Vater von Natascha Kampusch rechnet mit Buch ab: "Das Mädchen aus dem Keller ist ein Mythos"

26. April 2013 - 14:28 Uhr

Der Überlebenskampf der entführten Natascha Kampusch nur erlogen?

Der Fall Natascha Kampusch lässt uns bis heute nicht los, jetzt ist er auf der Leinwand angekommen: Das Entführungsdrama '3096 Tage' feierte gestern in Wien Weltpremiere. 109 Minuten erzählen das jahrelange Martyrium der heute 25-Jährigen. Der Film zeigt, was passiert ist. Vieles ist nur schwer zu ertragen. Kampusch selbst ließ sich zu Beginn des fast zweistündigen Dramas im schwarz-roten Kleid vor den Plakaten fotografieren, sagte aber kein Wort. Ihre Eltern verließen nach der Vorstellung ohne Interviews und sichtlich bewegt den Kinosaal.

Natascha Kampusch, 3096 Tage, Ludwig Koch
Der Vater von Natascha Kampusch, Ludwig Koch, rechnet in seinem Buch 'Missing' mit seiner Tochter ab.
© obs, N24

Das Verschwinden des zehnjährigen Mädchens 1998 in Wien hatte eine riesige Suchaktion ausgelöst. Achteinhalb Jahre hielt sie ihr Entführer Wolfgang Priklopil in einem winzigen Kellerverlies gefangen und misshandelte sie. 2006 gelang ihr aus eigener Kraft die Flucht, ihre Geschichte löste weltweit riesiges Medieninteresse aus.

Doch während Natascha Kampusch aus dem Kellerverlies fliehen konnte, kann sie das vor ihrer Familie nicht. Nur wenige Stunden nach der Filmpremiere veröffentlicht heute Nataschas Vater Ludwig Koch in London das Buch 'Missing' ('Vermisst') mit seiner Sicht auf das Martyrium. Und: Er zweifelt die ganze Geschichte an.

"Der Keller schaut so aus, als wenn in diesem Raum nie jemand für lange Zeit lebte. Das Mädchen aus dem Keller ist ein Mythos", schreibt Koch. "Sie wartete mit ihrer Flucht, bis sie 18 war, weil sie nicht in ein Heim wollte oder zu ihrer Familie zurück." Auch die Theorie vom Einzeltäter stimmt laut Koch nicht. Es gäbe Zeugen, die bei Nataschas Entführung zwei Männer gesehen haben wollen. Im Verdacht hat Koch einen Freund von Priklopil, Ernst Holzapfel. "Er ist der Schlüssel zum Rätsel. Ich will ihn vor einem Gericht sehen, dass er unter Eid erklärt, was er weiß", heißt es in dem Buch. "Warum hatte Ernst H. nach Nataschas Flucht Zutritt zu Priklopils Haus? Warum fragte er: 'Hat er sie getötet?'".

Über die Beziehung von Natascha zu ihrem Entführer schreibt Koch: "Was sich zwischen Natascha und Priklopil entwickelte, was sie für ihn empfunden hat, das erscheint verschleiert. Polizeibeweise lassen mich glauben, dass sie nicht ehrlich war, wenn sie über ihr Leben mit Priklopil spricht. In späteren Jahren durfte sie in seinem Bett schlafen." Für den Vater ist es eindeutig: Seine Tochter entkam, weil sie wollte, und sie blieb lange, weil sie es wollte. Merkwürdig findet Koch, dass sie ihn "Verbrecher" nannte, aber sich nach seinem Selbstmord auf seinen Sarg stürzte und weinte.

Kampusch erlebt Kreuzfeuer von Kritik und Hass

Schon 2006, kurz nach der Flucht, kursierten die ersten Verschwörungstheorien: Zu gefasst wirkte die damals 18-Jährige für viele bei ihrem ersten Fernsehinterview, zu wenig erfüllte sie das Klischee des gebrochenen Opfers. Dann beflügelten aufgetauchte Ermittlungspannen und ein Ermittler, der Selbstmord beging, die Gerüchte. Kampusch verschweige etwas, da stecke mehr dahinter, erzählt man bis heute bis in die höchsten Kreise in Wien hinter vorgehaltener Hand.

In der weitgehenden Anonymität des Internets geht es offener zu: "I hab von Anfang an gesagt, dass die Kampusch nicht die ganze Wahrheit sagt!", orakelt beispielsweise ein Nutzer im Online-Forum der Boulevardzeitung 'Österreich'. "Liebe Natascha, bitte tu mir einen gefallen, verabschiede dich von der Öffentlichkeit, das ist ja schon peinlich wie du dich immer wieder an die Öffentlichkeit drängelst", heißt es bei Facebook. Viele Kommentare sind so obszön und beleidigend, dass die Foren-Betreiber sie schnell wieder löschen.

"Verstehen kann ich den Hass nicht. Wenn ich etwas nicht wissen will, muss ich es ja nicht lesen oder im Fernsehen anschauen", sagt ihr Anwalt Gerald Ganzger der 'Kleinen Zeitung'. Der Vorwurf, Kampusch sei mediengeil, sei falsch: "Wir haben Einladungen großer Talkshows in den USA abgelehnt." Psychologen erklären die Hass-Welle mit der klaren, starken Haltung von Kampusch und dem unfassbaren Verbrechen, dass in den Betrachtern eine Mischung aus Verunsicherung und Verstörung auslöse. Sie biete mit ihrer medialen Präsenz eine gute Projektionsfläche, um sich abzureagieren. "Das ist so, wie wenn man jemandem, der am Boden liegt, noch einen Tritt gibt, damit er da bloß liegen bleibt. Man darf dann nur noch das Haus am Rande der Ortschaft in der Nähe des Friedhofs bewohnen", beschrieb Kampusch einmal selbst die Angriffe gegen sie.

Heute sei nicht mehr Priklopil, sondern die Öffentlichkeit der selbst ernannte Wärter über Kampuschs Leben, schreibt die 'Tiroler Tageszeitung'. Doch man dürfe der jungen Frau nicht verwehren, die Geschichte ihres Lebens zu erzählen: "Und sie muss es wohl auch. Um zu sich zu finden. Wen's stört, der soll weghören."