30 Jahre Musik, die große Emotionen weckt

VNV Nation-Frontmann Ronan Harris: „Ich fühle unglaubliche Verantwortung beim Songschreiben“

VNV Nation-Frontmann Ronan Harris
© Franz Schepers

31. Dezember 2019 - 11:09 Uhr

von Claudia Spitzkowski

Was vor knapp 30 Jahren im Schlafzimmer von Ronan Harris mit ein paar Keyboards begann, ist heute ein mega erfolgreiches Elektro-Alternative-Projekt: VNV Nation. Im Oktober letzten Jahres wurde das aktuelle Album "Noire" veröffentlicht und von Ronan und Co. 2019 live auf Tour vorgestellt. Als besonderes Geschenk an die Fans gab es zum Jahresabschluss noch eine Handvoll Weihnachtskonzerte oben drauf. Als ich am 21. Dezember um 17 Uhr vor dem Kulttempel in Oberhausen zu meinem Interview-Termin mit Ronan ankomme, warten vor der Tür schon die ersten Fans in der Kälte - obwohl der Einlass für das ausverkaufte Konzert erst ab 20 Uhr startet. Drinnen empfängt mich ein entspannter Ronan an der Theke (er trinkt Kaffee), während hinter ihm der Soundcheck vorbereitet wird.

Für Ronan Harris sind die VNV Nation-Songs sein „Tagebuch“

RTL-Redakteurin Claudia Spitzkowski und VNV Nation-Frontmann Ronan Harris beim Interview im Kulttempel in Oberhausen am 21.12.2019.
RTL-Redakteurin Claudia Spitzkowski und VNV Nation-Frontmann Ronan Harris beim Interview im Kulttempel in Oberhausen am 21.12.2019.
© Claudia Spitzkowski

​Wegen der draußen Wartenden frage ich Ronan nach den enthusiastischen VNV Nation-Fans. Unterscheiden diese sich eigentlich weltweit?

Ronan: "Generell ist vieles gleich. Amerikaner argumentieren mehr über die Bedeutung der Songs. Dabei kommen schon mal verrückte Theorien raus. Da muss ich sie manchmal einfangen und sagen: 'Nein, eigentlich ist es ziemlich eindeutig, wovon der Song handelt.' Aber es ist immer, als würde man mit Freunden sprechen. Wenn du unsere Musik magst, dann sing sie mit, schrei sie heraus, mach Party! Aber da ist jedes Land anders. Wenn sie eine etablierte Szene haben, sind sie laut und schreien, wenn du in einem Land spielst, wo die Szene nicht so anerkannt ist, sind die Fans leiser. Aber es gibt keinen Unterschied, wenn du mit ihnen sprichst. Amerika hat mehr eine Celebrity-Kultur, sie behandeln dich anders. Aber das ist der einzige Unterschied. Ich habe die tollsten Freunde - Freunde seit vielen Jahren – in allen Ländern gefunden. Es ist eine wunderbare Erfahrung."

Fühlt sich Ronan in der Verantwortung, wenn Fans auf ihn zukommen und ihm erzählen, dass der eine oder andere VNV Nation-Song eine ganz besondere Bedeutung für sie hat? 

Ronan: "Die Songs sind mein Tagebuch. Meine Gedanken, meine Sicht auf die Dinge. Aber es gibt Songs, die ich geschrieben habe, wie zum Beispiel "Illusion", bei denen mir klar ist, was sie für eine Bedeutung für Menschen haben könnten. Du denkst auf zwei Ebenen: Wird die Masse es als großartigen Song mögen oder ist es eher etwas für eine kleinere, spezielle Gruppe von Menschen, die sich damit identifizieren können, weil sie es selbst erlebt haben? Meine Partnerin fragt mich immer, wie ich damit klarkomme, dass mir so viele Leute schreiben, dass sie am Ende waren und mein Song ihnen das Leben gerettet habe. Ich sage immer: 'Das habe ich nicht. Das hast du ganz allein gemacht. Da war etwas in dir, dass sich verändern wollte und der Song hat dir den Schubser gegeben, es zu tun.' Aber mich hat wirklich berührt, wie viele Teenager mir wegen 'Illusion' geschrieben haben. Inspiriert wurde der Song von der Tochter eines Freundes. Er fragte mich, ob ich mit ihr sprechen könne, denn sie ging durch eine schlimme Phase. So wie viele Mädchen, die der alternativen Szene angehören. In der Schule war ich mit vielen befreundet. Sie wurden oft dumm angemacht und hatten niemanden, mit dem sie über ihre Gefühle und ihren Schmerz sprechen konnten. Es ist wichtig, sich über diesen Zustand zu erheben und sich von diesen dummen, oberflächlichen und spießigen Leuten nicht in die Knie zwingen zu lassen! Du solltest an den Punkt kommen, wo du sie dir anschaust – nicht auf sie herabschaust - sondern einfach nur siehst, dass sie so gemein zu dir sind, weil sie es einfach nicht besser wissen und sich selbst damit erhöhen wollen. Du kannst ein besserer Mensch sein und einen besseren Weg wählen. Oder in deinem Hass auf sie und dich stecken bleiben. Die Tochter meines Freundes ist heute eine wunderbare, erwachsene Frau und ich glaube, sie weiß noch nicht einmal, dass der Song existiert. Und das ist auch gut so.

Aber um deine Frage zu beantworten: Ja, ich fühle unglaubliche Verantwortung beim Songschreiben. Schon seit ich 'Empires" geschrieben habe, das eine unglaublich emotionale Auswirkung hatte und irgendwie auch mich gerettet hat. Ich hatte die Wahl, aufzuwachen oder einfach so weiter zu machen. Ich erlebte damals eine Verletzung nach der andere. Ich war ein naiver und romantischer Junge und diese Phase hat mich hart gemacht. Damals bin ich in eine Art Rüstung geschlüpft. Das Album war meine Chance, Dinge auszusprechen, die ich sonst niemals gesagt hätte. Als 'Empires' dann rauskam, kamen so viele Leute auf mich zu und ich verstand, welche große Verantwortung ich hatte. Menschen erzählten mir plötzlich die intimsten Details ihres Lebens. Ich gebe dir ein Beispiel: Ein richtig tougher Security-Mann kam irgendwann auf mich zu und fragte mich: 'Du hast diesen Song geschrieben, oder?' Ich dachte, er haut mir eine rein. Und er so ganz knapp: 'Mein Vater ist gestorben. Das war wirklich hart. Der Song hat geholfen. Danke.' Und damit ging er. Manche Leute brauchen Stunden, um dir ihre Gefühle zu offenbaren, aber das hat mich wirklich sehr berührt."

„Ich kam von der Bühne und fühlte mich, als hätte mich ein Lastwagen angefahren“

Ronan Harris legte vor knapp 30 Jahren den Grundstein für VNV Nation.
Ronan Harris legte vor knapp 30 Jahren den Grundstein für VNV Nation.
© Franz Schepers

Das Konzert in Oberhausen wird das vorletzte Weihnachtskonzert von VNV Nation in diesem Jahr sein. Zeit für einen Rückblick. Was war dein persönliches Highlight 2019, Ronan?

Ronan: "Mera Luna. Ohne Frage! Als ich von der Bühne kam, hatte ich das Gefühl, für eine Stunde eine andere Person gewesen zu sein. Da war eine seltsame, verrückte Energie am Werk. Es fühlte sich an, als würde ich etwas Mächtiges heraufbeschwören. Ich kam von der Bühne und fühlte mich, als hätte mich ein Lastwagen angefahren. Es war spektakulär! Vor allem die Sache am Ende mit den Trommlern (bei "All our Sins", Anmerkung d. Red.). Ich hatte darüber schon länger nachgedacht. Ich habe es mir nachher im Stream angeschaut – ich sehe das Konzert ja nicht, ich schaue ins Publikum – und ich hatte dieselbe Gänsehaut wie jeder, als ich es gesehen habe. Es ist ein wichtiger Song, der davon handelt, wo die Menschheit gerade hintendiert. Ich wollte, dass er Eindruck hinterlässt. Er sollte sich fast wie ein Aufruf zur Schlacht anhören. Selbst, wenn niemand zuhört, dann habe ich es gesagt, weil ich das Gefühl habe, ich kann das einfach nicht für mich behalten."

30 Jahre VNV Nation - das muss gefeiert werden

Ronan Harris beim Dreh zum Video "When Is The Future" in Tokio.
Ronan Harris beim Dreh zum Video "When Is The Future" in Tokio.
© Michael Winkler

2020 wird ein besonderes Jahr für die Band. VNV Nation wird 30. Zum Jubiläum wird es ein großes Fan-Event in Gelsenkirchen geben. Was können die Fans erwarten?

Ronan: "​Wir haben mit Stephan von Apoptygma Berzerk schon lange darüber gesprochen, mal etwas zusammen zu machen. Nun ist die Gelegenheit. Und ich habe auch immer gesagt, wenn du ein so besonderes Event planst, dann stell ein Paket von Bands zusammen, die du magst. Wir planen so viele Dinge für die Show, damit die Fans das Gefühl haben, alles zu bekommen und nicht nur auf einem Festival gewesen zu sein, wo sie ein paar Bands gehört haben. Es wird möglicherweise auch ein paar Duette geben. Ich fände es toll, wenn die Bands zusammen performen würden. Und wir werden ein paar Überraschungsgäste haben. Und neue Musik!"

Neue Musik, das klingt gut!

Ronan: "Wenn das neue Studio endlich fertig ist, wird es neue Musik geben. Ich habe so viel Material, das ich bislang nicht genutzt habe. Ich habe auch mit anderen Künstlern an Musik gearbeitet, das würde ich gerne mehr machen. Mein Gefühl für 2020 ist, dass ich frei bin zu tun, was ich mag. Ich würde gerne mit anderen Künstlern an etwas arbeiten, das ziemlich experimentell ist, was ich noch nie zuvor machen konnte. Außerdem schreibe ich gerade eine Menge neue orchestrale Musik. Es wird ein arbeitsreiches Jahr."

Wenn der heutige Ronan dem Ronan vor 30 Jahren einen Brief schreiben könnte ...

Ronan: "Ich würde ihm raten, einigen Leuten aus dem Weg zu gehen. Das Problem daran ist nur, dass es verändern würde, wer er heute ist. Ich bin das Ergebnis vieler Erfahrungen und ich möchte nicht verändern, was passiert ist. Da war viel Schmerz dabei, den man eigentlich nicht erfahren wollte, aber du musst da durch, denn ohne ihn kannst du nicht lernen. Ich würde Ronan damals gerne treffen, frage mich aber, ob ich ihn mögen würde. Ich würde vielleicht denken, dass er zu naiv und dumm ist. Ich würde ihm einen Brief geben auf dem steht 'Nicht öffnen bis zu dem oder dem Zeitpunkt – und wenn du ihn aufmachst, weißt du, warum'.

Ich würde vermutlich meine Ratschläge annehmen, wenn der ältere Ronan auftauchen würde und mir sagen würde, du wirst deine Haare verlieren, komm einfach damit klar und genieße es, solange sie da sind. Und kaufe bitte dies, dies und dies, weil du es später nicht mehr bekommst und das bitter bereuen wirst. Musikalisch würde ich ihm sagen, dass er auf dem richtigen Weg ist, und dass es okay ist, allein in seinem Zimmer zu sitzen und seine Gefühle in Musik zu packen. Das muss gar nicht traurig sein. Für mich ist es wundervoll, allein in meinem Zimmer zu sitzen und Musik zu machen, die mich bewegt – und diese dann mit anderen Menschen zu teilen."

"Ein Beispiel ist 'All our Sins'. Als "Noire" gemastert werden sollte, habe ich 24 Stunden rund um die Uhr gearbeitet und zwei Tage nicht geschlafen. Die Vocals habe ich um 2 Uhr morgens eingesungen - um 9 Uhr sollte das Album zum Mastering. Ich stand am Mikrofon und plötzlich hatte ich meine Lyrics, keine Ahnung, woher die kamen. Es fühlte sich an, als würde ich etwas heraufbeschwören. Und da stehe ich und singe mit dieser Stimme, die ich bei mir selbst noch nie gehört habe. Ich habe den ganzen Track in einem einzigen Take aufgenommen. Es fühlte sich an, als würde ich einen Song singen, den ich schon immer kannte. Das was eine einzigartige Erfahrung. Sie haben es um 9 Uhr abgemixt und ich hörte es dann das erste Mal im Auto auf der Heimfahrt vom Studio. Ich hatte nicht geschlafen und war sehr emotional. Und als die Drums einsetzten, musste ich rechts ranfahren, weil es mich so überwältigt hat."

Auf Zeitreise in die 30er-Jahre

Ich weiß, dass Ronan ein großes Faible für die 20er und 30er Jahre hat. Welche Musik würde er wohl machen, wenn er damals gelebt hätte?

Ronan: "Wow! Diese Frage hat mir noch niemand gestellt! Meine Lieblingssänger aus dieser Zeit kennt vermutlich kaum jemand. Da ist eine Sängerin aus den Dreißigern, die Mildred Bailey heißt. Sie war eine große Inspiration für Billie Holiday. Ihre Stimme klang immer ein bisschen traurig, melancholisch. Vermutlich hätte ich besser Klavierspielen gelernt und würde meine Zeit damit verbringen, Musik für Orchester zu schreiben. Es ist etwas Besonderes in einem Raum mit nur einem Sänger oder eine Sängerin zu sitzen. Vielleicht wäre ich auch ein Solo-Künstler geworden. Ich würde in der Zeit damals gerne durch die USA touren. Ich würde mir ein 1937 Lincoln Zaphod Coupé kaufen und von New York nach L.A. via Chicago reisen. Es gibt viele Dinge in dieser Ära, die ich toll finde, aber auch viele, die ich nicht mag. Würde ich zurückreisen können, wäre ich sicher jemand, der den Menschen damals die Idee vermitteln würde, dass sie Dinge ändern sollten. Keine Zeit ist perfekt. In 100 Jahren werden Menschen auf unsere Ära zurückblicken und sagen: 'Was haben die sich bloß gedacht!' Es ist arrogant anzunehmen, dass wir perfekt wären."

Danke, Ronan, für das wirklich nette Interview!