Wissenschaftler züchten teuflischen Computervirus: Das "Chameleon" kann ganze Städte infizieren

Das befallene WLAN-Gerät merkt nicht einmal etwas von der Infektion durch "Chameleon". Der Virus speichert vor dem Befall die Nutzereinstellungen des Geräts und spielt sie nach seinem Update wieder auf.
© picture alliance / dpa Themendie, Franziska Koark

06. Mai 2015 - 11:35 Uhr

Der perfekte Virus

Was britische Wissenschaftler der Universität Liverpool in einem ihrer Forschungslabors entwickelt haben, klingt wie der Stoff für einen James-Bond-Film. Das Ergebnis wird schon jetzt von vielen IT- und Hardwareexperten gefürchtet. Es ist ein Virus - genauer gesagt ein Computervirus. Der fiese Schädling hört auf den unscheinbaren Namen "Chameleon" und greift gezielt WLAN-Netzwerke an. Kein Gerät ist vor ihm sicher und kein Virenprogramm kann ihn derzeit aufhalten.

Epidemieartig breitet er sich aus. Er verbreitet sich durch die Luft und befällt Router um Router - ganz so wie ein echter Virus. In der modernen, vernetzten Welt sind Rechner und Mobiltelefone, aber auch Autos, Haushaltsgeräte oder Heizungen miteinander verbunden. In der Regel verbinden sich die Geräte über WLAN mit dem Internet. Fast jeder Haushalt, jede Firma, jede Behörde nutzt ihr eigenes Netz über Router (Access-Points). Hier setzt der Zombie-Virus an.

Er schleicht sich in die Einstellungen eines Routers und installiert eine eigene Firmware auf den Geräten. Damit das nicht auffällt, speichert "Chameleon" zuvor die Nutzereinstellungen und spielt sie nach seinem Update wieder auf. Aktiv wird er dann alle zwei Tage. Dabei scannt er seine Umgebung nach verfügbaren WLAN-Netzen ab. Erreichbar sind alle Geräte in einem Umkreis von 50 Metern.

Dann schickt das "Chameleon" den Code an alle Access-Points in seiner Reichweite und infiziert so die hilflose Beute. Router mit fehlender oder schwacher Verschlüsselung haben keine Chance. Sie sind dem Zombie-Virus schutzlos ausgeliefert – die Infektion bricht aus, sobald Kontakt besteht.

70 Prozent Infizierungsrate in nur drei Jahren

Wie ein Wirt befällt er die Netze und nutzt dabei die befallenen Access-Points zur Weiterverbreitung und zum Angriff auf verbundene Geräte. Ob Smartphone, Smart-TV, Kühlschrank oder Auto. Alle 'intelligenten' Geräte, die sich im selben Netzwerk wie das "Chameleon" befinden, werden gnadenlos angesteckt.

Besonders gefährdet sind öffentliche Netzwerke, wie sie oft in Hotels oder an Flughäfen anzutreffen sind. Indem "Chameleon" von Router zu Router springt, kann er sich in Städten mit ungeahnter Geschwindigkeit ausbreiten – quasi explosionsartig und exponentiell.

Seine Erfinder haben für London und Belfast die Zahl der Access-Points und deren Verschlüsselungsart ermitteln lassen. Danach rechneten sie durch, was "Chameleon" in diesen Städten anrichten könnte.

In Belfast gibt es rund 14.500 Router, von denen nur 61 Prozent eine sichere Verschlüsselung haben. 14 Prozent der Geräte sind schwach gesichert, 22 Prozent sind offen. In London zählte man annähernd 100.000 WLAN-Netze. 24 Prozent von ihnen sind ungeschützt, 19 Prozent schwach, und 48 Prozent sicher verschlüsselt. Gingen die Wissenschaftler von einer hohen Reichweite der Router von 50 Metern aus, wären nach drei Jahren in beiden Städten 70 Prozent der Geräte infiziert. Selbst bei einer minimalen Reichweite von nur zehn Metern hätte "Chameleon" in Belfast nach nur fünf Jahren mehr als 50 Prozent der Router befallen - in London nach 17 Jahren.

Weitere Einzelheiten teilten die Wissenschaftler nicht mit, um keine Anleitung für Kriminelle zu liefern. "Bisher galt es als unmöglich, einen Virus zu entwickeln, der WLAN-Netze angreift", sagte der Versuchsleiter Professor Alan Marshall. "Aber wir haben demonstriert, dass es möglich ist und dass sich so ein Virus schnell ausbreiten kann." Sein Team will nun auf Basis seiner Forschung neue Techniken entwickeln, damit künftig Antiviren-Programme Router vor WLAN-Viren schützen können.