Bohren nach der Bombe im BodenBlindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg - unter der Straße lauert Geschichte
Unter einer Straße in Köln suchen Experten nach möglichen Blindgängern aus dem Zweiter Weltkrieg. Vor Bauarbeiten wird der Boden deshalb metertief untersucht – auch nahe dem RTL-Sendezentrum. Die große Frage: Liegt dort noch eine Bombe im Boden?
Fliegerbombe vor RTL-Gebäude?
Rheinbrücken und Bahntrassen waren in Köln im Zweiten Weltkrieg bevorzugte Ziele alliierter Bomber. Zwischen Rheinufer und der Bahnstrecke nach Düsseldorf, wo inzwischen das RTL-Sendezentrum steht, muss deshalb bis heute mit Blindgängern gerechnet werden. In diesem Frühjahr soll eine marode Straße vor dem Sender komplett weggefräst und erneuert werden. Bislang wurde der Asphalt erst an einer Stelle vorsichtig aufgestemmt. Auf dieser kleinen Fläche stehen nun 37 Erdhügel in Reih und Glied, im Abstand von zwei Metern – als hätte ein geometrisch begabter Riesenmaulwurf gewütet. Es sind die Bohrpunkte des Kampfmittelräumdienstes. Der dreiköpfige Trupp der Firma Röhll aus Düren hat dort zwei Tage lang akribisch den Untergrund sondiert. Bis zu sieben Meter tief reichen die Löcher. Der Verdacht: Genau dort könnte eine nicht explodierte Fliegerbombe liegen. Der Straßenverkehr hat sie mehr als 80 Jahre nicht ausgelöst. Doch schwere Baumaschinen, die nun anrücken sollen, könnten die Lage verändern – im schlimmsten Fall mit einer Explosion.
Bombensplitter sind wie Geschosse
Becker weiß, was auf dem Spiel steht. „Dann ist das eine Stahlsprengung“, sagt er über den Ernstfall. „Die Splitter, die dann da kommen, die gehen sehr, sehr weit. Die sind teilweise rasiermesserscharf und groß, und die fliegen wirklich fünf-, sechshundert Meter.“ Welche Zerstörungskraft dahinter steckt, hat sich vor knapp 16 Jahren in Göttingen gezeigt: Dort explodierte ein freigelegter Blindgänger kurz vor der geplanten Entschärfung und tötete drei Sprengstoffexperten. Ein einzelner, etwa DIN-A5-großer Splitter von sieben Kilo Gewicht flog mehrere hundert Meter weit, durchschlug das Dach eines Wohnhauses und verwüstete in Sekunden das Zimmer eines jungen Mädchens. „Gestern Abend muss hier ein Stück von der Bombe eingeschlagen sein“, berichtete ihr Vater Josef Wochnik damals. „Es ist hier durch das Dach auf den Boden geknallt, vom Boden runtergesprungen auf die andere Seite, hat dort ein Loch hinterlassen und natürlich hier alles verwüstet.“ Seine Tochter Lydia sagte: „Dass so ein schwerer Brocken so schwere Schäden verursachen kann, das hätte ich mir niemals vorstellen können.“
Köln – mehr als eine Million Sprengkörper
Allein auf Köln flog im Zweiten Weltkrieg eine Million große und kleine Sprengkörper. Geschätzt jeder sechste ist nicht explodiert. Noch immer liegen also tausende Blindgänger im Boden. Deswegen beginnt in den damals bombardierten Stadtgebieten heute jedes Bauprojekt, bei dem es in die Tiefe geht, mit einem Antrag an die Bezirksregierung Düsseldorf. Dort prüfen Spezialisten auf alten alliierten Luftbildern, ob im geplanten Baufeld Bombenverdacht besteht. Hinter dem RTL-Gebäude war das der Fall: Die Fläche musste sondiert werden. Dafür braucht es die Bohrlöcher. Doch könnte der Bohrer nicht selbst die Bombe treffen und zur Explosion bringen? Becker wiegt ab: Seine Baggerfahrer seien „sehr sensibilisiert“. Sie spürten beim Bohren, wenn etwas nicht stimme. Tatsächlich ist der Trupp auch hier auf harte Hindernisse gestoßen. „Das ist ja bekannt“, sagt Becker. Man wisse, in welchen Tiefen große Natur- oder Pflastersteine liegen. „Das hört man, wie der Bohrer kratzt oder meißelt, dass das Steine sind oder Beton. Das hört man.“ Und eben keine Bombe, fügt er lachend hinzu.
Hightech in sieben Metern Tiefe
Nur der erste Schritt läuft nach Gefühl und Gehör. Danach übernimmt Technik. In jedes Bohrloch wird ein Plastikrohr gesetzt und eine stabförmige Metallsonde eingeführt. Sie erkennt im Umkreis von 75 Zentimetern jedes Metall, von der Oberfläche bis sieben Meter Tiefe. Aus den Messwerten entsteht für jeden Bohrpunkt ein Diagramm. Becker schickt die Datensätze zusammen mit seinen Notizen an die Fachleute der Bezirksregierung. Damit sie Messsignale richtig zuordnen können, hält er alle bekannten Leitungen fest – mit Tiefenangabe. „Dann wissen die ganz genau: Wir haben im Datensatz bei 1,2 Meter eine Messung, gucken in meinen Plan. Aha, an diesem Bohrloch ist bei 1,2 Meter eine Stahlleitung. Dann sagen sie: Das ist eine Stahlleitung und kein Kampfmittel“, erklärt er. Problematisch wird es, wenn ein Signal bei 3,5 Metern auftaucht – und weder Luftbild noch Plan eine Leitung hergeben. „Dann sage ich: Weiß ich nicht. Dann kommt die Aufforderung: Bitte aufgraben!“
Ein gefährlicher Job mit sicherer Zukunft
So ging es an der Straße vor dem Sendezentrum anderthalb Tage lang hin und her, von Donnerstagmorgen bis Freitagmittag. 37 Bohrlöcher wurden gesetzt. Einige fielen in der Auswertung leicht auf, die Bezirksregierung verlangte neun zusätzliche Bohrungen. Alles drehte sich um eine Frage: Muss am Montag aufgegraben werden oder nicht? Hätte sich der Verdacht bestätigt und eine Bombe wäre gefunden worden, hätte sie entschärft werden müssen. Das RTL-Sendezentrum wäre geräumt worden, ebenso wie alle anderen Gebäude im Umkreis von bis zu 500 Metern. So weit kam es nicht. Irgendwann kam der entscheidende Bescheid: Abbruch, keine weiteren Maßnahmen. „Es ist nichts gefunden worden“, berichtet Becker. „Wahrscheinlich wurde die Bombe damals schon weggeräumt oder nicht dokumentiert. Das war für uns ein negativer Verdachtspunkt.“ Die Möglichkeit, dass sie an Ort und Stelle explodiert ist, hält er für unwahrscheinlich: Dann hätten Messungen Reste anzeigen müssen. „Durch die Zusatzbohrungen konnten die auffälligen Bohrpunkte entkräftet werden. Und wenn die Bezirksregierung sagt: Für uns ist keine weitere Arbeit mehr notwendig, ist das durch.“ Kurz darauf ist die Kolonne verschwunden – Bagger, Bohrer, Materialcontainer und mobiles WC. Der Trupp sondiert da längst die nächste Fläche. Wirtschaftlich gilt der Kampfmittelräumdienst als eine der sichersten Branchen im Land. In keinem Bundesland liegen so viele Blindgänger im Boden wie in Nordrhein-Westfalen. Überall dort, wo in einer damals bombardierten Stadt heute ein tiefes Loch gegraben werden soll, ist der Kampfmittelräumdienst mit im Spiel.

































