Augenspezialisten klären Mythos auf

Weint diese Frau wirklich "Kristalltränen"?

Satenik Kazaryan sagt, dass sich ihr Leben wegen ihres Zustandes in eine "lebendige Hölle" verwandelt habe.
Satenik Kazaryan sagt, dass sich ihr Leben wegen ihres Zustandes in eine "lebendige Hölle" verwandelt habe.
© Mir24/east2west news

25. September 2019 - 15:27 Uhr

"Kristalltränen" gibt es immer wieder - im Internet

Eine junge Frau aus Armenien weint angeblich feste "Kristall"-Tränen - bis zu 50 Stück am Tag. Die Kristalle seien so scharf, dass sie die Augen der 22-Jährigen Satenik Karazian verletzen,wie sie selbst in mehreren Medienberichten zitiert wird. Doch kann es so etwas wirklich geben?

Geschichten von Menschen, die Tränen in Kristallform weinen, gab es in den letzten Jahren immer wieder. Alle stellten sich bisher als Fehlmeldung heraus. Und auch bei der aktuellen Meldung ist sich Augenarzt Matthias Maus aus Köln sicher: Sogenannte Tränensteine gibt es wirklich - aber auf keinen Fall in dieser Form.

„Jeden Tag meines Lebens leide ich Höllenqualen“

Eine seltsame Anomalie mache der 22-jährige Satenik Karazian aus dem armenischen Dorf Spandaryan das Leben zur Hölle. Anstelle von Tränen fielen Kristalle aus ihren Augen, wie sie und ihre Verwandten dem russischen Sender MIR24.tv berichten.

"Als wir den ersten Kristall entfernten, dachten wir, dass während der Arbeit auf unserer Farm Glas ins Auge geriet", so Sateniks Verwandte Svetlana Avagyan. "Aber der Schmerz hörte nicht auf und es kamen immer mehr Kristalle aus ihren Augen. Also haben wir sie zum Arzt gebracht."

Satenik Kazaryan entfernt täglich angeblich bis zu 50 Kristall-Tränen.
Täglich entfernt Satenik Kazaryan angeblich bis zu 50 Kristall-Tränen.
© Sputnik Armenia/east2west news

Fall beschäftigt angeblich sogar armenische Behörden

Wie unter anderem die britische Zeitung "Mirror" berichtet, habe es der Fall angeblich bis zu den armenischen Behörden geschafft: Experten des Ministeriums hätten die junge Frau untersucht, wie der stellvertretende armenische Gesundheitsminister Hovhannes Harutyunyan gegenüber MIR24.tv berichtet. Die Kristalle seien bereits zur Analyse geschickt worden, die Diagnose stünde aber noch aus.

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"Steine" aus Tränen gibt es wirklich - doch so sehen sie nicht aus

Ist Sateniks Geschichte also wahr? Nein, wie zwei erfahrene Augenspezialisten uns im Interview erklären. "Das Kristallisieren von Tränen ist selten, aber möglich. Es gibt Tränensteine, die den Tränenweg verstopfen können und dann zu Entzündungen führen. Der Vorgang ist mit der Entstehung von Nieren- beziehungsweise Harnsteinen vergleichbar. Also nicht so ungewöhnlich", so Dr. Omid Kermani.

Dieser Prozess kann aber keinesfalls solche Symptome auslösen, wie Sartenik sie angeblich hat, führt Matthias Maus weiter aus: "Eine solche Geschichte taucht alle paar Jahre auf. Immer sind es junge Mädchen oder Frauen, denen ein Familienmitglied Steine aus dem Auge entfernt. Die Tränenproduktion beträgt beim Menschen aber nur rund einen Milliliter pro Tag. Und um so einen Kristall zu bilden, müsste man extrem viel Flüssigkeit haben, die wiederum sofort kristallisiert und in fester Form austritt - das geht nicht."

Verkalkungen entstehen über Monate

Die Produktion von bis zu 50 "Kristallen" pro Tag hält er ebenfalls für Unsinn: "Tränensteine gibt es, das sind Verkalkungen, die die abführenden Tränenwege zur Nase hin verstopfen können. Doch das geschieht ganz langsam, über Monate." Der Experte ist sich sicher: So, wie die Familie Karazian sie darstellt, kann die Geschichte auf keinen Fall stimmen. Warum genau sie damit dann an die Öffentlichkeit gingen - darüber kann nur spekuliert werden.

"Mädchen, das Kristall-Tränen weint" im „Museum of Hoaxes“

Geschichten von Menschen, die angeblich Kristall-Tränen  weinen, kursieren immer wieder im Netz. Die bekannteste ist wohl die von Hasnah Muslmani, einem libanesischen Mädchen, das angeblich täglich Kristalle weinte. Das bereits 1996 aufgenommene Video stellte sich als manipuliert heraus. Seitdem taucht es immer wieder in regelmäßigen Abständen im Netz auf, bereits im Jahr 2008 wurde es deshalb ins "Museum of Hoaxes" ("Museum der Falschmeldungen") im kalifornischen San Diego aufgenommen.