Drama über den WolkenAngreifer, Opfer, Retter – das ist über den Flydubai-Vorfall bekannt

In einer Maschine der Fluggesellschaft Flydubai greift der Copilot den Flugkapitän im Cockpit an. Israel spricht bereits von einem versuchten dschihadistischen Terroranschlag, doch bestätigt ist das nicht. Was wir über Angreifer, Opfer und Retter wissen - und was nicht.
Was ist an Bord der Maschine passiert?
Der Flug der emiratischen Gesellschaft Flydubai mit der Flugnummer FZ 1073 war am Mittwochmorgen auf dem Weg von Dubai nach Tel Aviv, als es zu der Auseinandersetzung im Cockpit kam. Israelischen Behörden zufolge griff der Copilot den Flugkapitän mit einem Messer an und ließ das Flugzeug in weniger als 30 Sekunden knapp 4300 Meter in die Tiefe stürzen.
Eine Israelin berichtete dem TV-Sender N12 von großer Angst unter den Passagieren. Es habe „Schreie und Panik“ gegeben. Auch Videos aus der Kabine zeigen Situationen mit weinenden Passagieren. Laut israelischen Medien waren 166 der 174 Passagiere Israelis.
Trotz schwerer Stichverletzungen hatte der Flugkapitän nach Angaben des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu Widerstand geleistet, die Cockpittür geöffnet und es Passagieren ermöglicht, den Angreifer zu stoppen. Israelischen Behörden zufolge überwältigten Passagiere sowie Besatzungsmitglieder den Copiloten.
Wie genau, schildert ein Passagier namens Yaniv Hayun: Als er ins Cockpit kam, sei der Angreifer an Bordinstrumenten zugange gewesen - Hayun vermutete, dass der Mann das Flugzeug unbrauchbar machen wollte. Hayun sagte, er habe den Angreifer in den Würgegriff genommen und aus dem Cockpit gezerrt. Danach - das Flugzeug war zu dieser Zeit im Sturzflug - habe er im Cockpit die Steuerung ergriffen und begonnen, die Hebel zurückzuziehen, dann habe ein Pilot übernommen. Auf die Frage, woher er gewusst habe, was er tun sollte, verwies Hayun auf eine TV-Dokuserie über Flugunfälle, die gesehen habe.
Dass ein Pilot übernehmen konnte, ist der Tatsache zu verdanken, dass sich ein zweites Paar Flydubai-Piloten an Bord befand. So habe ein Pilot den Jet anschließend sicher im saudi-arabischen Tabuk notgelandet.
Wer ist der Angreifer?
Das israelische Nachrichtenportal ynet meldete, der tatverdächtige Copilot stamme aus dem Oman. Eine offizielle Bestätigung gibt es noch nicht. Nach erster israelischer Einschätzung soll es sich um einen Einzeltäter handeln, wie der TV-Sender Kan berichtete. Der Mann sei festgenommen worden und werde von den saudi-arabischen Behörden vernommen, sagte Netanjahu.
Am Mittwochmorgen hatte es erst geheißen, der Pilot sei russischer und der Copilot ukrainischer Herkunft. Das russische Generalkonsulat in Dubai teilte der Moskauer staatlichen Nachrichtenagentur Tass zufolge mit, die Berichte über einen russischen Piloten im Cockpit entsprächen nicht den Tatsachen. Das Konsulat habe von der Airline die Information erhalten, dass kein russischer Staatsbürger an Bord gewesen sei.
Welches Motiv hatte der Angreifer?
Gesicherte Angaben zum Motiv des Angreifers gibt es noch nicht - auch was genau seine Absicht war, ist noch nicht geklärt. Es gebe keinen Hinweis darauf, dass ein Staat oder eine Terrororganisation Drahtzieher des Vorfalls sein könnte, hieß es unter Berufung auf Sicherheitskreise.
In welchem Zustand befindet sich der Pilot?
Der angegriffene Kapitän ist in stabilem Zustand. Der Inder namens Smit Machchhar werde in einem Krankenhaus in der Stadt Tabuk im Nordwesten Saudi-Arabiens behandelt und erhalte dort die notwendige medizinische Versorgung, hieß es in einer Mitteilung der indischen Botschaft in Saudi-Arabien. „Eine ausführliche Einschätzung seines Gesundheitszustands steht noch aus, nach bisherigen Angaben ist sein Zustand jedoch stabil.“
Gibt es weitere Verletzte?
Der Angreifer war nach Angaben des Flughafenbetreibers bei der Landung verletzt. Angaben über weitere Verletzte gibt es bislang keine. Die Passagiere wurden inzwischen mit einer anderen Flydubai-Maschine nach Tel Aviv gebracht.
Was ist über die Retter bekannt?
Es gibt mehrere Heldenfiguren: Eine Frau, die mit ihren vier Töchtern im Flugzeug saß, sagte der Zeitung „Times of Israel“, es habe „zwei Wunder“ gegeben: dass Israelis an Bord waren, die heldenhaft ins Cockpit gegangen seien - und dass weitere Piloten an Bord waren, die das Flugzeug landen konnten. Bei einem Treffen am Flughafen von Tel Aviv sagte etwa Netanjahu zu dem Passagier Yaniv Hayun, der den Sinkflug nach eigener Darstellung beendet hatte: „Ich sehe einen Löwen, ich sehe einen großen Helden.“ Auf Hayuns Hemd waren Blutflecken zu sehen.
Netanjahu sowie der indische Premier Narendra Modi würdigten zudem die Furchtlosigkeit des angegriffenen Piloten. „Kapitän Smit Machchhar ist ein Held“, schrieb Modi in Onlinediensten. „Angesichts höchster Gefahr und trotz schwerer Verletzungen bewies er enormen Mut und eine unerschütterliche Entschlossenheit, das Leben anderer zu schützen.“ Der Mut des Piloten habe dazu beigetragen, „Hunderte von Menschenleben zu retten und eine große Tragödie abzuwenden“, erklärte Modi weiter. „Indien ist stolz auf Kapitän Machchhar. Wir beten für seine rasche Genesung, neue Kraft und gute Gesundheit.“
Der Zahnarzt Schota Musajew, der dem schwer verletzten indischen Piloten Erste Hilfe leistete, sagte dem Präsidenten, alle Passagiere an Bord seien Helden gewesen: „Wir haben uns gegenseitig im Flugzeug unterstützt und auch, als wir in Saudi-Arabien ankamen, und uns umeinander gekümmert, wie es sich gehört.“
Wie reagiert Israel?
Auch wenn wichtige Fragen noch offen sind, geht Israels Regierung von einem versuchten dschihadistischen Terroranschlag des aus dem Oman stammenden Copiloten aus. Das israelische Außenministerium erklärte, der Vorfall sei „ein versuchter Terroranschlag auf Israelis, die Vereinigten Arabischen Emirate und die Abraham-Abkommen“ gewesen. Durch die 2020 unterzeichneten Verträge hatten die Emirate und weitere arabische Staaten erstmals Israel offiziell anerkannt und die Beziehungen normalisiert.
Ziel sei gewesen, die Beziehungen zwischen Israel und den Emiraten zu untergraben, erklärte das Außenministerium weiter. Außenminister Gideon Saar erklärte zudem, er habe mit seinem emiratischen Kollegen Abdullah bin Sajed Al Nahjan telefoniert. Beide hätten vereinbart, „gegen extremistische Elemente zusammenzuarbeiten, die die Sicherheit gefährden und die Stabilität untergraben wollen“. Flydubai betonte dagegen, die Hintergründe der Auseinandersetzung im Cockpit seien weiterhin ungeklärt.
Auf die Frage des Fox-News-Moderators Sean Hannity, ob es Hinweise auf eine Verwicklung des Irans in den Vorfall gebe, sagte Netanjahu dennoch: „Nun, wir wissen es noch nicht. ... Aber es ist kein Geheimnis, dass der Iran Israelis im Ausland und hier zum Ziel nehmen will.“
Verwendete Quellen: nbr/dpa/AFP/rts