Formel 1Das Monza-Gefühl: Antonellis erstes Heimspiel an WM-Spitze

Der Druck der Jäger wächst - und ausgerechnet in Italien muss Kimi Antonelli vom Ende des Feldes starten. Wie der Formel-1-Führende damit in Monza umgeht.
Der Fabelkarriere des Formel-1-Wunderjungen Kimi Antonelli hätte Papa Marco beinahe im Weg gestanden. „Mein Vater wollte nicht, dass ich Rennen fahre, denn Motorsport ist zwar ein wunderbarer Sport, kann aber bisweilen sehr grausam sein. Er hatte das selbst erlebt und befürchtete, dass ich große Enttäuschungen erleben könnte“, erzählte der Mercedes-Jungstar unlängst der italienischen Ausgabe des Magazins „GQ“. Zum Glück setzte sich Kimi Antonelli durch und kommt jetzt als erster italienischer WM-Spitzenreiter seit der Legende Alberto Ascari 1953 zum Heimrennen nach Monza.
Bei 59 Punkten Vorsprung auf die ersten Verfolger sind Antonellis Chancen, jüngster Formel-1-Weltmeister zu werden, weiter bestens. In den Gefühlsrausch der Tifosi, der sonst die Ferrari-Fahrer im Königlichen Park empfängt, dürfte diesmal auch der Silberpfeil-Pilot eintauchen können. „Ich freue mich riesig. Ich gehe die Sache definitiv mit einer anderen Einstellung und Denkweise an, und ich habe das Gefühl, dass ich das Wochenende viel mehr genießen kann“, sagte Antonelli.
Keine Rücksicht: Startplatzstrafe nach Motorenwechsel
Bei seiner Monza-Premiere im Vorjahr drehte er sich im Training von der Strecke, kassierte im Rennen eine Zeitstrafe und musste sich mit Rang neun begnügen. Die Fehlerserie der Vorsaison aber liegt weit hinter Antonelli, dank einer steilen Lernkurve und der neuen Auto-Generation dominierte der Italiener die erste Saisonphase. Zuletzt allerdings hat die Konkurrenz deutlich aufgeholt. „Der Job ist noch nicht erledigt. Es muss noch viel passieren, wir müssen noch vieles erreichen“, mahnte Antonelli.
Ganz unsentimental entschieden er und Mercedes sich, in Monza eine in den nächsten Rennen unausweichliche Startplatzstrafe für einen unerlaubten Motorenwechsel in Kauf zu nehmen. „In unserem Sport werden keine Sentimentalitäten belohnt“, erklärte Teamchef Toto Wolff. „Unsere Berechnungen haben ergeben, dass dies die beste Strecke dafür ist. Natürlich berücksichtigen Algorithmen die Nationalität nicht. Aber wir kämpfen hier um die Meisterschaft, und nicht darum, die meiste PR zu bekommen.“
Antonelli startet also vom Ende des Feldes in sein Heimspiel, sein Polster in der Gesamtwertung könnte schmelzen. Im Entwicklungsrennen der Top-Teams agierte Mercedes zuletzt erstaunlich zurückhaltend. Ferrari, Red Bull und vor allem McLaren mit Titelverteidiger Lando Norris haben deutlich aufgeholt.
Norris gewann jüngst in Budapest und Zandvoort und schickt sich an, eine ähnliche Aufholjagd wie im Vorjahr Max Verstappen zu starten. Nach einem Riesen-Rückstand zur Saisonmitte fehlten dem Niederländer am Ende nur zwei Punkte auf Champion Norris.
„Emotional und mental gestärkt“
„Wir haben nicht das Geld, um Weiterentwicklungen am Auto vorzunehmen“, sagte Mercedes-Boss Wolff unter Verweis auf die Budgetgrenze. Erst nach den nächsten drei WM-Läufen in Italien, Spanien und Aserbaidschan soll es das nächste große Update-Paket für die Silberpfeile geben. „Als Team müssen wir noch etwas Zeit finden, McLaren hat einen großen Schritt gemacht“, sagte Antonelli.
Wie der Nachfolger von Lewis Hamilton beim schwäbischen Werksteam mit dem Druck des Gejagten umgeht, ist indes bemerkenswert. Erst seit ein paar Tagen ist Antonelli kein Teenager mehr, im Vergleich zu seiner Debütsaison zeigt er sich jedoch deutlich gereift. „Natürlich muss ich noch viele Erfahrungen sammeln, aber ich glaube, das letzte Jahr - trotz all der schlechten Momente und schwierigen Phasen - war genau das, was ich brauchte. Es hat mir geholfen, noch stärker zu wachsen, als ich es erwartet hatte. Es hat mich emotional und mental gestärkt“, erklärte er.
Auch wenn er abseits der Strecke noch fast kindliche Freude an Streichen mit der Wasserpistole hat, ist Antonelli im Auto ein ganz anderer. „Wenn er in den Rennmodus schaltet, geht er völlig darin auf. Man kann über Funk mit ihm sprechen, aber er hört einen nicht einmal, weil er ganz in seiner eigenen Welt versunken ist“, erzählte sein Chef Toto Wolff. Antonelli habe eine „Doppelnatur“ wie einst die Ikone Ayrton Senna.
Mit solchen Vergleichen hält Antonelli sich nicht auf. „Sei immer du selbst und sei auch in der Lage, das zu genießen“ - diesen Rat hätten ihm andere Sportstars wie Tennis-Idol Roger Federer gegeben. Antonellis nächster Genussmoment soll auf der Heimaterde von Monza folgen.
