Selbst Jazz und Klassik betroffenStudie zeigt: Unsere Musik wird immer einfacher!

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Der Kopf einer Mandoline: Das Instrument aus dem 17. Jahrhundert wurde in Italien entwickelt.
IMAGO/CHROMORANGE / IMAGO/Michelangelo Oprandi

Italienische Forscher untersuchen mehr als 20.000 Musikstücke aus 400 Jahren auf ihre Komplexität und stellen einen Trend fest. Dieser erfasst nicht nur Pop und Rock, sondern erstaunlicherweise auch Jazz und sogar Klassik. Die Gründe dafür könnten in der Logik von Streamingdiensten liegen.

Musik ist im Laufe der vergangenen Jahrzehnte tendenziell simpler geworden. Das gilt nicht nur für jüngere Genres wie Pop, Hiphop und Rock, sondern insbesondere für Jazz und sogar Klassik. Das berichten Forschende aus Italien nach einer Analyse von 21.480 Musikstücken, die zwischen 1600 und 2021 komponiert wurden.

Durch Internet und Streamingdienste sei inzwischen wesentlich mehr Musik verfügbar als noch zu früheren Zeiten, schreibt die Gruppe um Niccolò Di Marco von der Tuscia University in Viterbo und Walter Quattrociocchi von der Sapienza Universität in Rom. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift „Scientific Reports“ veröffentlicht. „Frühere Studien haben gezeigt, dass Inhalte, die in schnelllebigen, vernetzten und algorithmisch kuratierten Umgebungen zirkulieren, Vereinfachungsprozessen unterliegen“, schreiben sie und verweisen etwa auf Liedtexte und Kommentare in sozialen Medien.

Um zu prüfen, ob das auch für Melodien und Harmonien gilt, untersuchte das Team Kompositionen und Songs aus den Musikgenres Klassik, Jazz, Pop, Rock, Elektronik und Hiphop. Um die Komplexität zu messen, analysierten die Forschenden bei den Stücken alle Noten und die Übergänge zwischen ihnen nach einem bestimmten Schema vor allem auf die Variabilität der Notenfolgen. Komplexere Musikstücke enthalten demnach mehr Melodien, die sich nicht wiederholen, und mehr musikalische Variationen.

Als ein Beispiel vergleichen die Forscher das Stück „Superman“ des US-Rappers Eminem mit der Komposition „Komm, süßer Tod“ des deutschen Komponisten Johann Sebastian Bach, das demnach wesentlich mehr melodische Variation enthält.

Für Pop, Rock, Elektronik und Hiphop und ihren jeweiligen Vorläufern untersuchte das Team die Entwicklung ab etwa 1960, für Jazz ab 1900 und für Klassik ab 1600. Bei den modernen Musikgenres ist jeweils eine leichte Abnahme der Komplexität erkennbar. Diese Abnahme fällt beim Jazz seit den 1950er und 1960er Jahren schon deutlicher aus und wird bei der Klassik ab dem frühen 20. Jahrhundert noch klarer - allerdings über wesentlich größere Zeiträume als bei den moderneren Genres. Klassik und Jazz, die üblicherweise komplexer waren als die moderneren Stilrichtungen, gleichen sich der Analyse zufolge diesbezüglich seit Mitte des 20. Jahrhunderts allmählich an die jüngeren Genres an.

Die Verbreitung von Musik durch Medien habe im Laufe der Zeit zu einer immer größer werdenden Gruppe von Musikschaffenden geführt, schreibt das Team. Allerdings verweisen die Forschenden auf mögliche Grenzen ihrer Methodik. „Während wir innerhalb der hier analysierten Dimensionen eine reduzierte strukturelle Komplexität feststellen, bleibt es möglich, dass sich die musikalische Komplexität hin zu anderen Ausdrucksformen verlagert hat, die vom gegenwärtigen Rahmen nicht erfasst werden“, schreiben sie. Mögliche Beispiele seien Klangfarbe, Produktionstechnik, Sounddesign und kultureller Kontext.

Zu moderneren Songtexten hatten bereits zuvor zwei Untersuchungen - beide ebenfalls im Fachblatt „Scientific Reports“ - Trends zur Vereinfachung festgestellt. So analysierten Psychologen der Universität Wien kürzlich mehr als 20.000 Texte von Songs der Billboard-Hot-100-Charts im Zeitraum von 1973 bis 2023. Dabei stellten sie fest, dass die Texte zunehmend weniger komplex waren, aber mehr negative Begriffe enthielten.

Und eine Analyse von US-amerikanischen Rap-, Country-, Pop-, Rock- und R&B-Songs zwischen 1980 und 2020 ergab, dass die Lieder mit der Zeit simpler und zorniger wurden. Die Studienautoren aus Österreich und Deutschland vermuteten für den Trend zur Einfachheit einen Zusammenhang mit der Logik von Streamingdiensten.

Verwendete Quellen: Stefan Parsch, dpa