Eine bekannte chinesische Fernsehmoderatorin fragte auf Twitter empört, warum BBC, CNN, Reuters und andere denn nicht aufklären, wie es kurz nach der ersten Impfung zum Tod von zehn Menschen in Deutschland kommen konnte. Der sehr einflussreiche Sprecher des chinesischen Außenministeriums teilte den Tweet.

Eine Art Giftspritze in den Arm rammen?

Die Botschaft ist klar: Die chinesische Propaganda vermittelt den Eindruck, die USA und Europa würden sich in ihrer Verzweiflung eine Art Giftspritze in die Arme rammen. Belege dafür gibt es freilich nicht. Die Todesfälle sind bedauerlich, aber sowohl in Deutschland als auch in Norwegen bieten Gesundheitsbehörden nachvollziehbare Erklärungen an: Die betroffenen Menschen waren bereits schwer krank, bevor sie die Impfung bekamen. Der zeitliche Zusammenhang sei "zufällig", heißt es.

Fährt China eine gezielte Kampagne gegen Biontech und Pfizer? Daran glaubt Merics-Forscher Grünberg nicht. Er vermutet, dass die Volksrepublik sich selbst auf der Anklagebank sieht und von den eigenen Fehlern in der Corona-Krise ablenken möchte.

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Zeitgleich untersuchen WHO-Detektive Wuhan

Bis zur Erlaubnis hat es lange gedauert, aber nach einigem politischen Hickhack darf ein Team von WHO-Detektiven nun doch nach der genauen Quelle des neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 suchen. Vor Ort in der chinesischen Millionenstadt Wuhan, zum Unmut der Staatsspitze in Peking. Die Kommunistische Partei Chinas bestreitet nach wie vor vehement, dass die Pandemie ihren Ursprung in der Volksrepublik nahm und sie den Ausbruch anfangs vertuscht hat. Das amerikanische Militärlabor Fort Detrick gilt als heißer Tipp der chinesischen Staatspropaganda für Ground Zero, schließlich würden dort Gegenmittel für biologische Kampfstoffe entwickelt.

"Man sieht sich international in der Kritik", sagt Nis Grünberg. "Auch, weil die Zahlen zur Effizienz von chinesischen Impfstoffen schlechter aussehen als die von anderen Impfstoffen."

China entwickelt mindestens vier Vakzine, von denen zwei als hoffnungsvolle Kandidaten gelten: das Coronavac der privaten Pharmafirma Sinovac und das staatlich entwickelte Vakzin von Sinopharm. Beide beruhen, wie das Mittel von Astrazeneca, auf der klassischen Entwicklungsmethode, bei der ein Impfstoff aus toten Viren generiert wird. Ähnlich wie auch das britisch-schwedische Mittel scheinen sie etwas schlechter zu wirken als die neuartigen mRNA-Vakzine von Moderna, Biontech und Pfizer, die eine Wirksamkeit von jeweils 95 Prozent aufweisen.

Beim Impfstoff von Sinopharm liegt die Wirksamkeit immerhin bei ansehnlichen 79 Prozent. Die Datenlage ist allerdings spärlich, das Ergebnis mit Vorsicht zu genießen: Abgesehen von den chinesischen Forschern weiß niemand, wer geimpft wurde, wie groß die Versuchsgruppen waren und welche Nebenwirkungen aufgetreten sind.

China entwickelt mindestens vier Vakzine

DeutlichWarum besser lasen sich anfangs die Coronavac-Ergebnisse der privaten Pharmafirma Sinovac. In den ersten kleineren Versuchsreihen in der Türkei kam der Impfstoff auf hervorragende 91 Prozent Wirksamkeit. Wenig später meldete Brasilien nach ersten Versuchen dann nur noch eine Wirksamkeit von 78 Prozent, in Indonesien lag sie sogar nur bei 68 Prozent. Nach den letzten großen Testreihen, erklärten brasilianische Forscher schließlich, dass das Mittel von Sinovac nur in 50 Prozent der Fälle eine milde oder schwere Erkrankung mit Covid-19 verhindere.

Eine ziemliche Enttäuschung. Erst recht, weil China eine andere Art von Impfstoff-"Nationalismus" als die USA und Europa betreibt. Während Washington, Brüssel, London, Paris und Berlin bitterlich über die Verteilung streiten und Vakzindosen horten, hat China schon Millionen und Abermillionen Dosen seiner Impfstoffe in die ganze Welt verschifft: die Vereinigten Arabischen Emirate impfen damit, Brasilien, Indonesien, die Türkei. Auch das EU-Mitglied Ungarn und der Beitrittskandidat Serbien gehören zu den Kunden.

"China hat vor allem Ländern mit geringen und mittleren Einkommen Zusagen gemacht und gesagt: Hey, wir sind ein Freund und eine Alternative zu den westlichen Ländern. Wir stehen für eine gerechte Verteilung von Impfstoffen", erzählt China-Experte Grünberg. "Jetzt fürchtet man, dass diese Botschaft unterminiert wird. Das trifft einen empfindlichen Punkt."

Die Studienergebnisse und die Vorwürfe, die Pandemie vertuscht zu haben, nagen am chinesischen Nationalstolz. Der ist angekratzt, obwohl die Volksrepublik das Coronavirus sehr viel besser unter Kontrolle hat als Deutschland, die EU oder die USA. Aber man will nicht Verursacher der Krise sein, sondern Freund und Helfer in der Not.

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