Aber wo sind die Arbeiter?

ADAC meldet Autobahnbaustellen-Rekord in Deutschland

Autobahn-Baustellen in NRW.
Autobahn-Baustellen in NRW.
© dpa, Marius Becker

25. Oktober 2021 - 17:28 Uhr

Rund 900 Baustellen gleichzeitig auf Autobahnen

120, 90, 60 – Wenn Autofahrer die Tempobeschränkungen auf den Autobahnen sehen, kann das nur eines bedeuten: Die nächste Baustelle kommt. Derzeit meldet der ADAC sogar 900 Baustellen auf Autobahnen in ganz Deutschland – ein Rekord. Doch viele Autofahrer fragen sich: Wird da überhaupt gebaut?

Starker Anstieg der Autobahnbaustellen seit 2019

Im Oktober 2019 gab es rund 500 Autobahnbaustellen, im Oktober 2020 wurde auf rund 700 Streckenabschnitten gebaut. Doch so viele Baustellen wie im Oktober 2021 gab es noch nie: 900 insgesamt auf deutschen Autobahnen. Laut ADAC hat das gleich mehrere Gründe: Zum einen wird immer stärker investiert. Außerdem gibt es viele Autobahnen und Autobahnbrücken, die dringend saniert oder ausgebaut werden müssen.

Baustellen auf Autobahnen hat es schon immer gegeben, aber wegen des steigenden Verkehrsaufkommens müsse die Infrastruktur modernisiert werden, erklärt "Straßen.NRW". Auch nehme der Schwerverkehr deutlich zu: Immer mehr Ware wird transportiert. Wie stark unsere Wirtschaft vom Transport abhängig ist, das sieht man derzeit in Großbritannien: Über 100.000 Lkw-Fahrer fehlen, es kommt in allen Lebensbereichen zu Liefer- und Versorgungsengpässen.

Warum sieht man auf vielen Autobahnbaustellen keine Arbeiter?

Viele Autofahrer ärgern sich allerdings, wenn sie wegen einer Baustelle im Stau stehen, aber weit und breit kein Arbeiter zu sehen ist. "Den Fall haben wir beispielsweise auf Brücken, wenn die Arbeiter gerade unterhalb der Brücke tätig sind. Denn auch dafür muss auf der Brücke in der Regel ein Fahrstreifen gesperrt werden", erklärt "Straßen.NRW". Die Arbeiter ziehen auch ab, wenn der frisch verlegte Asphalt aushärten muss. Die Baustelle kann in solchen Fällen noch nicht abgeräumt werden.

Doch lässt sich das wirklich so einfach erklären? Laut ADAC hatte eine parlamentarische Anfrage zu den Sommerbaustellen im Jahr 2015 ergeben, dass auf Deutschlands Autobahnen nur auf 63 von 715 gemeldeten Baustellen auch nachts gearbeitet wurde, davon wiederum nur auf 54 Baustellen auch sonn- und feiertags. Weitere parlamentarische Anfragen ergaben, dass 2017 bundesweit auf 41, 2018 auf 42 und 2019 auf 72 Baustellen zumindest zeitweise rund um die Uhr (24 Stunden) gearbeitet wurde.

Doch die Wahrheit ist auch: Kaum ein Unternehmen kann es sich leisten, rund um die Uhr auf einer Baustelle arbeiten zu lassen: "Wir haben in den letzten Jahren festgestellt, dass sich auf solche Ausschreibungen fast niemand mehr bewirbt", erklärt Isabel Pfeiffer, Pressesprecherin beim Landesamt für Straßenbau und Verkehr, gegenüber dem MDR. Den Unternehmen fehlt schlicht das Personal. Laut der Gewerkschaft IG Bau hört sogar jeder zweite Azubi nach der Ausbildung auf, weil der Bau-Job so unattraktiv ist: Lange Anfahrtswege, die nicht bezahlt werden, ist einer der Gründe.

RTL NEWS empfiehlt

Anzeigen:

ADAC fordert Nachts- und Sonntagsarbeit an staukritischen Streckenabschnitten

Um die Dauer von Baustellen möglichst kurz zu halten, hat der ADAC einen Forderungskatalog aufgestellt: So soll die Ausnutzung der Tageshelligkeit sowie Samstagsarbeit bei Arbeitsstellen zu einer Selbstverständlichkeit bei der Bauausführung werden. Zudem sollte an staukritischen Streckenabschnitten vermehrt auch nachts und sonntags gearbeitet werden. Staukritische Tagesbaustellen sollten möglichst zu verkehrsarmen Zeiten durchgeführt werden, vor allem auch nachts.

Um die Forderungen zu erfüllen, müsste allerdings deutlich mehr Geld in die Hand genommen werden. Die Zeche zahlt dann wieder jeder Autofahrer – durch höhere Steuern und noch teurerem Sprit. Dabei ist für viele bereits jetzt die finanzielle Belastungsgrenze erreicht. (aze)