Krimi im Check

"Wer das Feuer entfacht" von Paula Hawkins: Spannender Thriller und wichtiges Statement

Wer das Feuer entfacht - Keine Tat ist je vergessen von Paula Hawkins
Wer das Feuer entfacht - Keine Tat ist je vergessen von Paula Hawkins
© (c) Verlagsgruppe Random House GmbH, Muenchen

14. Januar 2022 - 13:16 Uhr

Von Tobias Elsaesser

Drei Frauen, die in fast unmittelbarer Nähe zueinander wohnen, einander aber kaum oder gar nicht kennen. Drei Frauen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher sozialer Stellung, aus ganz unterschiedlichen Gründen zutiefst verbittert und traumatisiert, geraten nach dem brutalen Mord an einem jungen Mann auf dessen Hausboot ins Visier der Ermittler. Alle drei hatten kurz zuvor Kontakt zum Opfer – und ein Motiv. Laura hatte in der Mordnacht einen One-Night-Stand mit dem jungen Mann. Carla, die Tante des Opfers, hatte ihren Neffen kurz vor der Tat besucht. Miriam wohnt auf dem Nachbarboot und hatte den Mord gemeldet – nicht ohne vorher noch Beweismittel vom Tatort zu entfernen.

Komplexe Konstellation

Das ist die Ausgangssituation im neuesten Roman der Bestseller-Autorin Paula Hawkins (Girl on the train). Klingt komplex, ist es auch. Vor allem, weil noch zwei weitere Frauen, bei denen die Fäden zusammenlaufen, eine entscheidende Rolle spielen: Angela – sie ist die Mutter des Toten und Carlas Schwester – und Irene, Angelas Nachbarin und beste Freundin, für die Laura gelegentlich Besorgungen macht. Vielleicht hätte sich hier – wie in manchen Blogs kritisch angemerkt wird – ein Personenregister gelohnt, nach einigen Seiten aber hat man einen guten Überblick über die Figurenkonstellation, die den Boden für ein grandioses Drama bereitet, das viel mehr ist als "nur" ein Kriminalroman.

Denn je weiter die Handlung fortschreitet, um so mehr Abgründe tun sich in "Wer das Feuer entfacht"* auf. Meisterlich zieht Hawkins den Leser in die Seele, das Leben und Vergangenheit dieser Frauen und lässt ihn mit Empathie an ihren Schicksalen teilnehmen. Alle drei sind nach dem Leid, das sie erfahren mussten, auf der Suche nach irgendeiner Art von Frieden mit sich selbst und ihrer Vergangenheit, was auch immer dies kosten mag. Und so wird "Wer das Feuer entfacht" zu einem intensiven Leseerlebnis. So sehr, dass nicht nur die Frage im Raume steht, welche der drei Frauen bereit ist, zum Äußersten zu gehen, sondern man auch sich selbst zu fragen beginnt: Wie weit würde ich an ihrer Stelle gehen?

Viel Spannung - viel Drama

"Wer das Feuer entfacht" ist ein weiterer genialer Kriminalroman von Paula Hawkins und gleichzeitig ein großes Drama. Stellenweise vielleicht etwas zu viel Drama, denn von Vernachlässigung über Misshandlung bis Missbrauch, von Betrug über Vertrauensbruch bis Ausgrenzung und Diskriminierung, von Verachtung über Scheidung bis hin zum Verlust des eigenen Kindes – es gibt kaum eine Tragödie, die nicht mindestens eine der Frauen erlebt hätte. Aber ein Roman ist auch immer Verdichtung und Zuspitzung. Und all die Tragödien und Missstände, die Hawkins schildert und viele mehr, finden täglich unbemerkt überall auf der Welt statt. Paula Hawkins' "Wer das Feuer entfacht" ist ein spannendes und zugleich ein wichtiges und beachtenswertes Statement zur Lage unserer Gesellschaft.

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