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AfD-Kandidatin Alice Weidel mit Coming-out auf der Wahlkampf-Bühne: "Ich bin homosexuell“

Alice Weidel, AfD-Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl 2017
Alice Weidel, AfD-Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl 2017, spricht hier in Jena (Thüringen) während einer Wahlkampfveranstaltung der AfD. © dpa, Martin Schutt, msc tba

Lebensgefährtin von Alice Weidel stammt aus Sri Lanka, das Paar zieht zwei Kinder groß

AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel hat ein Problem: Einerseits möchte sie ihre nationalistische Partei in den Bundestag führen, andererseits widerspricht ihr Privatleben den Prinzipien ihrer Partei. Vier Tage vor der Wahl hilft nur die Flucht nach vorn: Alice Weidel hatte auf der Bühne ihr offizielles Coming-out. Dass sie mit ihrer Lebensgefährtin aus Sri Lanka in der Schweiz lebt, war allerdings schon länger bekannt.

Wenn das eigene Leben nicht zum Parteiprogramm passt

Von Karla Ruheländer

In Viernheim (Hessen) spricht AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel erstmals offiziell über ihr Privatleben: "Ich bin homosexuell", erklärte sie vor einem teils überraschten Publikum. Bislang hatte Weidel ungern Details aus ihrem Privatleben verraten, ohne jedoch ein Geheimnis über ihre Homosexualität zu machen. Dass sie sich nun so weit aus dem Fenster lehnte, ist überraschend: Der Wahlkampf geht in die Endrunde.

Alice Weidel lebt mit ihrer Partnerin Sarah Bossard und deren zwei kleinen Söhnen häufig in der Schweiz. Bossard stammt aus Sri Lanka. "Meine Schweizer Partnerin arbeitet in der Schweiz, weswegen es völlig normal ist, dass ich dort einen Zweitwohnsitz habe. Unsere Kinder leben bei ihrer Mutter, so dass ich mich wie jedes berufstätige Elternteil selbstverständlich darum bemühe, die wenige freie Zeit bei meiner Familie zu verbringen, wenn meine Familie nicht bei mir in Deutschland ist", so Weidel.

Familie ist für die AfD: Vater, Mutter, Kind

Was aber tun, wenn das eigene Leben nicht perfekt zum Parteiprogramm passt? Denn ausgerechnet die AfD bekennt sich zur klassischen Familie: "Die Wertschätzung für die traditionelle Familie geht in Deutschland zunehmend verloren. Den Bedürfnissen der Kinder und Eltern gerecht zu werden, muss wieder Mittelpunkt der Familienpolitik werden. (..)  In der Familie sorgen Mutter und Vater in dauerhafter gemeinsamer Verantwortung für ihre Kinder", heißt es im aktuellen Parteiprogramm. Zudem ist die AfD klar gegen die 'Ehe für alle': "Wir lehnen alle Versuche ab, den Sinn des Wortes "Familie" in Art. 6, Abs. 1 Grundgesetz auf andere Gemeinschaften auszudehnen ()."

Auch Weidels Parteifreunde kann man schon homophob nennen: Im Oktober 2016 warf Björn Höcke der Thüringer Landesregierung vor, man würde in den Schulen Mittel für Klassenfahrten kürzen, um das Geld in die "Bespaßung" für Schwule zu investieren. AfD-Chefin Frauke Petry  erklärte im Interview mit dem Blog 'Jung und Naiv': "Und wenn im öffentlich-rechtlichen Fernsehen fast kein Spielfilm in Deutschland mehr damit auskommt ohne das schwule Pärchen (…), dann möchte ich einfach nicht, dass das zum Standard erhoben wird." Der AfD-Abgeordnete Andreas Gehlmann aus Sachsen-Anhalt ließ 2016 in einer Landtagsdebatte an Klarheit ebenfalls nichts zu wünschen übrig: Nach einem Beitrag, dass in Nordafrika Homosexualität verboten und in höchstem Maße tabuisiert sei, rief Gehlmann laut Sitzungsprotokoll: "Das sollten wir in Deutschland auch machen!"

AfD plötzlich Homosexuellen-freundlich?

Spitzenkandidatin Weidel ist trotzdem der Meinung, dass ihre Partei viel dafür tut, dass Schwule und Lesben in Deutschland frei und unbelästigt leben können. Und hat dabei nicht ihre Parteifreunde und deren Anhänger, sondern Muslime im Blick: Denn die machten Jagd auf Homosexuelle, das habe mit der Scharia zu tun. Weidels Fazit: "Die AfD ist die einzige Partei, die sich für Recht und Ordnung einsetzt." Im Blog 'Philosophia Perennis' bezeichnet Weidel ihre Partei sogar als "die einzige echte Schutzmacht für Schwule und Lesben in Deutschland". Hat sie da etwas nicht richtig mitbekommen?

"Wenn man ehrlich ist, erscheint die AfD auf den ersten Blick natürlich nicht als die erste Adresse, wenn es um die Rechte von Homosexuellen geht", so Weidel. Stimmt! Die AfD kritisiert sogar "Sexualpädagogik der Vielfalt" im Unterricht als einen "unzulässigen Eingriff in die natürliche Entwicklung unserer Kinder ()". Aber solange Alice Weidel als Spitzenkandidatin agieren kann, muss sie ja nicht im Kleingedruckten herumwühlen. Auch die AfD-Wähler entschuldigen den kleinen Ausrutscher: Hauptsache, Alice Weidel ist blond, weiß und groß gewachsen. 

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