Indische Dokumente liefern Hinweise

Amazon soll beliebte Produkte kopieren und die Suchergebnisse beeinflussen

Neben unzähligen Produkten anderer Hersteller versendet Amazon auch immer mehr Eigenmarken.
Neben unzähligen Produkten anderer Hersteller versendet Amazon auch immer mehr Eigenmarken.
© dpa, Rolf Vennenbernd, ve sab vco

15. Oktober 2021 - 14:28 Uhr

Sind die Amazon-Originale systematisch kopierte Produkte?

Immer wieder wurde der Verdacht geäußert, Amazon kopiere beliebte Produkte, um sie selbst anbieten zu können. Nun sollen Dokumente aus Indien beweisen, dass das tatsächlich geschehen ist.

Dokumente aus Indien sollen den Produkt-Raub von Amazon beweisen

Ob Batterien, Bürostühle oder eine Hundetransportbox: Bei Amazon gibt es mittlerweile fast alles. Und immer mehr davon wird vom Handelsriesen selbst angeboten. Alle drei Beispiele oben gibt es von der Eigenmarke Amazon Basics. Doch ganz mit rechten Dingen kann das nicht vorgehen, heißt es immer wieder. Der Vorwurf: Amazon soll sein Wissen um Kundenwünsche missbrauchen, um beliebte Produkte zu kopieren und dann bevorzugt anzubieten. Dokumente aus Indien sollen das nun beweisen.

Das berichtet die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf interne Dokumente. Tausende Seiten von internen E-Mails, Strategiepapieren und Präsentationen sollen den Journalisten vorliegen. Und ein systematisches Vorgehen des Konzerns dokumentieren, von dem auch hochrangige Manager des Konzerns in den USA gewusst haben sollen.

Lese-Tipp: Enthüllungsreportage von "Team Wallraff": Undercover bei Amazon

Kopierte Originale: Amazon soll Handelsdaten zu eigenen Gunsten missbraucht haben

Das Amazon-Team, das für die Eigenmarken im indischen Markt verantwortlich ist, soll demnach genau das getan haben, was Kritiker dem Konzern vorwarfen. Sie werteten interne Daten zu Verkäufen und Retouren aus, um Referenzprodukte in einzelnen Angebotsbereichen zu identifizieren und diese dann nachzubauen. Als Beispiel nennt der Bericht unter anderem T-Shirts des in Indien beliebten Herstellers John Miller, deren Abmessungen bis zu Details wie der Ärmellänge exakt in Amazons eigener Variante übernommen wurden.

Doch damit war der Missbrauch der eigenen Handelsdaten noch nicht erschöpft. Die Unterlagen zeigten, dass Angestellte des Konzerns seinen Such-Algorithmus manipulierten, damit er die Eigenmarken weiter oben anzeigte, so "Reuters". Ganz vorne landeten sie zwar nicht, man versuche sie auf dem "zweiten oder dritten Suchergebnis" zu platzieren, heißt es demnach in einem internen Strategiebericht aus dem Jahr 2016.

Amazon schien sich nicht mit einem reinen Nachbau der Produkte zufriedenzustellen. Offenbar hatten Angestellte versucht, sogar die Produktionsstätten der Original-Produkte für sich gewinnen zu können. "Es ist schwierig, die Expertise über mehrere Produkte zu entwickeln. Um vollständig dieselbe Qualität wie unsere Referenz-Produkte zu erreichen, haben wir entschieden, mit den Produzenten der Referenz-Produkte zusammenzuarbeiten", heißt es demnach in einem Dokument. Man wolle so "die einmaligen Prozesse, die über die Qualität des Endprodukts entscheiden" auch für sich nutzen können.

RTL NEWS empfiehlt

Anzeigen:

Die Folgen der Solimo-Strategie: Amazon soll nicht nur den indischen Markt beeinflusst haben

Obwohl sich die Dokumente nur auf den indischen Markt beziehen, sollen die Folgen der Strategie auch weit darüber hinaus reichen. In einem Strategie-Papier wird demnach die sogenannte Solimo-Strategie erklärt. Sie sei sehr einfach, so "Reuters". "Nutze die Informationen von Amazon.in um Produkte zu entwickeln und beeinflusse dann die Plattform Amazon.in um sie zu verkaufen", heißt es demnach in dem Papier.

Doch bei dem Markt war es nicht geblieben: Die eigentlich für den indischen Markt entwickelte Marke verkauft ihre Kosmetik und andere Waren längst auch auf anderen Märkten - und ist auch bei den deutschen und dem US-amerikanischen Amazon-Seiten erhältlich. Welche Produkte der Reihe konkret kopiert worden sein sollen, verrät der Bericht allerdings nicht.

Die US-Mutter hatte die Vorwürfe gegenüber der Nachrichten-Agentur bestritten. Aus dem Nichts kommen sie indes nicht. Auch das "Wall Street Journal" hatte bereits letztes Jahr berichtet, dass Amazon seine Unmengen an Kunden- und Verkaufsdaten ausnutze, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Anders als "Reuters" hatte sich das "Journal" allerdings nicht auf interne Dokumente sondern auf die Aussagen von Mitarbeitern berufen.

Besonders heikel ist der Vorwurf auch, weil er den Amazon-Gründer Jeff Bezos schwer belasten würde. Er hatte im Rahmen einer Aussage vor dem US-Congress noch betont, dass der Konzern die Daten nicht zu diesem Zwecke benutze. Falls es doch vorkomme, handele es sich um die Verstöße einzelner Mitarbeiter, so Bezos. Die Dokumente zeigen nun das Gegenteil.(stern.de/mma)

Hinweis: Dieser Artikel erschien zuerst auf stern.de.