Mythos vom friedlichen Affen platztSchock für Tierfans: Bonobos sind aggressiv wie Schimpansen!

Group of bonobos on green natural background. The Bonobo, Scientific name: Pan paniscus, sometime called the pygmy chimpanzee. Democratic Republic of Congo. Africa
Eine Gruppe Bonobos laust sich gegenseitig in friedlicher Eintracht.
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Eine Untersuchung an Zootieren ergibt, dass Schimpansen und Bonobos ähnlich aggressiv sind. Unterschiede gibt es eher zwischen den Geschlechtern als zwischen den Arten. Überraschend ist, wie stark die Gruppenzugehörigkeit das Verhalten prägt.

Aggressive Schimpansen, friedliche Bonobos: Eine Studie im Fachjournal „Science Advances“ widerspricht diesem Klischee. Demnach ist die Aggressivität beider Arten durchaus vergleichbar - auch wenn es manche arttypische Unterschiede gebe.

„Der Gegensatz zwischen aggressiven Schimpansen und friedlichen Bonobos könnte weniger eindeutig sein als bisher vermutet“, sagt Erstautor Emile Bryon von der Universität Utrecht. Zwar beruhe die Studie auf Analysen von Tieren in Zoos, räumt das Team ein. Die Ergebnisse deckten sich aber mit manchen Studienresultaten aus der Natur.

Von Schimpansen ist bekannt, dass sie innerhalb ihrer Sippen zu extremer Aggressivität mit tödlichem Ausgang neigen können. So ist etwa das Töten von Jungtieren keine Seltenheit. Bei Bonobos, die auch Zwergschimpansen genannt werden, scheint dies dagegen eher die Ausnahme zu sein. Und insbesondere Gewalt zwischen verschiedenen Gruppen scheint bei Schimpansen gängiger zu sein.

Erklärt wurde dies mit den unterschiedlichen Lebensräumen beider Arten: Die nördlich des Kongo-Flusses lebenden Schimpansen müssen demnach viel stärker untereinander um das ungleich verteilte Nahrungsangebot konkurrieren und sich zudem auch mit Gorillas auseinandersetzen. Das ist bei den südlich des Kongo lebenden Bonobos nicht der Fall – sie leben gewissermaßen im Überfluss.

Das Team aus Utrecht und Antwerpen analysierte nun das Verhalten von Tieren ab dem Alter von sieben Jahren in verschiedene europäischen Zoos: 9 Gruppen mit zusammen 101 Gemeinen Schimpansen (Pan troglodytes) dieser Altersgruppe und 13 Gruppen von zusammen 88 entsprechend alter Bonobos (Pan paniscus). Dabei ging es ausschließlich um Aggressionen innerhalb einer Gruppe.

Mit sieben Jahren seien die Tiere so weit entwickelt, dass sie sich eigenständig in das soziale Netzwerk ihrer Gruppe integrieren könnten, schreibt das Team. Eine Auswertung mit Tieren ab zwölf Jahren, die in der Studie als vollständig ausgewachsen gelten, habe größtenteils ähnliche Ergebnisse erbracht.

Im Gegensatz zu den Erwartungen „fanden wir keine Differenzen zwischen den Arten in absoluten Aggressionsraten“, schreibt die Gruppe. Unterschiede gab es allerdings hinsichtlich der Geschlechter: Während Aggressionen bei den Bonobos eher von Weibchen ausgingen und sich gegen Männchen richteten, war es bei den Schimpansen tendenziell umgekehrt. Dies spiegele die jeweilige Geschlechterdominanz innerhalb der beiden Arten wider, schreibt die Gruppe.

Zudem verweist das Forschungsteam auf eine 2024 erschienene Studie im Fachjournal „Current Biology“: Darin hatte ein Forschungsteam bei freilebenden Tieren in der Demokratischen Republik Kongo und Tansania Ähnliches berichtet.

Interessant ist auch ein weiteres Resultat der aktuellen Studie: Demnach hing das Ausmaß der Aggressivität bei beiden Arten sehr stark von der jeweils untersuchten Gruppe ab. Am aggressivsten waren zwei Bonobo-Verbände und ein Schimpansen-Verband, am wenigsten aggressiv waren ebenfalls zwei Bonobo-Gruppen und eine Schimpansen-Gruppe.

„Unsere Ergebnisse tragen zu den zunehmenden Belegen dafür bei, dass Verhaltensmuster in der Gattung Pan, darunter Aggression, stärker durch die Identität der Gruppe beeinflusst werden als durch Spezies-weite Eigenschaften“, bilanziert das Forschungsteam.

Die aussagekräftigen Ergebnisse der Studie seien durch die Daten gut abgesichert, kommentiert Gottfried Hohmann vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. „Ob die Beobachtungen im Zoo auch für freilebende Primaten gelten, kann man allerdings nicht sagen“, betont er. „Dazu sind die Lebens- und Haltungsbedingungen im Zoo und im Freiland einfach zu verschieden.“

So lebten Gruppenmitglieder im Zoo auf engem Raum immer zusammen - im Freiland könne dagegen jedes Tier entscheiden, mit wem es den heutigen Tag verbringt und mit wem nicht. Zudem sei bei den in Gefangenschaft lebenden Tieren etwa die Verfügbarkeit von Futter stets vorhersehbar. Die Konkurrenz um Sex und Fortpflanzung sei oft durch Eingriffe wie Kastration und Sterilisation beeinflusst.

Verwendete Quellen: Walter Willems, dpa