Bundesweit einmaliges Projekt in Solingen: Fünftklässler ohne SmartphoneHandyverzicht als Schulexperiment – warum in Solingen Smartphones im Tresor landen

von Niklas Bönsch

In Solingen verzichten Fünftklässler seit Monaten komplett auf Smartphones und soziale Medien – im Unterricht, in der Pause und teils auch zu Hause. Das bundesweit einmalige Projekt sorgt für veränderte Pausenhöfe, engagierte Eltern und eine Debatte über den richtigen Umgang mit digitalen Medien im Kindesalter.

Einheitliche Regeln für alle Schulen

An allen weiterführenden Schulformen in Solingen gilt für Fünftklässler: Hefte raus, Handys weg – und zwar ab in den Tresor. Smartphones und soziale Medien sind seit vergangenem Sommer verboten. Die Idee dahinter: Wenn alle Fünfer auf soziale Medien verzichten, gibt es gar nicht erst den Druck, online dabei sein zu müssen. Unter den Schülern fallen die Reaktionen unterschiedlich aus. Einige vermissen ihre gewohnte Bildschirmzeit, andere begrüßen das Verbot, weil mehr echte Treffen möglich sind. Bartosch Gasda ist Lehrer an der Alexander-Coppel-Gesamtschule. Er beobachtet, dass Kinder wieder häufiger miteinander spielen, sich mehr unterhalten und sogar Langeweile aushalten. Gerade das hält er für wichtig, weil sie lernen, sich selbst zu beschäftigen, statt automatisch zum Handy zu greifen.

Vertrag mit Symbolkraft – Eltern machen mit

Damit die Regeln auch nach Schulschluss Wirkung zeigen, unterschreiben Eltern eine – rein symbolische – Vereinbarung zum freiwilligen Verzicht in der Freizeit. Schulleiter Andreas Tempel räumt ein, dass er nicht sicher sei, ob das überall konsequent umgesetzt werde. Die Schulen könnten nur appellieren. Vater Sven Eret bestätigt, dass es zu Hause nicht immer klappt: Die Familie versuche zwar konsequent zu bleiben, manchmal werde aber doch ein Auge zugedrückt.

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Fachleute warnen vor Folgen früher Smartphone-Nutzung

Christoph Kleinschnitz, Neurologe und Direktor der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Essen, warnt, dauerhafte Social-Media-Nutzung könne bei Kindern Angst, depressive Symptome, Konzentrationsprobleme und Schwierigkeiten beim Abschalten fördern. Gerade junge Gehirne reagierten empfindlich auf ständige Reize und digitale Dauerbelohnung. Ein reduzierter Medienkonsum kann aus seiner Sicht helfen, Überforderung und Stress zu mindern. Kritiker betonen aber, dass ein Verbot keine Medienkompetenz ersetze. Kinder müssten lernen, bewusst und kritisch mit digitalen Angeboten umzugehen, statt sie nur zeitweise wegzusperren. In Solingen wollen die Verantwortlichen das Modell dennoch fortführen und perspektivisch auf weitere Jahrgänge ausdehnen. Die Regeln sollen dabei altersgerecht angepasst werden.